Als ich gestern nach dem Mittagessen durchs Combahnviertel nachhause flanierte, hielt ein mir entgegenkommender junger Mann mit Gepäck über der Schulter belastet an, um mich vorbeizulassen. Strassenbäume (gut!) plus parkende Autos (schlecht, egal ob “Anwohner” oder nicht) blockierten den Weg. Das Passieren von zwei entgegenkommenden Rollatoren wäre im ganzen Viertel unmöglich. Nicht nur dort. Das wird in Kürze ein Massenproblem, wie es jetzt die absehbaren Autostaus auf der Kennedybrücke sind.

Im letzten Punkt widerspreche ich ausdrücklich dem für seine schnelldenkende Intelligenz stadtbekannten Parteifreund Tim Achtermeyer, der sich vom lokalen Monopolblatt hat digital einmauern lassen. Dort behauptet er, dass für die Sperrung der Nordbrücke “in Bonn zunächst niemand etwas kann”. Es war kein Staatsgeheimnis, Wikipedia wusste seit vielen Jahren von dem Problem. Bonn denkt immer, wenn die Welt untergeht, geht sie hier 50 Jahre später unter. Nun war es mal umgekehrt, und alle – selbst Tim Achtermeyer? – sind schockiert? Wer soll ihnen das abkaufen?

Darum ein sachdienlicher Hinweis, bevor es wieder zu spät ist

Ich bin jetzt 69 und kann noch gehhilfefrei gehen. Wie lange das noch geht, weiss niemand. Ich bin geburtenstarker Jahrgang. Hinter mit kommen noch 7 geburtenstärkere. Der fetteste Jahrgang (1964) soll jetzt mit der Abschaffung der “Rente mit 63”, die ich noch mitgenommen habe, ich habe dafür sogar mithilfe meines Vaters (94) noch 32.000 € in die Rentenversicherung investiert, ausgebremst werden. Was glauben die demokratischen Parteien denn, wie amüsiert die darüber sind?

Wenig amüsant sind auch schon heute die vom Porsche auf Zweiräder umgestiegenen Mitbürger*innen, die seit einigen Jahren die gemischten Fuss-/Radwege unsicher machen. Auch mit dem, was bei Autos als “illegale Rennen” sprichwörtlich geworden, und in einzelnen Fällen als Mordversuch abgeurteilt worden ist. Mit anderen Worten:

1. Fuss- und Radwege müssen getrennt werden – und ja: sie brauchen also beide mehr Platz. Mindestens müssen motorisierte Fahrzeuge auf Fussewegen verboten werden. Sollen doch die Autos auf ihren Fahrbahnen für sie bremsen. Oder gleich ganz wegbleiben.

2. Bürgersteige überall so verbreitern, dass zwei Rollatoren aneinander vorbeikommen. Die o.g. Boomer-Jahrgänge sind mehrheitlich noch gesund, und planen das eine oder andere Jahrzehnt weiterzuleben.

3. Da die zu wenigen Strassenbäume da bleiben und wachsen müssen, wo sie sind, damit uns der nächste Hitzesommer nicht umbringt und die Stadt unbewohnbar macht, müssen Fussspuren dort angeboten werden, wo heute fast stadtweit überall Auto-Parkstreifen sind. Das hört sich grausam an für diejenigen, die von der Auto- in die Haustür fallen wollen. Die müssen sich dann halt von irgendwas bringen lassen. Die Autos sind jedenfalls das Problem, nicht die Lösung für den Platz, der den Menschen gehört.

4. In der Friedrich-Breuer-Strasse gehe ich derzeit bewusst auf den Strassenbahnschienen, weil mir der Bürgersteig vor den Läden und an den Haltestellen zu voll und zu eng ist (wie die Radwege auf der Kennedybrücke sowieso). Es war zu hören, dass der strunzdumme Oberbürgermeister diese Option der Inbesitznahme von Strassenraum wieder rückgängig machen will. In der Tat werden auch die förderungswürdigen Busse und Strassenbahnen durch diese Praxis gebremst. Das könnte eine weitblickende Stadtverwaltung aber mehr als ausgleichen, wenn sie eine jahrhundertealte Technik auch den Bonner ÖPNV-Fahrer*innen angedeihen liesse: die Ampelvorrangschaltung, und das stadtweit, also gerade da, wo die Autos stören. Grün-Rot-Rot hat das 5 Jahre (2021-25) nicht geschafft. Warum nicht, ist mir ein Rätsel. Entsprechend dumm ist die letzte Kommunalwahl gelaufen.

Wer nicht liefert, ist geliefert

Seht Euch vor. Wir Boomer*innen sind viele.

Jüngst sass ich an einem Vierer in der 16 auf dem Weg nach Godesberg einer betagten alten Dame gegenüber, die unaufgefordert und akustisch bestens verständlich über “die Politik” in dieser abwirtschaftenden Stadt ablederte. Als mein Freund sie fragte “Wird das denn mit der AfD alles besser?” (Sachsen-Anhalt hatte grade gewählt), ging es erst richtig los: “Im Gegenteil. Dann wird alles noch schlimmer.” Wir Alten sind nämlich nicht blöd.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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