Ich kenne Cem Özdemir persönlich, aber nicht besonders gut. Mal haben ich ihn bei einer Grünen-Bundesarbeitsgemeinschaftssitzung in den 90ern als harten Realo kennengelernt. Ein anderes Mal begegnete er mir zufällig bei meinem damaligen Lieblingsitaliener “Pirandello”, was für seinen guten Geschmack sprach, mit einer ihn anhimmelnden bildhübschen Stern-Reporterin (der Name war mir nicht bekannt; es kam an dieser Stelle auch zu “nichts”, Cem bleibt an diesem öffentlichen Ort professionell).
Dann schien er seine Karriere selbst ruiniert zu haben, als er sich – höchst unprofessionell – mit der zwielichtigen Figur Hunzinger eingelassen hatte. Professionell dagegen erschien es mir, dass er danach eine Karenzzeit einlegte, um danach wiederzukommen: Aufsteher-Qualitäten.
In seiner Amtszeit als Grünen-Vorsitzender (2008-18) organisierte ich im Frauenmuseum eine öffentliche Veranstaltung mit ihm, die seit Joseph Fischers Auftritt in der Beethovenhalle die bestbesuchte Veranstaltung der Bonner Grünen wurde. Die Organisation und Kommunikation mit ihm und seinem Büro lief absolut effektiv und pannenfrei. Sein öffentlicher Auftritt sowieso: die grösste Stärke Cem Özdemirs ist öffentliches Sprechen. Dazu gehörte auch das Aftershow-Biertrinken.
An Özdemirs öffentlichem Sprechen hatte ich bisher auch inhaltlich nie etwas auszusetzen. Seine öffentlichen Einlassungen zur Migrationspolitik, zur Türkei und auch zuletzt als Vorsitzender des Bundestags-Verkehrsausschusses gestaltet er immer konfliktfrei konsensfähig für seine grüne gesellschaftliche Basis.
Dennoch muss der Mann Eigenschaften haben, die ihn für seine Nahbereiche schwer erträglich machen. Und er selbst ist nicht so professionell, dagegen zu seinem eigenen Vorteil Mittel zu finden. Zentrale soziale Kompetenzen scheinen zu fehlen, um miteinander auszukommen und zu arbeiten. Wie ist es sonst zu erklären, dass, nachdem Özdemir beständig als potenzieller Kronprinz gehandelt wurde, nach dessen eigenem Bekunden “praktisch alle” Grünen in Baden-Württemberg den 71-jährigen Winfried Kretschmann um seine Wiederkandidatur angebettelt haben sollen? Da ist die Vermutung nicht sehr gewagt, dass Özdemir ein Erfolg bei seiner Bewerbung um den Vorsitz der Bundestagsfraktion nicht vergönnt sein wird. Öffentlich darüber gesprochen wird in der angeblich so transparenten Grünen Partei: nirgends.

Infantino

Das ist die Ähnlichkeit – hoffentlich die einzige – mit dem Fifa-Mafia-Gangster Gianni Infantino. Bei mir haben schon Extradienst-Leser bekannt, dass sie die Fußballtexte immer überspringen. Das ist nicht sachgerecht. Fußball und Politik sind mittlerweile aufs Engste verwoben, und der Herr Infantino repräsentiert das wie kein Anderer. Er wird von den Mächtigen der Welt respektiert, sie treffen ihn öffentlich und reden nicht wenig miteinander. Worüber, das verraten sie nicht, und überlassen es unserer Spekulation. Die sich selbst lautstark und emsig vermarktenden “Rechercheverbünde” fassen sie bisher auch mit spitzen Fingern lieber nicht an. Bisherige “Football-Leaks” kratzten nur an der Oberfläche. Spuren sind ausgelegt, z.B. Felix Sater. Also bitte meine Damen und Herren Journalist*inn*en: machen Sie ihre Arbeit, und lassen sie Thomas Kistner/SZ, der meistens hinten im Sportteil versteckt wird, nicht allein.