25 Jahre nach den ersten PISA-Schock  sinken die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler kontinuierlich.  Aber wo sind unsere Prioritäten? 1. Rüstung, 2. Rüstung, 3. Sozialabbau. 4. Rentenabbau, 5. Pflegeabbau, 6. Energiewende zurückdrehen, 7. Verkehrswende nicht voranbringen, 8. Keine Reichensteuer, 9. Keine Besteuerung von großen Vermögen, 10. keine Erschaftssteuer besonders nicht für große Erbschaften. Wo also soll das die Kohle für die Schulen herkommen?

Spätestens seit der Corona-Zeit wissen wir, dass unsere Schulen keine Orte sind, an denen menschliches Leben sich wohlfühlen kann.  Putz von der Decke, versiffte und kaputte Schultoiletten, aggressive Stimmung, immer mehr Störungen im Unterricht durch Smartphones, immer mehr Störungen bei Hausaufgaben durch Smartphones, Konzentrationsmängel der Schüler:innen, Leseschwäche, Oberflächlichkeit, Nichterfassung von Sinn und Inhalt. Dem gegenüber stehen: krasser Lehrer:innenmangel, Sparpolitik der Bundesländer, mehrere tausend Stellen bundesweit sind unbesetzt, Ganztagsangebote – für mich war die Information auch neu – müssen in vielen Gemeinden, besonders in ländlichen Regionen – von den Eltern extra bezahlt werden. Kein Wunder, dass PISA festgestellt hat, dass in Deutschland mehr als in allen anderen EU-Ländern Bildungserfolg eine Frage der sozialen Herkunft und Schichtenzugehörigkeit ist.

Lernen ist Methode, nicht nur Inhalt

In einer interessanten Sendung des WDR 5 heute zum Thema, bei der eine Vielzahl ehemaliger Lehrer:innen und Pädagogen anrief, zog sich eine offensichtliche Tendenz quer durch die politisch unterschiedlichen Statements: Die Lehrpläne sind überfrachtet, es gibt massenhafte Lernprojekte und Lerninhalte, die bewältigt werden müssen, viele Qualitätssicherungsfragebogen, die ausgefüllt werden müssen,  aber in den meisten Fällen werden Projekte nicht zuende geführt, Problemstellungen nicht zuende gelöst, Lernabschnitte nicht zuende geführt. Sollte das zutreffen, liegt darin eine Chance, die ergriffen werden muss: Die Inhalte und das abhaken von Lernzielen zurückschneiden, entrümpeln und darauf reduzieren, was jungen menschen vor allem brauchen: Selbst denken zu lernen. Selbstbestimmung gegen Fremdbestimmung, Selbsterkenntnis statt Manipulation durch Influencer:innen.

Bildungspolitik war mal Kulturkampf

Das RoRoRo-Taschenbuch von 1973 “Wirtschaftsriese-Bildungszwerg” – eine Analyse, dass die Bundespepublik  nach einen OECD-Bildungsreport von 1971  in eine bildungspolitische Schlammschlacht zwischen den fortschrittlichen sozialliberalen Bundesländern angeführt von Nordrhein-Westfalen, gebremst von den reaktionären Bayern und Baden-Württemberg, der Streit um die OECD-Analyse und die Aufstelleung des Bildungsgesamtplans 1973, einem Versuch, die zersplitterte Bildungslandschaft in der Bundesrepublik zur Kooperation zu bewegen, gibt einen eindringlichen  Eindruck, davon , was heute noch die erfolgreiche Entwicklung einer modernen Schule in Deutschland verhindert. Jahrzehntelang dauerte am mitte der siebziger bis in die zweitausender Jahre der ideologische Schulkampf von rechts gegen eine Demokratisierung des Schulsystems an. Waren es zunächst Gesamtschule gegen dreigliedriges Schulsystem und seine Segregation von Schülern nach vier Jahren und in der 10. Klasse, folgten in den 90ern Kampf der Konservativen gegen Reformpädagogik und schülerzentriertes Lernen.

Klassenkampf zulasten der Schüler:innen

Schon im Politikstudium habe ich eines der damals wichtigsten Werke, die Leistungsvergleiche von Fend zwischen dreigliederigem Schulsystem und Gesamtschule analysiert, auf die sich argumentativ 20 Jahre lang der Schulkampf zwischen CDU/CSU und SPD, FDP, später auch den Grünen bezog. Sie war Grundlage für politische Schlammschlachten. Die Konservativen führten an, dass Gesamtschulen schlecht und gleichmacherisch arbeiteten, sie stempelten Gesamtschulen als “linke Kaderschmieden” ab, weil sie das Ziel hatten, Schüler:innen zu krtitisch denkenden Menschen zu machen. Gesamtschulen, so hieß es, seien in Deutsch und Mathematik signifikant schwächer, als Gymnasien, und dies seien eben viel besser.  Die meisten Politiker:innen  des Schulkampfs hatten Fend aber gar nicht gelesen.

Wissenschaft von Politik mißachtet

Denn dann wären ihnen etwa die Erkenntnis auf  Seite 482 der Schulvergleichsuntersuchung aufgefallen. Dort zog der Autor Bilanz  der Messungen und die fiel so deutlich wie peinlich für die Kulturkämpfer beider Seiten aus: “die festgestellten Unterschiede und Differenzen zwischen dreigleidrigem Schulsystem und Gesamtschulen fielen durchgängig geringer aus und seien weniger signifikant, als die Leistungsunterschiede, die innerhalb der jeweiligen Schulsysteme zwischen Jungen und Mädchen in der gleichen Klasse/Leistungsstufe.”

Die Folgen der versehentlichen (oder absichtlichen?) Fehlinterpretation Fends waren fast so gravierend, wie jene des Nahrungsmittelchemikers, der sich im frühen 20. Jahrhundert bei der Analyse eines angeblich hohen Eisengehalts des Spinats um mehrere Kommastellen verrechnet hatte: Generationen von Babys wurden danach mit Spinat gequält, der mit seinem hohen Anteil an Oxalsäure, die Kleinstkinder nicht vertragen, dafür sorgte, dass Eltern beim Füttern ihrer Sprößlinge regelmäßig von Fluten grün gesprenkeltem Erbrochenem getroffen wurden.

Stillstand in Schulkampf seit den 2000er Jahren

Nach der Jahrtausendwende gab es Versuche, den irrsinnigen politischen Schulkampf zu beeenden. Sylvia Löhrmann hat sich in NRW dabei als Schulministerin durchaus Verdienste erworben. Bildungspolitik ist jedoch heute immer mehr ein Opfer der Betriebswirtschaft. Lehrer:innen stöhnen unter den Leistungsanforderungen durch Curricula, Leistungstests und der Illusion, schulisches Lernen könne getestet werden. Die PISA-Studien sind ein Teil davon. Im heutigen Schulsystem ist es wichtiger, zu testen und zu prüfen, als nachzuschauen, ob Kinder noch glücklich sind und warum sie Lernprobleme haben. Der größte Normierungswahnsinn ist das bundesweite Zentralabitur. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes differenzierten nicht ohne gute Gründe zwischen den Ländern und erkannten ihre unterschiedliche Kulturen an. Nichts hat sich seither geändert – also was spricht dagegen, dass Schüler:innen in Bayern und Schleswig-Holstein ganz andere Abitursfragen beantworten müssen? Es ist ein völliger, unpädagogischer Irrweg, zu glauben, dass normiertes Lernen normiert abgeprüft, Schule besser machen würde. Dieser Schachsinn muss endlich aufhören!

Menschen- und Persönlichkeitsbildung muss wieder Ziel von Schule sein

Das humanistische Bildungsideal und Reformpädagogik wie das von den ehemaligen Jungdemokraten und der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule entwickelte “Strategisch-emanzipatorisches Lernen” sowie viele andere Projekte der Reformpädagogik hatten gemeinsam, zum kritischen und mündigen, selbstbestimmten Menschen im Geiste der Aufklärung Hilfe und Anregung zur Selbstertüchtigung zu geben und Wege und Methoden zur Selbstbestimmung anzubieten und zu erlernen. In Zeiten der (a)sozialen Netzwerke und der allgegenwärtigen Manipulation durch kapitalistisch beherrschte Algorithmen keine einfache Aufgabe. Werteorientierung, Wege zur Autonomie des Individuums und Kenntnis und Analysefähigkeit von ökonomischen Interessen und Tricks der Desinformation und Fremdbestimmung, Hinterfragen von Ideologien und Fake News – das sind essenzielle Lernziele und notwendige Fertigkeiten der Gegenwart.  Zu denen Schule bei vollgestopften Lehrplänen nicht kommt.

Schulen müssen wieder Lernorte werden, in den sich Schüler:innen wohlfühlen

Versiffte Toiletten, auf die Schüler:innen nicht gehen wollen, marode Schulgebäude, die an Trümmergrundstücke der Nachkriegszeit erinnern, oder Architelturdenkmäler der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts sein könnten, sind nicht nur keine guten Lernorte. Sie drücken auch etwas über die Wertschätzung eines Landes gegenüber seinen Lehrer:innen und Schüler:innen aus. Der Autor hat in den sechziger Jahren in überwiegend neu gebauten oder renovierten, modernisierten Schulen gelernt. Schon die Lernumgebung meiner Tochter in den 90er und 00er Jahren war schlimm. Es ist seither nicht besser geworden.  Es ist müßig, sich über das Anwachsen von Gewalt und Konflikten in Schulen aufzuregen, solange sie Lernorte sind, in denen die Eltern nicht tot über dem Zaun hängen möchten.

100 Milliarden Sonderschulden für Bildung?

Wären die beste Verschuldung, die das Gemeinwesen von Bund und Ländern aufnehmen könnte. Sie würden weder für Waffenproduktion verpulvert und im schlimmsten Fall vernichtet, noch in Subventionen der fossilen oder automobilen oder digitalen Wirtschaft versenkt. Sondern in die Zukunft unserer Kinder und Enkel investiert.  Und was müssen die lernen? Zum Beispiel, dass “Influencer” ein ziemlich blöder Beruf ist, der allein die Kommerzinteressen von Konzernen befriedigt. Dass Influencer:innen mit tollen Muckis, angeklebten Wimpern, aufbeblasenen Brüsten und gespritzten Lippen nicht reich, toll und hipp, sondern armselige Opfer einer srupellosen Blase von asozialen Netzwerken und Produzenten von dem Unsinn sind, für den diese Marionetten des Kommerz arbeiten, willfährig gegenüber der Industrie Moden propagieren, an der Verdummung ihrer eigenen Generation vielleicht kurzfristig Kohle machen, aber letztendlich von Wohl und Wehe ihrer Sponsoren abhängen. Ohne jede soziale Sicherheit, ohne irgendwelche Absicherungen und vor allem ohne Garantie, dass ihnen das Finanzamt nicht einmal ganz böse auf die Schliche kommt.

Törichte Handyverbote statt Regulierung von asozialen Netzwerken

Bundesbildungsministerin Prien hat nun wieder den “Renner” autoritärer Pädagogik und gleichzeitig der Unwillen des Staates, seine Gesetze endlich auch im Internet durchzusetzen, demonstriert. Sie droht wiederholt mit einem Handyverbot für Jugendliche unter einer bestimmten Altersgrenze – von 13 bis 15 ist die Rede – das, wie wir aus Australien wissen, praktisch nicht überprüfbar ist und unterlaufen werden kann. Es bedeutet nicht nur einen tiefen Eingriff in die Grundrechte von jungen Menschen, nämlich die Informationsfreiheit: Sie sind auch reine Ersatzhandlung für die Feigheit und Unwilligkeit der EU-Staaten, endlich die asozielen Netzwerke wirkungsvoll zu regulieren, dafür zu sorgen, dass die Gesetze gegen Gewalt, Volksverhetzung, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, Beleidigung, (Kinder-)Pornografie, Verleumdung und das Presserecht – Verbot von Falschbehauptungen, Beleidigung, Recht auf Gegendarstellung, u.s.w. im Internet gegenüber den Providern durchgesetzt werden. Ob sie in den USA, China, Russland oder sonstwo sitzen. Das würde auch den Spielraum von US-Oligarchen einengen, die AfD zu unterstützen. Aber lieber schränkt man die Rechte von Kindern und Jugendlich ein. Denn die haben keine ökonomische Macht.

Über Roland Appel:

Avatar-FotoRoland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net