ÖPNV in Bonn – Irgendwer muss doch schuld sein – Wundersame Bahn CCLIV
“Die Mechanismen des Geschäfts” sind eine rhetorische Floskel, die im Profifussball (der Herren) gern bemüht wird, wenn personelle strategische Züge mit Vernunft nicht zu begründen sind. Sie gelten auch in der Aufmerksamkeitsökonomie, und erst recht im vergleichsweise übersichtlichen Rahmen kommunaler Amateurpolitik. Im Bonner öffentlichen Personennahverkehr geht es in diesem Hitzesommer drunter und drüber. Und ein professionell nicht hundertprozentig geglücktes Interview eines Linken-Ratsmitgliedes gibt einen zarten sachdienlichen Hinweis in den laufenden unübersichtlichen Intrigen. Ich trage gerne mein geringfügiges Wissen dazu bei.
Das Interview gab er hier, Patrick Tollasz, Sprecher der Linksfraktion im Ausschuss für Mobilität und Verkehr, in der “linksradikalen” Tageszeitung Junge Welt:
Bernhard Krebs (Interview)/Junge Welt: “Nahverkehr in Bonn: Wer ist verantwortlich für den Schlamassel? – In Bonn wurde der Großteil der Stadtbahnen wegen mutmaßlich unzulässiger Bauteile aus dem Verkehr gezogen, erklärt Patrick Tollasz”. Dieser Link verschwindet in Kürze in einem Paywall-Archiv (= “Kinderkrankheit des Kommunismus”).
Der junge Herr Tollasz vertritt seine Fraktion “seit 2021 im Mobilitätsausschuss” und dokumentiert sein dort gesammeltes Fachwissen im verlinkten Interview so:
“Und die Unterfinanzierung war ja auch ein Grund dafür, dass die SWB entschieden haben, diese sogenannte Zweiterstellung bei den Stadtbahnen vorzunehmen. Also Stadtbahnwagen, die an ihr Lebensende kamen, nicht auszumustern oder zu verkaufen, sondern in der eigenen Werkstatt mit einer Generalüberholung wieder »fit« für den Betrieb zu machen. Ich fand dieses Konzept damals grundsätzlich interessant und innovativ. Es ergibt aber nur Sinn, wenn man weiß, wo es entsprechende Ersatzteile für die Bahnen gibt – und das womöglich für Jahrzehnte. Mit nicht zugelassenen Bauteilen sind Generalüberholungen nicht zu machen.”
Das ist exakt das Wissen, das ich vor vielen Jahren im Krankenzimmer von einem neben mir liegenden Stadtbahnfahrer erworben habe. Ich hatte es also nicht exklusiv, sondern es war in kommunalen Fachkreisen bekannt.
In dem Junge-Welt-Interview des Kollegen Tollasz wird der Eindruck erweckt, dass erst eine “Sondersitzung des SWB-Aufsichtsrates am 7. August” die skandalösen Sachverhalte “zutage gefördert” habe. Das mag sein. Mir stellt sich nur, wie ich schon oft erwähnt habe, dabei die Frage: was machen solche Aufsichtsräte eigentlich den ganzen Tag? Glauben die alles, was ihnen erzählt wird? Oder lesen die auch mal was Fachliches? Warum wären sie sonst gewählt worden? Sprechen Aufsichtsratsmitglieder gelegentlich auch mal mit den Arbeitenden des Betriebes, den sie beaufsichtigen? Wenn nein – warum nicht? Ich selbst war mal WDR-Rundfunkrat (1997-03) und hätte dafür immer bei der Intendanz um Erlaubnis fragen müssen, was ich selbstverständlich nicht getan habe …
Die Fraktion des Herrn Tollasz war Teil einer kommunalpolitischen grün-rot-roten Mehrheit 2021-25. Sie stellt auch heute Mitglieder des Aufsichtsrates, der so tut, als habe er alles nicht gewusst. Vorsitzende sind gegenwärtig David Lutz (SWB-Holding) und Karolin Rübo (SWB Bus & Bahn). Sollten die sich vor Mikrofone und Kameras stellen mit der Behauptung, sie hätten von alledem nichts gewusst, müssten sich Journalist*inn*en-Fragen anschliessen: warum nicht?
Nicht wirklich glauben kann ich, dass der mit so vielen politischen Wassern gewaschene und äusserst fachkompetente Grüne Rolf Beu von nichts gewusst hat. In Endenich wird er seit etlichen Kommunalwahlen mit klaren Mehrheiten direkt in den Stadtrat gewählt, weil er schon zu meiner aktiven Zeit (vor 2016) ein aussergewöhnlich fleissiger Öffentlichkeitsarbeiter war – ganz analog mit selbstverteilten Faltblättern in die Briefkästen. In einer gemeinsamen Pressemitteilung der Grünen Bonn und Rhein-Sieg vom Juli wird er merkwürdigerweise nicht persönlich zitiert.
Und der Oberbürgermeister? Ist der eigentlich zuhause? Für irgendjemand zu sprechen? Für irgendwas verantwortlich?
Mein Tipp: statt Sündenbock- oder Sündenziegen-Suche eine grundlegende Prüfung und Überarbeitung der Systeme öffentlicher Kontrolle öffentlicher Unternehmen. Diese Strukturmängel waren und sind kein Geheimwissen, mein verlinkter alter Text ist von 2014, verfasst schon in den Nullerjahren (für den Freitag, und dort vom Multimillionär Augstein digital eingemauert). Wenn es niemand demokratisch anfasst, dann passieren Dinge, wie am 6. September in Sachsen-Anhalt.

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