Im Abgeordnetenbüro – einst und jetzt
mit Update abends
Die grosse Mehrheit meiner Berufsjahre war es nicht so. Am besten waren die 10 als MdL-Mitarbeiter bei meinem heutigen Mitautor Roland Appel. Wir kannten uns, seit wir Schülerreferenten in den Landesvorständen der Jungdemokraten BaWü und NRW waren. In den 80ern, als er schon Grüner war, ich aber noch nicht, arbeiteten wir exzellent für den Volkszählungsboykott zusammen. Noch bevor er 1990 in den NRW-Landtag gewählt wurde, quatschte er mich an, ob ich mitgehen würde, für eine anfänglich halbe Stelle, die auf eine ganze erweitert werden solle.
Ich sagte zu, und habe es nicht bereut. Die ersten fünf Jahre (1990-95) in der Opposition gegen eine absolute SPD-Mehrheit waren echte Pionierjahre. Die Arbeitsatmosphäre in der Grünen-Fraktion war fantastisch gut, 1995 folgten fünf Jahre rot-grüne Koalition in einer politisch gespaltenen Fraktion. Es waren die Mitarbeiter*innen, die den Laden dennoch atmosphärisch zusammenhielten. Das war sehr viel Stress für alle Beteiligten. Für mich war es positiver Stress. Überstunden wurden nicht gezählt. Wie im Fussball war mann und frau für das Team da.
Mein Chef zeigte Wertschätzung und Respekt für mein Engagement. Und er war – meistens, nicht immer – sehr gut beratbar. In Fällen, in denen er es nicht war, trug er den Schaden, nicht ich. Das waren meine besten Berufsjahre. Es folgten die 5 zweitbesten bei Thomas Rommelspacher, die mir dankenswerterweise die mir Freundin gebliebene Barbara Steffens vermittelte. Thomas’ Nachteil war, dass er morgens um 7 schon quicklebendig im Schwimmbad rumtollte, und montagsmorgens um 8 dozierte er hellwach an der Uni Duisburg/Essen. Während es zuvor mühelos war, vor Roland im Büro zu erscheinen. Aber ich will nicht abschweifen.
Schon damals regierte der Missstand, dass Abgeordneten-Mitarbeiter*innen arbeitsrechtlich prekäre Mitarbeiter*innen zweiter Klasse waren. Befristet beschäftigt, wie die gewählten Abgeordneten, aber viel, viel schlechter bezahlt (und altersversorgt!). Die damalige Grünen-Landtagsfraktion kompensierte das geringfügig und freiwillig, also juristisch nicht einklagbar, durch eine Betriebsvereinbarung, deren Inhalt ein gemeinsamer Betriebsrat und eine geringe Abfindung im Falle von Nicht-Weiterbeschäftigung war. In einen Fond, der das finanzierte, spendeten die Abgeordneten freiwillig (manche auch nicht). So erhielt ich 2005 12.500 €, die ich selbst zu versteuern und Sozialabgaben zu zahlen hatte.
Dem seinerzeitigen Betriebsrat sass übrigens einige Jahre unsere spätere Oberbürgermeisterin Katja Dörner vor, die dort einen sehr guten Job machte. Die dort erarbeitete Beliebtheit im grünen Fussvolk sollte später noch nützlich für sie werden …
Wie kommichdrauf?
Gebessert hat sich 2-3 Jahrzehnte später offenbar nichts. Das illustriert diese taz-Recherche von Kersten Augustin und Tobias Schulze:
“Mitarbeiter von Bundestagsabgeordneten: Zwischen Buddy und Butler – Ein Mitarbeiter der SPD-Abgeordneten Maja Wallstein verklagt seine Chefin. Die Grünen wehren sich gegen Betriebsrat und Tarifvertrag. Beuten Bundestagsabgeordnete ihre Mitarbeiter aus?”
Es nähert sich eher der Hölle. Das ist kein Wunder, denn meine privatsoziologischen Forschungen über das Wesen deutscher demokratischer Politiker*innen zeigen einen kontinuierlichen Niedergang von Charakterstärke, Sozialkompetenz und Kommunikationsfähigkeit. Die Personen in ihrer Nähe leiden am meisten darunter. Fälle, wie der von der taz beschriebene in der SPD, gab es auch damals schon – in allen Parteien ist das eher die Regel als die Ausnahme. In der NRW-Landtagsfraktion der Grünen hatten wir damals – recht löchrige, aber immerhin – Auffangnetze. Doch offenbar haben die Grünen frühere Erkenntnisse über Bord geworfen, um so zu werden, wie die Anderen schon waren.
Obwohl ich hier noch eine These habe, die dem nur scheinbar widerspricht. Historisch betrachtet, und wiederum nur gemäss meiner privatgelehrten Forschungen, war die Schlimmste von allen Chefinnen und Chefs niemand Geringeres als Petra K. Kelly. Niemand wollte/will vor oder nach ihrem Tod öffentlich darüber sprechen. Einzelne der Betroffenen sprachen privat mit mir darüber. Für Kelly schien zu gelten: wer rücksichtslos zu sich selbst ist, darf es auch gegenüber Anderen. Ein falsche Logik sehr vieler Berühmtheiten.
Ich zog es vor, nicht berühmt zu werden.
Update abends
Vorschläge, die schon in den 90ern hätten angepackt werden können
Tarifverträge/Betriebsvereinbarungen zwischen Gewerkschaften und Parlamenten zur arbeitsrechtlichen Gleichstellung von Abgeordneten-Mitarbeiter*inne*n. Verfassungsmässig kann keine*r Abgeordnete*r zu irgendwas genötigt oder gezwungen werden – die Parlamente als Körperschaft können aber sehr wohl kollektive Verpflichtungen (Beratung durch Betriebsräte, Arbeits- und Gesundheitsschutz, Weiterbeschäftigung oder Übergangsgelder, Alterssicherung etc.) eingehen.
Die Abgeordneten können vor Antritt ihres ersten Mandats zum Besuch einer Schulung “Wie werde ich ein*e gute*r Arbeitgeber*in?” verpflichtet werden. Nur mit diesem “Führerschein” kann die Kostenpauschale ausgezahlt werden. Die Abgeordneten können diese Schulung auch eigeninitiativ, z.B. über eine interfraktionelle Genossenschaft, selbst autonom organisieren (= Freiheit des Mandats), wenngleich im Parlamentsapparat das nötige Knowhow gewiss vorhanden und abrufbar ist.

Was Petra Kellys Umgang mit Angestellten angeht, habe ich das gleiche gehört.
was Deine Vorschläge zur Stellung der Abgeordnetenmitarbeiter;innen angeht, die finde ich richtig und gut
Lieber Martin, wir – d.h. Betriebsrat und GF in der alten GRünen Bundestagsfraktion hatten versucht, die Arbeitsverhältnisse zu verbessern, genau das gemacht, nämlich Einführungsseminare für neue Abgeordnete in Mitarbeiterführung durchzuführen (1987) und die Mittel für Abgeordnetenmitarbeiter:innen zu “poolen”, d.h. sie nicht nur besser auszunutzen, sondern für alle zwei Besoldungsniveaus (BAT 2a für Wiss. und BAT 4b für Sachbearbeiter*innen einzuführen, einen Sozial- und Übergangsfonds aus Spenden von Abgeordneten für Mitarbeitende anzulegen, die beim Wechsel der Legislaturperione nicht übernomen werden und die Verträge für Fraktionsmitarbeiter:innen zu entfristen. Der “Rausflug” aus dem Bundestag Dezember 1990 und die “Abwicklung” der Fraktion durch Uwe Günther beendete dieses Reformmodell leider für immer. Im Landtag NRW hatten wir nicht die vergleichbaren Mittel, um entsprechende Modelle einzuführen.Dein Lob für mich als Arbeitgeber macht mich immer ein bisschen verlegen, weil ich – auch in meiner späteren Tätigkeit als Unternehmensberater denke, dass das selbstverständlich sein sollte.
Als ehemaliger Betriebsrat der Grünen Bundestagsfraktion darf ich das Geheimnis um Petra Kellys Personalpolitik deshalb auch gerne lüften: Sie verschliss während ihrer fünf Jahre im Bundestag 36 persönliche Mitarbeiter:innen durch Einstellung und plötzliche z.T. willkürliche Entlassung. ( z.B. weil die Person nicht wirklich ALLE Artikel aus allen Tageszeitungen über ihren Besuch beim Dalai Lama ausgeschnitten und im BT-Büro, das deshalb aussah, wie eine Messie-Wohnung, abgelegt hatte.) Sie schrieb den Opfern ihrer Personalpolitik unsägliche Zeugnisse, “….hat sich bemüht, ihre Aufgaben zu erfüllen…” die ich heute noch habe. Bei allen politischen Meinungsunterschieden, die wir hatten, DANK an Michael Vesper, der als damaliger Fraktionsgeschäftsführer mit uns als Betriebsrat Hand in Hand alles Mögliche unternommen hat, um diese Personen wo immer möglich anderweitig in der Fraktion unterzubringen oder in andere Jobs zu vermitteln.
Was Du und die Mehrheit der minderinformierten Öffentlichkeit mit einigem Recht als “selbstverständlich” ansiehst, ist die Ausnahme. Und damit sind wir pardauz direkt beim Ursachenkern der gegenwärtigen deutschen Wirtschaftskrise, ihrer steigenden Krankenstände und übrigens auch der Fussballkrise (der Herren)
https://taz.de/DFB-Nachwuchs-Es-braucht-mehr-als-die-juengste-Reform/!6195639/
die alle zusammen unmittelbar die Demokratiekrise mitbringen … ein weites Feld.