Acht Stimmen aus der zeitgenössischen brasilianischen Literatur

Die spannendste brasilianische Literatur ist viel­leicht nicht dort, wo man sie sucht. Sie wird von einer Frauengeneration geschrieben, die von den geografischen, verlegerischen und sozialen Rändern aus erzählt und dabei die Position der Außen­seiterin in Stärke verwandelt. Hier werden acht neue Erzählerinnen vorgestellt, die in ihrer Vielfalt zur derzeit lebendigsten brasilianischen Literatur zählen. Es gibt keine Schule, kein Mani­fest, keine Formel, einfach nur acht Arten, Brasilien zu betrachten, ohne den Blick abzuwenden.

Sandra Godinho: Eine Tote erzählt ihr Leben

Sie ist knapp über 60 Jahre, hat einen Master in Literaturwissenschaft, ist gebürtige Paulista, lebt aber seit mehr als zwei Jahrzehnten in Manaus. Sandra Godinho hat bereits zwölf Bücher veröffentlicht und eine ganze Reihe von Preisen erhalten. Ihr jüngster Roman, „Memórias de Uma Mulher Morta“ (Verlag Praga Toma Aí Um Poema, 2025) ist ihr gewagtester: Maria spricht dort, dabei ist sie tot. Sie rekonstruiert ihre eigene Geschichte, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im Hinterland von Rio Grande do Sul spielt: die Kindheit in einer Kolonie italienischer Migrant*innen, ihr Erwachsenenleben als Arbeiterin in der Metallfabrik „Metalúrgica Gedaff“ (die auf die Explosion vom 22. Juli 1943 in der „Metalúrgica Gazola“ in Caxias do Sul anspielt, bei der sechs Arbeiterinnen ums Leben kamen). Ihre Prosa ist schonungslos und symbolisch und der Roman – über Arbeit, Klassenunterschiede, Unterdrückung und das Schweigen, zu dem Frauen gezwungen werden – ist weit mehr als eine Geschichte aus einer vergangenen Zeit. „Ein Buch, das uns daran erinnert, warum wir lesen, warum wir schreiben, warum wir Widerstand leisten“, so die Verlegerin Mabelly Venson.

Daniela Bonafé: 13 Arten zu trauern

Die Künstlerin, Kunstlehrerin und Menschenrechtsaktivistin Daniela Bonafé aus São Paulo hat bereits neun Bücher veröffentlicht, von denen zwei übersetzt wurden. Doch „Rosas de Chumbo“ (Toma Aí Um Poema, 2025) ist, wie sie selbst sagt, ein „chacoalhão” (großes Wachrütteln). Das Buch hat keine durchgehende Handlung, sondern ist ein Mosaik aus 13 Kapiteln, in denen sich Gedichte, Chroniken, Tagebucheinträge, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Musik und Cordel-Literatur1 abwechseln und die QR-Codes enthalten, die die Leser*innen zu Playlists und Schlagzeilen führen. Jeder Text gibt einer von 50 Frauen eine Stimme, die während der brasilianischen Militärdiktatur (1964-1985) gefoltert, ermordet und verschwindengelassen wurden. Die fragmentarische Form ist das eigentliche Thema: Auf den Versuch, Menschen auszulöschen, antwortet Bonafé, indem sie jeder einzelnen eine besondere Art zu sprechen gibt. „Ich hoffe, jemand öffnet das Buch, damit ich schreien kann”, heißt es an einer Stelle. In einem Land, in dem diese Wunde gerade wieder geöffnet wird, wie die Aufregung um den Film „Ainda Estou Aqui“ (I‘m still here) zeigt. Der international erfolgreiche Film von 2024 wurde in Brasilien von der Rechten boykottiert. Er erzählt, wie sich eine Familie gegen Folter, Gefängnis und Verschwindenlassen wehrt. Das Buch ist Hommage und Anklage zugleich: Nie wieder Diktatur!

Mabelly Venson: Minicontos, die brennen

Das Leben von Mabelly Venson ist eine eigene Geschichte. Sie war Mathematikerin, bereitete sich auf das Auswahlverfahren für den Öffentlichen Dienst vor. Dann aber verkaufte sie ihr Auto, gab das Auswahlverfahren auf und setzte alles, was sie über Jahre hinweg angespart hatte, auf die Literatur und begann als Lektorin und „Buchhebamme“ bei „Toma Aí Um Poema“. Sie selbst schreibt über den „Frau-Körper“. In ihrem Buch „Gelo” (Verlag Comala, 2024) stehen eine Erzählung und 55 Minigeschichten, winzige Fragmente, die sie als „brennende Minicontos“ bezeichnet. Der Titel ist nur scheinbar paradox: Auch Eis brennt. Ihre minimalistische Prosa fängt den Augenblick ein, in dem der Alltag zum Abgrund wird. In einer dieser Geschichten betrachtet ein Mann, der auf einem Felsen am Meeresufer sitzt, den Sonnenuntergang, bis er seinen eigenen Namen vergisst. Er könnte der alte José oder der Junge Zezé sein, das ist unwichtig. Als die Sonne das Wasser berührt, rutscht er aus: In weniger als vier Minuten sind beide untergegangen, die Sonne und der Mann. Vor „Gelo“ setzte sich die Autorin in „Apenas mãe“ intensiv mit der Geburt und postpartaler Depression auseinander.

Jeane Imthon: Die B-Seite von Curitiba

Manche lesen „Lado B” (Toma Aí Um Poema) atemlos in einem Rutsch, selbst wenn es die ganze Nacht dauert, wie eine Leserin bekannte. Jeane Imthon schreibt über die Stadt, in der sie lebt und wo sie geboren wurde. Curitiba, die „Hauptstadt der Pinienwälder“ mit ihrem Lack aus Ordnung und gutem Benehmen, wird zur vielschichtigen Protagonistin mit vielen Leerstellen. Es ist ein Buch darüber, was gesagt und was verschwiegen wird, über die falschen Erzählungen und Halbwahrheiten, die eine Stadt und eine Familie über sich selbst erzählen. Imthon fügt die andere, die verborgene Seite hinzu. Neben den fiktiven Personen tauchen Erinnerungen und wiedererkennbare Figuren auf. Mit der Genauigkeit von jemandem, der die Stadt sehr gut kennt, beschreibt sie ein Curitiba, das unbedingt den Schein wahren will. Nicht zufällig hat die Kritik den Roman als Parabel über die kulturellen Kämpfe der Stadt gelesen, in denen entschieden wird, welche Geschichten erzählt werden dürfen. Es geht um die B-Seite der Schallplatte, die selten gespielt wird.

Isa Corgosinho: Zwischen Lust und Tod

„Es gibt Bücher, die Geschichten erzählen; andere schaffen Atmosphären.” Isa Corgosinho will mit „Eros e Thanatos em Plenos Pecados” (Praga/Toma Aí Um Poema, 2026) beides. Wie eine Sonate gliedert sich der Erzählband in vier Sätze: „Freude am Text“, „Eros und Thanatos“, „Voller Sünden“, „Das Heilige und das Profane“. Der griechische Titel kündigt das zentrale Thema an: Lust und Tod, beide zerren an der Frau in ihrer Mitte. Doch Corgosinho verliert sich nicht in abstrakter Gelehrsamkeit. Ihr Eros und Thanatos ist für Frauen aus Fleisch und Blut gedacht, die lieben, erkranken, begehren, Rache üben, Gewalt ausgesetzt sind, ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. In allen Geschichten erscheint der weibliche Körper als ein zugleich heiliges und entweihtes Territorium, begehrend und widerständig, Symbol für Lust, Ritual und Wiedergeburt. Flavia Quintanilha spricht in der Einleitung von einer lyrischen, kritischen und sinnlichen Schreibweise, die im selben Satz andächtig und blasphemisch zugleich sein kann.

Bárbara Mançanares: Schreiben mit Nadel und Faden

„Ich bin Bárbara Mançanares, aus dem Busch im Landesinneren von Minas Gerais.“ So unzeremoniell stellt sie sich vor. Sie geht barfuß, verwandelt ihr Haus in einen Pflanzenwald und teilt ihr Leben mit drei Katzen. Die Jahre auf dem gerade urbar gemachten Land, fernab der Stadt, voller Geheimnisse, haben Spuren hinterlassen. Sie wurden zu ihrem Rohmaterial. Die Dichterin und Stickkünstlerin aus dem Süden von Minas Gerais, Autorin von Gedichtbänden wie „A voz incauta das feras” (Patuá, 2024) und „A voz áspera das raízes” (Toma Aí Um Poema), verleiht dem Begriff „hybrid“ in ihrem ersten Roman eine ganz neue Bedeutung: „Depois de mim não haverá nada“ besteht aus Prosa, Versen und Stickerei. Sprache wird dort wie Stoff gewebt, Stich für Stich, und knüpft damit an eine alte Tradition an: Frauen, die Geschichten weben und sticken, weil ihnen die Feder verwehrt blieb. Sie weiß, dass Poesie Angst macht. Sie sei, so sagt sie, das am meisten gefürchtete Genre.

Tânia D‘Arc: Frauen am Wendepunkt

Schon der Titel ein Wortspiel: „Entraves & Entranhas“ (Patuá, 2024) – die Hindernisse außen, die Gefühle innen. Tânia D’Arc, Absolventin der Literaturwissenschaft an der USP und Lektorin, kam über die Lyrik zur Prosa: Ihr Werk „O que te escrevo é pedra bruta e delicada“ (Patuá, 2023) schaffte es unter die Halbfinalist*innen des Literaturpreises der Stadt Curitiba, wo sie lebt. In „Entraves“ stehen Frauen am Wendepunkt. Sie setzen sich mit ihrer Lebenswirklichkeit auseinander, auf der Suche nach Authentizität, brechen mit der Vergangenheit, erkennen eine Wahrheit, die sich nicht länger ignorieren lässt. Ihr Thema ist Selbstreflexion und Wandel, gewöhnliche Frauen in ungewöhnlichen Momenten. D’Arc schreibt nicht im luftleeren Raum. Sie ist Mitglied des Coletivo Marianas, des Mulherio das Letras Paraná und des Coletivo Escreviventes, ein Netzwerk von Frauen, die sich gegenseitig lesen, redigieren und veröffentlichen. Ihr Innerstes ist sozusagen kollektiv.

Jéssica Iancoski: All diese Namen

Als Jéssica Iancoski 2021 Finalistin für den Jabuti-Literaturpreis war, reichte sie einen Gedichtband mit dem Titel „A Pele da Pitanga” ein, unter einem Pseudonym: Eugênia Uniflora (der wissenschaftliche Name der Pitanga, der Surinamkirsche). Das hat etwas Prophetisches an sich, denn später veröffentlichte sie eine Erzählung mit dem Titel „Todos os Nomes Que Não Tenho“ (All die Namen, die ich nicht habe). Die Dichterin, Autorin und bildende Künstlerin bewegt sich zwischen verschiedenen Sprachformen. Die Erzählung bringt diese Obsession auf den Punkt: die Spannung zwischen benennen und benannt werden, zwischen existieren und ausgelöscht werden. Sie erzählt von einer Künstlerin, macht dabei die Sprache selbst zum beunruhigenden Thema: jemandem einen Namen zu geben oder ihn fortzunehmen, ist immer das Ausüben von Macht. Und wer sind wir, wenn man uns bei einem Namen nennt, der nicht der unsere ist?

Von: Toma Aí um Poema: Literatur & Poesie & Kultur • Übersetzung: Laura Held. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 497 Juli/Aug. 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Links wurden nachträglich eingefügt.

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