Mike Morell, einst stellvertretender CIA-Direktor, erklärte 2016 in der US-Show von Charlie Rose, dass „die Russen“ und „die Iraner“ einen „Preis“ zahlen müssten für den Widerstand gegen die US-regime-change-Politik in Syrien. Beide Länder durchkreuzten damals den Plan der USA, Al Qaida und auch den IS zu benutzen, um der Herrschaft von Assad ein Ende zu setzen. Dieser US-Pakt mit dem Teufel wurde 2015 öffentlich (vergleiche S. 3, Punkte B und C).

Teil der regime-change-Operation war die CIA-geführte „Operation Timber Sycamore“, laut Washington Post und New York Times damals eine der teuersten Unternehmungen der CIA überhaupt. Sie diente dazu, die sogenannten syrischen „Rebellen” zu bewaffnen. Effektiv landeten die allermeisten Waffen in den Händen islamistischer Extremisten. Das war nicht weiter verwunderlich. Denn die Aufzeichnung des militärischen Geheimdienstes der USA aus dem Jahr 2012 beweist, dass die USA genau wussten, dass religiöse Extremisten den Kern des Widerstandes gegen Assad bildeten und danach lechzten, dessen säkulare Herrschaft zu Fall zu bringen. 2016 war dieser Plan (noch) nicht aufgegangen, und der Geheimdienstmann Morell träumte öffentlich davon, dass Russland und dem Iran beizubringen sei, dass deren Auflehnung gegen die US-Politik einen Preis hat.

Es ist interessant, wie Morell in Bezug auf den Iran argumentierte: Während die USA im Irak „gewesen“ sei, habe der Iran Waffen an schiitische Milizen geliefert, mit denen US-Soldaten getötet worden seien. Das stellt die Tatsache völlig auf den Kopf, dass die USA den Irak völkerrechtswidrig überfielen. Nun sollten die, die den Widerstand gegen diese Aggression mit militärischen Gütern unterstützten, einen „Preis“ bezahlen. Das ist Gehirnwäsche und westliche Heuchelei vom Feinsten.

Im damaligen Gespräch fragte Rose nach: Was heist das? Russen töten, Iraner töten? Ja, bestätigte Morell. Verdeckt. Man muss es ja nicht gleich der ganzen Welt erzählen. Und weil Morell – glatt gescheitelt, in Anzug, Krawatte und mit seriöser Brille ausstaffiert – bei Rose ganz gelassen formulierte, erschrak auch keiner angesichts des mörderischen Ansinnens. Rose schien hingerissen.

So sehen sie immer aus, die Schreibtischtäter

Und ihre Komplizen in Politik und Medien. Sie wirken nachdenklich, freundlich. Wahrscheinlich hören sie auch gerne klassische Musik, sind liebevolle Ehepartner, Väter oder Mütter. Sie quälen ganz sicher auch nicht den eigenen Hund oder die Katze. Ihre Mordlust bringt sie nicht hinter schwedische Gardinen, denn die richtet sich gegen einen propagandistisch längst gesetzten Feind. Da gelten andere Standards, regiert die Unmoral.

Umgekehrt veröffentlichten die New York Times und die Washington Post mitten im Präsidentschaftswahlkampf, Meldungen aus US-Geheimdienstkreisen, Russland würde den Taliban Kopfgeld für getötete US-Soldaten zahlen (100.000 Dollar). Biden nutzte das, um sich gegenüber Trump politisch zu profilieren. Dessen ganze Präsidentschaft sei ein „Geschenk für Putin“ gewesen. Die üblichen „Verdächtigen“ im US-Kongress liefen ebenfalls zu anti-russischer Höchstform auf. Wo käme man hin, wenn man den Russen solche Perfidie durchgehen ließe! Die Hysterie schwappte auch auf Großbritannien über.

Trump dementierte die Zeitungsberichte als „fake news“, das Pentagon dementierte, Russland dementierte, die Taliban ebenfalls. Das Ziel wurde dennoch erreicht: Eine Mehrheit von US-Bürgern konnte sich vorstellen, dass ein solches Programm existierte und sprach sich für Sanktionen gegen Russland aus. Nach dem Wahlsieg beschloss die Biden-Administration neue Sanktionen gegen Russland, aber ganz ausdrücklich nicht als Vergeltung für das sogenannte „Kopfgeld-Programm“. Das hatte sich mittlerweile als geheimdienstliche Schimäre entpuppt. Zeitweilig wurden auch der Iran und China verdächtigt, Kopfgeld an die Taliban zu zahlen. Im englischen Wikipedia gibt es eine sehr ausführliche Darstellung dazu.

„Russen töten“ ist Thema geblieben. Anfang des Jahres nannte der inzwischen abgelöste ukrainische Verteidigungsminister das Ziel, pro Monat 50.000 russische Soldaten zu töten. Der Kriegspreis sollte dramatisch steigen. CNN berichtete.

Bonus-Programm für Erfolge auf dem Schlachtfeld

Sowohl Russland als auch die Ukraine unterhalten ein Bonus-Programm für Erfolge auf dem Schlachtfeld. Das russische Programm bezieht sich ausschließlich auf zerstörtes Militärgerät. Dafür wird Geld ausgezahlt. Das ukrainische Programm enthält außerdem auch die Belohnung von Kampfeinheiten für verwundete (8 Punkte) oder getötete russische Soldaten (12 Punkte). Einheiten von Drohnenpiloten werden besonders vergütet: Wird beispielsweise ein russischer Soldat mittels einer Drohne gefangengenommen, gibt es 120 Punkte. Mit den erkämpften Punkten kann neue Ausrüstung erworben werden. „Es ist ein brutales Spiel. Menschenleben werden in Punkte umgewandelt,“ zitierte die New York Times (Paywall) einen ukrainischen Drohnenpiloten. (auch hier)

Das ukrainische Bonus-System für das Töten von russischen Soldaten widerspricht nicht per se dem Kriegsrecht. Und doch, selbst eine detaillierte rechtliche Aufzeichnung aus dem Lieber Institut von West Point kommt zum Schluss, dass es zur weiteren Entmenschlichung führen kann. Was sollen Soldaten sein, wenn sie vom Schlachtfeld zurückkehren? Noch Menschen oder hocheffiziente Tötungsmaschinen?

Nun stellte der FAZ-Journalist Michael Martens in Belgrad an Selenskyi die Frage, „uns Europäern zu sagen, was wir in Europa konkret tun können, um ihm (der Ukraine) zu helfen, mehr Russen zu töten, mehr russische Soldaten, selbstverständlich.“ Auf X blieb Martens in der Verteidigung seiner Frage bequemerweise bei der Kurzfassung „Russen“.

Martens fand seine Frage nicht skandalös und erklärte ebenfalls auf X: „Outside Barbieworld, this is how wars are fought.“ Außerdem schrieb er: „Only if the free world can kill more Russian soldiers than Putin can replenish, he will be forced to end it. Welcome to the real world.“ (Nur wenn die freie Welt mehr russische Soldaten tötet als Putin sie ersetzen kann, wird dieser genötigt sein, den Krieg zu beenden. Willkommen in der realen Welt.)

Die FAZ bedauerte die „missverständliche Frage“ von Martens und stellte klar, es gehöre nicht zur „redaktionellen Linie der FAZ“, dass möglichst viele russische Soldaten getötet werden sollten.

“Wir Europäer”

Tatsächlich stellte Martens in Belgrad keine journalistische Frage. Sie war auch nicht missverständlich. Er maßte sich die Rolle eines Sprechers von „uns Europäern“ an. Niemand hatte ihn dazu ermächtigt.

Martens offenbarte in Belgrad und später auch auf X, wie er denkt: Russland ist der Feind. Das Land gehört nicht zu „uns Europäern“. Es führt Krieg. „Wir Europäer“ stehen in diesem Krieg auf der Seite der Ukraine. Die „freie Welt“ muss so viele russische Soldaten umbringen wie nur irgend möglich. Je mehr, desto besser. Das ist eine Buchhaltung des Sterbens, die die „freie Welt“ ausdrücklich als Teil des Todesrausches impliziert.

Martens Argumente folgen der kalten Logik aktueller deutscher Politik. Deshalb verteidigte er sich auch auf X und machte damit alles nur noch offensichtlicher. Westliches Komplizentum wird gemeinhin sehr viel vornehmer und verklausulierter ausgedrückt.

Zynische Inkaufnahme des Ausblutens

„Wir“, sprich die Nato, führen einen Wirtschaftskrieg gegen Russland (und bluten uns selber aus). Wir halten die Ukraine finanziell über Wasser. Ohne uns wäre sie schon längst bankrott. Wir liefern der Ukraine alles, was wir militärisch entbehren können (und leeren unsere Arsenale). Wir unterstützen die Ukraine aktiv bei der Kriegsführung, mit Informationen, Daten, durch Planung und Zielauswahl, sowohl auf dem ukrainischen Schlachtfeld, aber auch bei den Angriffen auf das russische Mutterland. Der mediale Mainstream bejubelt jeden geglückten Treffer. Schließlich ist die Ukraine unser Stellvertreterkrieger, mit dem wir Russland zu besiegen versuchen, Selenskyj „unser Mann“ in Kiew.

Was als Solidarität mit der Ukraine verkauft wird, ist die zynische Inkaufnahme des Ausblutens dieses Landes, der massiven ukrainischen Verluste. Darüber wird eisern geschwiegen. Denn es sind die Ukrainer, die für uns „Russen“ töten sollen und dabei auf dem Schlachtfeld fallen oder schwer verwundet werden. Dass sie in diesem Krieg keine Chance haben, wusste Obama und wollte sie nicht bewaffnen. Unter Trump erfolgte die Bewaffnung und Biden, der den Krieg hätte verhindern und später frühzeitig beenden können, können, ließ die Ukraine ins Messer laufen. Dieser unmenschliche Kurs wird bis heute beibehalten.

Dass mit Herrn Martens nun ausgerechnet ein Deutscher die „Drecksarbeit“ offenlegt, die durch die Ukraine kriegerisch erledigt werden soll, statt sich um Dialog und eine Überwindung der Kriegsursachen zu bemühen, ist auch nichts Neues angesichts der Geschichtsvergessenheit in diesem Land, das sich schon lange im Russenhass suhlt und mit großer Vorliebe seit vielen Jahren dem Mantra folgt, dass „den Russen“ – anführt von einem Präsidenten Putin (dem “Killer”, laut Joe Biden) – jede Gemeinheit und jedes Verbrechen zuzutrauen ist (und demzufolge auch mit schneller Feder zugeschrieben wird).

Es ist die mangelnde Aufarbeitung der geschichtlichen Verbrechen Hitlerdeutschlands gegenüber der Sowjetunion und nicht das genetische Band zu einstigen Nazis, das Tötungsphantasien befördert. Martens ist nicht verantwortlich für seinen Stammbaum. Er scheint nur nichts daraus gelernt zu haben.

Ganz im Einklang mit der vorherrschenden Politik des „Kriegstüchtig“werdens, übersieht auch Martens, was längst auf der Hand liegt. Die Fantasie von der strategischen Schwächung Russlands bricht sich mit der Tatsache, dass sich die Nato in diesen verdeckten Auszehrungskrieg gegen Russland verstrickte und bereits erhebliche Federn ließ, wirtschaftlich, sozial, aber auch in Gestalt der Bestände an konventionellen Waffen. Letzte haben durch den Krieg gegen den Iran noch einmal einen drastischen Schwund erfahren.

Wenn weiter die Logik des Kriegs um jeden Preis dominiert, wird der Griff nach Nuklearwaffen, den die Falken regelrecht herbeiwünschen, immer wahrscheinlicher. Die sind noch übrig.

Nichts ist eine solche Gefährdung der Menschheit wert.

Der Chef des Verteidigungsstabs der britischen Streitkräfte, Sir Rich Knighton, schrieb kürzlich ein sehr nachdenkliches Essay zur „Zukunft des Krieges“, das sich nachzulesen lohnt. Er geht darin auch kurz auf das ukrainische Bonussystem ein, das er als „makaber“ empfindet, aber das ist nicht die Hauptsache. Knighton kommt zum Schluss, dass die Brutalität eines Krieges soweit als möglich vermieden werden muss. Er denkt, dass er in der gefährlichsten Periode seines beruflichen Lebens lebt: das Risiko von Fehlkalkulationen und Eskalation sei real. Knighton glaubt oder hofft, dass die jüngere Generation in der britischen Armee sich vielleicht weniger um die Zukunft der Verteidigung sondern mehr um die Verteidigung der Zukunft Gedanken machen wird.

Das Einzige, was man definitiv nicht von Martens erwarten darf, ist, solche Überlegungen zur Kenntnis zu nehmen.

Ist er im Wortsinn ein Journalist? Er steht geistig mitten im Schlachtfeld, angeblich fest an der Seite der Ukraine (nur nicht der Ukrainer), voller Hass auf Russland, das er für faschistisch hält, und ist anscheinend unfähig, objektiv Bericht zu erstatten, geschweige denn kritisch nachzufragen oder sich gar in die Lage anderer zu versetzen. Aber auch das ist leider überhaupt kein Alleinstellungsmerkmal von Martens innerhalb der deutschen Medienlandschaft, die „Meinungsführerschaft” mit Vorliebe missversteht.

Machen wir doch folgendes Gedankenexperiment: Angenommen ein „meinungsstarker“ russischer Journalist würde öffentlich über die deutschen Panzer in der Region Kursk im Jahr 2024 sinnieren, die, mit ukrainischen Soldaten bestückt, kamen, um „Russen“ zu töten, um dann den russischen Präsidenten zu fragen, was „wir Russen“ noch tun können, um zu helfen, dass das nicht nur an ukrainischen Soldaten vergolten wird, sondern auch durch die Tötung ihrer deutschen Ausbilder oder deutscher Panzer- und Drohnenlieferanten, oder „der Deutschen“ schlechthin. Wer würde das nicht für teuflisch halten? Nicht für kriegswahnsinnig? Nicht für zutiefst hasserfüllt?

Die Sowjetunion hat den deutschen Vernichtungsfeldzug „Unternehmen Barbarossa“ nicht mit einem Mordrausch an „den Deutschen“ vergolten. Weder die Sowjetunion noch Russland machten dieses schwarze Kapitel der Vergangenheit zum Maßstab der Entwicklung der Beziehungen mit dem geeinten Deutschland. Es ist deutsches Interesse, dass das so bleibt. Denn die einstigen Gräueltaten der Deutschen im „Ostfeldzug“ sind im kollektiven Gedächtnis der Opfer Hitler-Deutschlands geblieben. Nichts kann und wird das je ausradieren. Deshalb muss der Weg der Aussöhnung gegangen werden, beharrlich und behutsam. Derzeit sind wir in Sachen Russland in der Gegenrichtung unterwegs.

Jedenfalls läuft dort Martens lang. Der hat offenbar kein Problem damit, auf X das aktuelle Russland mit dem deutschen Faschismus und seinen Wunsch nach Russentötung mit dem Kampf der Alliierten gegen die deutsche Wehrmacht in der Normandie gleichzustellen.

Insofern ist es gut, dass die FAZ klarstellte

Es gehöre nicht zur redaktionellen Linie, möglichst viele Russen töten zu wollen. Dann sollte sie diese aber nun auch konsequent verfolgen. Denn im Krieg, auch im aktuellen Stellvertreterkrieg, und in dem Aspekt hat Martens recht, wird gestorben. Auf beiden Seiten.

Wer das beenden will, muss die Kriegsursachen beseitigen, und zwar mit politischen und diplomatischen Mitteln. Das bedeutet, dass auf der westlichen Seite der Grundkonflikt mit Russland eingeräumt werden muss: Die Rolle der Nato und das Fehlen einer integrativen Sicherheitsarchitektur, die den Sicherheitsinteressen aller europäischen Völker genügt.

Sonst entscheidet das Schlachtfeld, wie die Sicherheitsinteressen auf unserem Kontinent austariert werden, mit immer höheren Leichenbergen und einem weiter ansteigenden Atomkriegsrisiko in Europa, was de facto einer intolerablen Unsicherheitsordnung entspricht.

Auch die Entmenschlichung wird sonst immer mehr zur Normalität werden, überall einsickern. Martens Auftritt in Belgrad und auf X hat uns einmal mehr auch daran erinnert.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog der Autorin, mit ihrer freundlichen Genehmigung. Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt, bzw. hervorgehoben.

Über Petra Erler / Gastautorin:

Avatar-FotoPetra Erler: "Ostdeutsche, nationale, europäische und internationale Politikerfahrungen, publizistisch tätig, mehrsprachig, faktenorientiert, unvoreingenommen." Ihren Blog "Nachrichten einer Leuchtturmwärterin" finden sie bei Substack. Ihre Beiträge im Extradienst sind Übernahmen mit ihrer freundlichen Genehmigung.