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Abgründige Widerlichkeit

Dem “Spiegel” ist zu diesem Wochenende das Agendasetting mal wieder klassisch “gelungen” – Wäre ich Rudolf Augstein, wäre das der Moment, in dem ich meinen Laden dichtmachen würde

Dagegen sind die von mir beklagten Intendanten-Waschlappen ja geradezu Waisenknaben. Und ich frage mich, wer eigentlich für die Medienberatung einer Wahlsiegerin zuständig ist. Wenn Sie hier nicht weiterlesen wollen – was Bodo Ramelow zu der Angelegenheit im konkurrierenden “stern” sagt, findet in allen Punkten meine Zustimmung.

Profi Ramelow setzt hier absolut den richtigen Ton. Intern wird er selbstverständlich zum Agieren von Frau Eralps Mitarbeiter*innen*stab andere Vokabeln nutzen, Das täte ich genauso. Und wenn ich schon dabei bin …

Was wir hier beobachten müssen, ist der Todeskampf dessen, was einige “vierte Gewalt” nennen, und andere mal “Sturmgeschütz” nannten. Der “Spiegel” erreicht von einst 1 Mio. heute keine 640.000 verkauften Exemplare mehr. Der “stern” einstmals gleichauf, kratzt in seinem Niedergang sogar die 200.000, und zwar von oben nach unten.

Wie erniedrigend niedrig kann es noch werden? Dazu hat der “Spiegel” mit seiner “Titelstory” dieses Wochenende nun also eine neue “Benchmark” (Branchensprech) gesetzt, an die heranzukommen sogar die Revolverhelden und Abschussexperten des Springerkonzerns Probleme haben werden.

Fragen an das politische Prekariat

Für mich ist es extrem schmerzhaft auf die in diesem Fall dokumentierte Weise Recht zu behalten. Was ich vor 19 Jahren als Qualitätsniedergang der demokratischen Parteipolitik an der kommunalen Basis beobachtete, ist schneller, als es für die Demokratie gesund sein kann, “oben” in der von mir dauerhaft gebashten Hauptstadt angekommen. Und leider gerade auch bei denen, deren zentrale Aufgabe es heute ist, die Reste bürgerlicher Demokratie vor einer faschistischen Machtergreifung zu schützen.

Ramelow sagt zum Interview, das Elif Eralp dem Spiegel – warum nur? – gewährte: “An dieser Stelle hätten sie und ihr Team anders entscheiden können. Leider war es ja auch jemand aus diesem Team, der das Interview mit den Kommentaren an den ‘Spiegel’ schickte.”, dann frage ich, ob es bewusste Sabotage oder nur grenzenlose Dummheit war, die dazu antrieb. Und wer hat Frau Eralp vor den Gefahren gewarnt, die mit einem Zusammentreffen derartiger – ehemals “Journalismus” genannten – Gestalten verbunden sind? Wäre ich Rudolf Augstein, wäre das der Moment, in dem ich meinen Laden dichtmachen würde. “Sturmgeschütz” ja – aber falsche Richtung.

Jetzt fehlen nur noch Dokumente, die ein Zusammenwirken von organisierter Kriminalität und derartigem Revolverjournalismus beweisen. Viel fehlt dazu nicht mehr. Und genug Dummheit, sowas zu dokumentieren, ist ganz offensichtlich verfügbar. “Truth is Stranger than Fiction”

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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Ein Kommentar

  1. Avatar-Foto
    Roland Appel

    Was der “Spiegel” hier macht, ist gegen jede journalistische Seriosität und Regeln. Wenn eine interviewte Person aus Gründen ihrer Sicherheit bestimmte Passagen eines Interviews nicht freigibt, ist es ungeschriebenes Gesetz seriösen Journalismus, das auf jeden Fall zu beachten. Wenn der “Spiegel” “irrtümlich” dagegen verstößt, verässt er endgültig den Kreis respektabler Publikationen. Niemand, kein Whistleblower, kein Korruptionszeuge, nicht einmal Staatsdiener, denen offensichtlich kriminelle Machenschaften bekannt werden, können nun darauf vertrauen, dass vertrauliche Informationen nicht mißbraucht und offengelegt werden. Kein Dealer wird mehr über seine kriminellen Hintermänner sprechen, kein Konzernmitarbeiter wird mehr dem Spiegel verraten, welcher seiner Vorgesetzten die Chemikalien illegal in den Rhein geleitet hat. Das, was Rudolf Augstein und Konrad Ahlers aufgebaut haben, haben skrupellose Arschlöcher gerade für immer zerstört.

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