Vieles in den Niederlanden steht uns noch bevor – aber manches ist jetzt schon schlimmer

Der Deutschlandfunk kann auch schnell. Soeben ist die gesendete Sendung zuende – und sofort online: Kerstin Schweighöfer in der sowieso exzellenten Reihe “Gesichter Europas” mit einem noch exzellenteren Radiofeature: “Voller, schneller, gefährlicher – Radfahren in den Niederlanden” (Audio 55 min).

Im Teaser zu diesem wertvollen Beitrag textet der Sender: “Die Niederlande gelten als Paradies für Radfahrer: Die ‘Fietsers’ haben ihren eigenen Kreisverkehr, eigene Ampeln, Tunnel, Brücken und immer mehr Schnellstraßen. Auch steuerliche Anreize sollen dafür sorgen, dass der Weg zur Arbeit mit dem Rad und nicht mit dem Auto zurückgelegt wird. Doch auf den breiten Radwegen ist es voller geworden, aufgrund von E-Bikes und Speed Pedelecs schneller – und damit gefährlicher. Inzwischen wird sogar über die Einführung einer Helmpflicht diskutiert, für niederländische Radfahrer bis vor kurzem undenkbar. Wie sieht die Zukunft der Fietsers aus? Wie kann Radfahren trotz dieser Entwicklungen attraktiv und vor allem sicher bleiben?” (Fettschrift von mir)

Zunächst ein Kompliment an die Kompetenz der Autorin. Da sie nur drei Jahre jünger ist als ich, fürchte ich, dass wir als Publikum sie bald an die Rente verlieren werden. Ein Fachkraftverlust für uns als Publikum. Und ihr Sender wird dadurch auch nicht besser.

Zur verkehrspolitischen Sache: das langsame hinterwäldlerische Deutschland wird das fahrradpolitische Niveau der Niederlande, oder auch nur Kopenhagens, nie erreichen. Nicht in meiner Lebenszeit, und auch nicht in der der Kinder und Enkel – es sei denn, sie entschliessen sich zur Überwindung des real existierenden Auto-Kapitalismus. Tatsächlich ist aber, was ich oben fett hervorgehoben habe, längst auch auf den engen Radwegen Bonns der Fall.

Ich bin seit meinem 8. Geburtstag Radfahrer. Meine ersten 10 Radfahrerjahre verbrachte ich im Ruhrpott im Städtedreieck Essen/Gelsenkirchen/Gladbeck. Die spärlichen und ungepflegten Radwege hatte ich dort mit meinen Mitschüler*innen für uns allein. Mit der Lebensgefahr durch die Autostaus lernten wir umzugehen – und waren auf unseren Wegen durchweg schneller als die – und als der ÖPNV. Ausserdem verkehrten wir auch nachts, wenn alle ihren Betrieb eingestellt hatten.

So war es auch lange Zeit in Bonn, bis 1994 durchgehend CDU-regiert. In meiner Studentenzeit und darüber hinaus waren die Radwege spärlich, aber auch spärlich genutzt. Es gab nutzbare Routen, die die ADFC-Stadtkarten seit den 80ern für jede*n sichtbar und effektiv benutzbar machten. Auf all diesen Wegen störte niemand. Ich kam gut voran. Die übersichtliche Stadt “gehörte mir”. Das ist vorbei.

Heute muss ich auf dem Schwarzrheindorfer Deich so viel Vorsicht walten lassen, wie bei meinem Volksschulweg über die gefährlichste durch eine Autobanhbrücke verdunkelte Kreuzung Gladbecks (Landstrasse/Im Linnerott). Wie gut, dass mir meine Mutter das im Alter von 6 Jahren sorgfältig beigebracht hat – “Mama-Taxis” waren seinerzeit unbekannt, “Frau am Steuer” war Volksmund-Fluch.

Heute entstehen auf der Kennedybrücke u.a. Radwegen längst die Staus, von denen Frau Schweighöfer oben berichtet – nur auf weit beengterem Raum. Entsprechend nimmt die Aggressivität und Hektik überproportional zu.

Bei mir mit dem Effekt, dass ich darauf keine Lust mehr habe, und seit etlichen Jahren bekennender, geniessender und bei Bedarf kämpfender Fussgänger bin. Wir haben es gut in Beuel. Und es geht noch viel besser.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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