“Es gibt kein Instrument gegen das Wettrüsten”

Von , am Montag, 8. Juli 2019, in Lesebefehle, Politik.

mit Update 9.7.
Wladimir Putin offenbarte im FT-Interview mehr, als die sensationsarme Tatsache, dass er kein Liberaler ist: er ist ein Super-Realo
In der deutschen Berichterstattung über das sehr ausführliche Interview, das Wladimir Putin vor dem G20-Gipfel in Osaka der britischen Financial Times gab, dominierte, dass er Angela Merkel “Multikulturalismus” als Fehler vorgehalten habe. In der Tat erweist er sich in der von ihm gewählten Positionierung als würdiger Vertreter nicht nur eines “christlich-orthodoxen Russland” – “kaukasisch” aussehende Menschen in Russland wissen, was das bedeutet – sondern schwingt sich damit auch zum authentischen Sprecher einer rassistischen Mehrheit der weissen und blonden Europäer*innen auf.
Die Financial Times artikuliert Positionen des weniger ideologisch vernagelten angloamerikanischen Kapitalismus-Realismus und traf sich auf diese Weise gut mit Putin. Der entpuppte sich als Super-Realo – er nimmt die globale Wirklichkeit umfassend wahr, und zieht seine strategischen Schlüsse. Im Gegensatz zu den europäischen Zwergstaaten verfügt er für Russland über mehrere strategische Optionen. Eine dem gleichwertige EU gibt es nicht – die Deutschen zogen EU-interne Dominanz einer kollektiven Willensbildung – selbst einer bilateralen mit Frankreich – zuletzt immer vor. Das haben wir jetzt davon.
Die Seite russland.news hat das FT-Interview Putins in voller Länge deutsch übersetzt online gestellt. Es ist Ihre individuelle Lektüre wert. Russische Positionen werden in der deutschsprachigen Medienlandschaft kaum noch zugänglich gemacht. Russland hat bereits etliche staatsnahe Medien geschaffen, um dieses Vakuum zu füllen. Pressefreiheit, hier wie dort, geht anders. Die Interview-Strategie der FT ist weit weniger “hart”, als sie einst der couragierte Armin Wolf/ORF anwandte. Die FT-Leute versuchten eher die weitgehend abgemeldete britische Diplomatie zu kompensieren, um mehr von Putin zu erfahren. Das ist gelungen.
Ihre Regierung ist dagegen seit einigen Jahren auf den Kurs geheimdienstlicher low-intensity-Kriegsführung umgeschwenkt. Sie glaubt, sie regiere noch ein Imperium, und merkt nicht, dass sie nur noch Pudel sind. Ihre Willfährigkeit macht sie lächerlich. Einstige Werte, die Ältere unter uns als urbritisch erlernt haben, von der Pressefreiheit öffentlich-rechtlicher Medien (BBC) bis zur Korrektheit britischer Kriminalistik und Polizeiarbeit (“Scotland Yard” und die “Bobbies”) werden rücksichtslos kassiert, und Kalter-Kriegs-Führung untergeordnet. Und die Geheimdienste werden so runtergewirtschaftet, dass alles rauskommt. Einstige Agent*inn*en sind so erschüttert und erbittert über den Niveauverlust, dass ihr Bedürfnis, darüber zu sprechen, immer grösser wird ;-) Neue Zeiten. Putin gehört zu denen, die eine ausgereifte Analyse davon haben. Er war ja selbst so einer. Update 9.7.: Und seine ukrainischen Widersacher tappen in jede Falle, die seine Leute ihnen hinstellen.
Was macht eigentlich die Bundesregierung? Gibt es die SPD noch?

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