Agenda-Setting bei ARD und ZDF?

Von , am Dienstag, 23. April 2019, in Medien.

von Jupp Legrand / Otto-Brenner-Stiftung
„Weniger Migration, mehr Habeck“ betitelte die FAZ im Januar 2019 einen Artikel, der die Kriterien der Gästeauswahl und Themensetzung der Polit-Talkshows bei ARD und ZDF analysierte. Zu diesem Zeitpunkt hatte der öffentlich-rechtliche Rundfunk bereits eine unruhige Zeit hinter sich – war doch seine journalistische Themensetzung selbst zum journalistischen Thema geworden. Unmittelbar nach der Bundestagswahl 2017 wurde zunächst das „Kanzlerkandidatenduell“ zwischen Angela Merkel und Martin Schulz heftig kritisiert, bevor sich bis Mitte des Jahres 2018 die Kritik auf die politischen Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen insgesamt ausweitete. „Fragen von rechts“ konstatierte der bekannte Medienkritiker Stefan Niggemeier zur Ausrichtung des TV-Duells, während der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, mit den Talkshows noch härter ins Gericht ging. Durch ihre einseitige Fokussierung auf die Themen „Flüchtlinge“ und „Islam“ hätten ARD und ZDF dazu beigetragen, „die AfD bundestagsfähig zu machen“.
Die Empörung war groß, die Kritik deutlich und die Richtung klar: Es seien die vom Gebührenzahler alimentierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die mit ihren politischen Sendungen die Agenda der Rechten gesetzt und deren Themen gerahmt hätten. Aber: Ist dieser „Vorwurf“ berechtigt und welchen Raum nahm das Thema Migration, „das gefühlte Dauerbrennerthema Nummer eins in den Talksendungen“ (FAZ), in der Schlussphase vor der Bundestagswahl tatsächlich ein?

Faktenfundament für eine erregte Debatte

Die Otto Brenner Stiftung hat mit Marc Liesching und Gabriele Hooffacker zwei profilierte Medienwissenschaftler*innen für eine Untersuchung dieser relevanten Thematik gewonnen. In „Agenda-Setting bei ARD und ZDF?“ wird die thematische Verteilung der Erstsendeminuten aller politischen Sendungen im Monat vor der Bundestagswahl 2017 detailliert nachgezeichnet. Das akribisch zusammengetragene, umfangreiche Zahlenmaterial ermöglicht Auswertungen nach Zuschauerzahlen und Formaten – welchen Anteil an der Sendezeit nahm das Thema „Migration“ in Dokumentationen ein, welchen in politischen Magazinen wie „Monitor“. Damit kann die Debatte über die Themensetzungen erstmalig auf ein umfassendes Faktenfundament gestellt und, so hoffen Stiftung und Autoren, sachlich weitergeführt werden.
Dazu gehört allerdings nach wie vor die Aufgabe, diese Fakten nüchtern zu interpretieren und angemessen zu bewerten. In einigen Fällen dürfte das nicht schwerfallen: Im bereits erwähnten TV-Kanzlerkandidaten-Duell wurde über ein Drittel der Zeit über „Migration“ gesprochen, während „Arbeit/Familie/Soziales“, „Steuern/Finanzen“ und „Wirtschaft/Verkehr/Bau“ zusammen kaum 15 Prozent der Sendezeit auf sich vereinigen. Andere Blickwinkel stellen das Bild weniger eindeutig dar: Knapp zwölf Prozent Sendezeit aller politischen Sendungen im Monat vor der Bundestagswahl für das Thema „Migration“ stehen ca. 15 Prozent für „Arbeit/Familie/Soziales“ und elf Prozent für „Außenpolitik“ gegenüber. Ist das schon Agenda-Setting für die AfD oder doch nur journalistische Fokussierung auf ein relevantes Thema?

“Framing” ist immer fester Bestandteil journalistischer Arbeit

Um die Debatte dieser Fragen auf ein noch breiteres Fundament zu stellen, wurde die Auswertung der Themenstruktur und Sendezeit zusätzlich um Interviews mit Journalist*innen zu redaktionellen Auswahl- und Entscheidungsprozessen ergänzt. Schließlich wird auch noch in die medientheoretischen Hintergründe von „Agenda-Setting“ und „Framing“ eingeführt. Die Autor*innen bewerten die vorgelegten Zahlen nicht, sondern möchten die Leser*innen aus interessierter Öffentlichkeit und journalistischer Praxis ermutigen, ihre eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.
Jüngst hat das ungeschickt kommunizierte „Framing-Manual“ der ARD für viel Aufregung gesorgt und einigen medienpolitischen Ärger produziert. Dabei sollte doch allen Akteur*innen bewusst sein, dass Themenauswahl und Rahmensetzung nicht neu, sondern immer schon fester Bestandteil journalistischer Arbeit sind. Diese Praxis an sich zu kritisieren, so zu tun „als müsste oder könnte die ARD wählen zwischen Framing (also der bösen Manipulation) und dem Verzicht darauf“ (Niggemeier) ist schlicht Unsinn. Neu ist lediglich das bewusste Wissen über diese „Vorgänge“ – und die Politisierung der Debatte in der Frage, welche Themen genutzt und welche Rahmen gesetzt werden und welche nicht. Ein Rückfall in die Zeiten vor der „Entdeckung“ von Agenda-Setting und Framing, wie ihn sich so manche Kritiker*innen zu wünschen scheinen, ist im besten Falle eine unmögliche Forderung, im schlimmsten Falle als antiaufklärerisch abzulehnen.

Auswahlkriterien transparent machen

Künftig wird es vielmehr verstärkt darum gehen, journalistische Verantwortung auf die Reflexion der Themensetzung und Rahmung auszudehnen, Kriterien für die immer wieder zu treffende „Auswahl“ in demokratischen Debatten zu entwickeln – und diese transparent zu vermitteln.
Die Otto Brenner Stiftung und die Autor*innen der Untersuchung hoffen, dass wir mit der Veröffentlichung der Studienergebnisse einen Beitrag dazu liefern und weitere Schritte auf diesem Weg kritisch begleiten können.

Dieser Beitrag ist das Vorwort zur im Titel genannten Studie von Marc Liesching und Gabriele Hooffacker. Links und Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt. Hier der volle Wortlaut der Studie.

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