Brasilien: Das agrarökologische MST-Projekt Maturí in Pará: Gegenmodell zu Monokulturen

Die Erfahrungen der brasilianischen Landlosen­bewegung MST (Movimento sem Terra) zeigen, dass es möglich ist, durch kollektive Selbstorganisation Wälder wiederherzustellen, natürliche Ressourcen zu erhalten und gesunde Lebensmittel zu produzieren. Von der Restrukturierung und Renaturierung besetzter Landflächen ausgehend, treibt die MST inzwischen in 24 von 26 Bundesstaaten Brasiliens familiäre Landwirtschaft in größerem Maßstab voran. Und die gewährleistet nicht nur die Ernährungssicherheit von etwa 350 000 Familien (was rund zwei Millionen Menschen entspricht) und sorgt für Einkommen und Perspektiven auf dem Land, sondern sie beliefert auch viele Städte mit gesunden, regionalen Lebensmitteln für Schulen, Märkte und mit den „Armazéns do Campo” bundesweit auch eigene Geschäfte. Seit Langem spielen Frauen nicht nur bei den Besetzungen der Territorien und in der Organisationsarbeit der Bewegung eine wesentliche Rolle, sondern auch im Transfer von Wissen und Praxis, unter anderem über Agrarökologie und Agroforst.

Am Rande des UN-Klimagipfels COP 30 besuchte im November 2025 eine Delegation des Kleinbauernverbands „La Via Campesina“ das agrarökologische Projekt Maturí in der MST-Siedlung „Abril Vermelho“ im Großraum Belém im Bundesstaat Pará. Auf der ehemaligen Palmölfarm, die enteignet und in eine Landreformsiedlung umgewandelt wurde, wächst inzwischen gemäß dem Agroforstsystem eine große Vielfalt an Arten. Der Prozess hin zu einer agrarökologischen Produktion ist dabei beispielhaft für die Kämpfe der seit den 1980er-Jahren aktiven Bewegung gegen Großgrundbesitz und transnationale Investoren.

Die Kultur der Dendê (Ölpalme) im Amazonas begann 1967, als die Militärregierung mit Hilfe der Banque de France Ölpalmenmonokulturen einführte, inspiriert von französischen Erfahrungen in afrikanischen Kolonien. In den 1970er-Jahren wurde das Land privatisiert und an niederländische Investoren verkauft. Der exzessive Anbau als Monokultur führte zur Degradierung der Böden. Nach der Insolvenz des Unternehmens im Jahr 2000 organisierte die Bewegung provisorische Camps, besetzte das Gebiet und kämpfte fünf Jahre lang für die Gründung einer Siedlung. Im Jahr 2009, bereits während der ersten Amtszeit Lula da Silvas, konnten sich auf 80 Prozent des Landes 414 Familien ansiedeln, während das Unternehmen 20 Prozent behielt. Seitdem setzt sich die MST dort für Agrarökologie und nachhaltige Lebensmittelproduktion ein. Dabei steht sie jedoch unter ständigem Druck durch die Agrarindustrie, die unter der Regierung Bolsonaros ab 2019 versuchte, den Ölpalmenanbau auf Teilen des Siedlungslands wiedereinzuführen. Großgrundbesitzer und lokale Oligarchien versuchen seither immer wieder Druck auf die Bewegung auszuüben und durch Bestechungsversuche einzelne Familien für ihre Interessen zu instrumentalisieren. Die Siedlung ist bis heute ein Symbol des Widerstands.

Insel der Biodiversität

Dona Rei, die von Anfang an bei der Besetzung und dem anschließenden Siedlungsbau dabei war, erzählt von ihren Erfahrungen im Kampf gegen die Monokulturen: „Ich lebe hier seit 2004. Als wir ankamen, hatten wir nichts. Alles, was ihr hier seht, habe ich selbst gepflanzt. Es war unfruchtbares Land, auf dem die Palmölplantagen bereits aufgegeben worden waren. Wir kritisieren das Modell, das ähnlich wie bei Soja oder anderen Monokulturen Leben, Kulturen und Territorien verschlingt. Sie dehnen sich auf öffentlichem Land aus, auf dem Land, das den Kleinbauern, Quilombolas1, Indigenen, Flussanwohner*innen und den bäuerlichen Familien gehört, die in der Umgebung dieser wasserreichen Region leben. Der Palmölanbau beutet die Arbeitskraft der Menschen aus, die dort leben, und produziert Handelswaren für den Export, für den Weltmarkt. Die Preise für Dendê werden an den Börsen festgelegt. Gleichzeitig führen Monokulturen dazu, dass die Artenvielfalt zurückgeht und die Böden ausgelaugt werden. Die Dendê-Palme verbraucht außerdem Unmengen von Wasser. Als wir das Land besetzten, begannen wir mit unserem Anbau. Heute haben wir von allem etwas: Açaí, Kakao, Cupuaçu, Pupunha, Paranüsse, Mais, Maniok und Bananen.“

Bei dem Besuch in Maturí sehen wir eine vielfältige Pflanzenwelt, nachdem wir kilometerlang an Plantagen, die sich weiterhin um die Siedlung herum ausbreiten, vorbeigefahren sind. Inzwischen verfolgt die MST mit der Kampagne Plantar árvores, produzir alimentos saudaveis“ („Bäume pflanzen und gesunde Lebensmittel produzieren“) in vielen ihrer Siedlungen auch Agroforstprojekte. Im Jahr 2020 wurde der Plan ins Leben gerufen, innerhalb von zehn Jahren 100 Millionen Bäume zu pflanzen. In mehreren Bundesstaaten bildet die Bewegung in Bildungszentren für Agrarökologie Agraringenieur*innen aus, die ihre Kenntnisse in ihre Siedlungen tragen. Damit die Renaturierung von Landschaften und Wäldern effektiv ist, müssen die Menschen, die die Landschaft prägen, im Mittelpunkt dieses Prozesses stehen, so Dona Rei.

Auch Jéssica, die mit ihrer Familie seit Kurzem in Abril Vermelho lebt, ist glücklich, dass sie sich hier einbringen kann. Nach vielen Jahren in der Stadt mit großen Schwierigkeiten, wegen bezahlbarem Wohnraum und der täglichen Essensbeschaffung, beschäftigt sie sich inzwischen mit regenerativer Landwirtschaft, Permakultur und ökologischem Bauen: „Wir sind seit drei Jahren hier und bewirtschaften dieses Grundstück, das wir wiederbesetzt haben, da es vorher seiner sozialen Funktion (2) nicht gerecht wurde. Wir haben es im Kampf um Land, Würde und Ernährungssouveränität besetzt. Die Agrarreform bietet die Möglichkeit, gesunde Lebensmittel zu produzieren und ein eigenes Haus zu besitzen. Es geht darum, Böden, die durch den früheren Monokulturanbau ausgelaugt wurden, so gut wie möglich zu regenerieren, ganz ohne chemische Hilfsmittel. Heute produzieren wir unsere eigenen Lebensmittel, versorgen auch andere Gemeinden sowie die Stadt.“

Stolz zeigt sie der Delegation – viele von ihnen selbst Kleinbäuerinnen aus anderen Ländern Lateinamerikas, Afrikas, Asiens und Europas – die Agroforst-Parzellen, den Gemüsegarten, ein Biobauhaus aus Lehm, Ausdruck eines nachhaltigen Lebensmodells: „Unsere Erfahrungen mit der Agrarökologie sind ein ständiger Lernprozess“, so Jéssica „Der Name Maturí bedeutet im Übrigen ‚grüne oder kleine Cashew‘, was darauf hinweist, dass der Prozess noch im Gange ist.“

Während sie über das Anlegen eines Beckens für Fischproduktion spricht, lädt uns Dona Rei ein, die Erträge der reichen Ernten zu probieren. Auf einem Tisch stehen neben frischem Kaffee und Kakao Teller voller Tapioca, Maniokkuchen, Obst und Honig aus eigener Produktion. Einheimische Bienen summen in den Blüten umliegender Sträucher, Hühner picken am Boden, die Bäume bieten angenehmen Schatten. An dem Tisch gesellt sich Dona Neta zu uns: „Hier seht ihr unser Engagement. Es zeigt sich im Anbau einer beeindruckenden Vielfalt – alles aus unseren Agroforstsystemen. Diese Methode regeneriert nicht nur die Vegetation, sondern sichert durch mehrere Erntezeiten ganzjährig Nahrung und Einkommen unserer Familien. Die unterschiedlichen Reifezeiten der amazonischen Kulturen machen es möglich: Unsere Felder tragen zu verschiedenen Zeiten Früchte. So sind wir das ganze Jahr über versorgt.“

Schon bald verabschiedet sich Dona Neta wieder, sie stecke noch mitten in der Vorbereitung für die „Feira da Cúpula dos Povos“, den Bauernmarkt, der während des People Summits der Klimakonferenz stattfindet. Ein paar Tage später treffen wir sie an ihrem Stand wieder, neben vielen weiteren Familien und Kooperativen, die ihre Produktion – Obst, Gemüse, Kunsthandwerk, selbstgemachte Seifen, Liköre, lokal produzierte Textilien aus Crochê oder Ledersandalen – anbieten.

(1) Bewohner*innen der Quilombos (Schutzorte, die von ehemaligen Sklav*innen gegründet wurden, die während der Sklaverei fliehen konnten)

(2) Die brasilianische Verfassung schreibt vor: Landwirtschaftlich nutzbares Land muss eine soziale Funktion erfüllen, das heißt, die Rechte der dort tätigen Landarbeiter*innen müssen geschützt sein. Land, auf dem Menschen etwa unter sklavereiähnlichen Bedingungen arbeiten, kann vom Staat enteignet und an landlose Familien verteilt werden. Außerdem müssen geltende Umweltschutzgesetze befolgt werden. Die dritte Dimension ist die Produktivität: Land sollte nicht brachliegen. Ist dies der Fall, kann der Staat ebenfalls enteignen.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 498 Sept. 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Links wurden nachträglich eingefügt.

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