Vinterberg/Dänemark

Von , am Donnerstag, 11. Juli 2019, in Genuss, Politik.

Die Schlaumeier, die der SPD zuletzt empfahlen, sich an den dänischen Sozis zu orientieren, haben sich wahrscheinlich das Ansehen von Filmen Thomas Vinterbergs erspart. Das hätten sie nicht tun sollen. Naturgemäss ist dort viel über dänische Kultur zu erfahren. Der Clou, die grosse Kunst dabei, ist aber: auch über uns.
Vinterbergs legendärstes und ultrahartes Werk ist Das Fest (dänisch: Festen). Es ist eine brutale Zertrümmerung der Familie als Modell menschlichen Zusammenlebens. Gestern zeigte Arte das nicht minder sehenswerte Die Kommune (dänisch: Kollektivet), eine brutale Zertrümmerung des Wohngemeinschaftslebens. Mein eigenes Leben hatte exakt diese Abschnitte: 19 Jahre Familie, daran anschliessend 21 Jahre WG. Ich kann bezeugen: in meinem Fall war beides, im Vergleich zu Vinterbergs Dänischversion, eine regelrechte Idylle. Zahlreiche Einzelphänomene waren für mich jedoch gut wiederzuerkennnen. Vinterberg ist ein exzellenter Beobachter, vermeidet Zynismus dabei meistens nur knapp, aber erfolgreich. Dieses wiederkehrende Dilemma steckt im Sujet und spricht für seinen Mut es anzufassen.
In beiden Fällen zeigen Vinterbergs männliche Figuren verängstigende menschenfeindliche Verhärtungen, Konfliktunfähigkeit und Zerstörungswut, während die Frauen von Verzweiflung darüber, aber auch Bereitschaft zum Emanzipationskampf getragen sind. Wenn überhaupt noch jemand minimale soziale Zusammenhänge rettet, sind es die Frauen. In meinen Augen ist das harter Realismus, dem Vinterbergs Inszenierung eine gewisse – dänische? – Unerbittlichkeit gibt.
Mich erinnert das an filmische Demonstrationen der dänischen Weltklassekulinarik. In dem internationalen Klassiker “Babettes Fest” löst eine Fremde die dänische Härte erfolgreich auf, und eröffnet über die Inszenierung guten Essens den dänischen Eingeborenen einen Blick auf die vielfältigen Möglichkeiten, sich des Lebens zu erfreuen, statt es zu erleiden. In einem Dokumentationsfilm über das Gourmetlokal Noma war dagegen zu sehen, zu welchem Irrsinn Dän*inn*en imstande sind, wenn sie nach Perfektion gieren, um der ganzen Welt zu zeigen, wie besonders sie sind. Was im Falle Noma unbestreitbar gelungen ist.
In diesen Eindrücken hat sich für mich Dänemarks Ambivalenz gezeigt. Sie sind dort sehr besonders. Vorbild ist was Anderes.

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