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Silvesterkrawall 19/20

Geschichte wird hier im Westen, in NRW und im WDR, gemacht
Der Silvesterkrawall 2015/16 war ein “Gamechanger” in der FlĂŒchtlingsdebatte: vom “Wir schaffen das” zum “Wir können nicht alle aufnehmen”. Dass ein alljĂ€hrlich wiederkehrendes Ereignis das werden konnte, hatte sehr wesentlich mit dem katastrophal missratenen Krisenmanagement der damaligen rotgrĂŒnen NRW-Landesregierung und der ihr unterstehenden Polizeibehörden zu tun. Öffentlich an die Laterne gehĂ€ngter SĂŒndenbock war der damalige liberal gesonnene Kölner PolizeiprĂ€sident Wolfgang Albers. Nichtöffentlich an die Laterne gehĂ€ngt wurde der stellv. Regierungssprecher Rudi Schumacher – ich lege offen, mit beiden war ich gut bekannt und bedaure ihr Schicksal sehr. Durch das desaströse Landtagswahlergebnis hat es immerhin auch tatsĂ€chlich politisch Verantwortliche erwischt – allerdings nicht so menschlich unterirdisch wie diese beiden.
Das damalige Jahreswendekrisenmanagement hat sich nun der Westdeutsche Rundfunk zum Vorbild genommen. Ich habe keine Lust mehr, das ĂŒberhaupt zu kommentieren. Wenn die öffentlich-rechtlichen Medien jemals RĂŒckgrat hatten – dann ist es definitiv weg. Damit verlieren sie einen wichtigen Grund, sie gegen ihre Abschaffer von Rechts verteidigen zu wollen. Der virtuelle Silvesterkrawall um ein Lied, das mich persönlich durchaus zu belustigen vermochte, dokumentiert so, dass es niemand mehr ĂŒbersehen oder ĂŒberhören kann, dass der am meisten ĂŒberforderte Intendant dem grössten Sender der ARD vorsteht – “unserem WDR”. Ich höre und sehe ihn kaum noch, um mein Wohlbefinden nicht zu beeintrĂ€chtigen. Dennoch möchte ich zum FremdschĂ€men immer noch in den Keller gehen.

JĂŒngere könnens nicht glauben – der WDR war mal interessant

Das liegt daran, und das wurde mir gestern spektakulĂ€r deutlich vor Augen gefĂŒhrt, weil ich mich mal mit diesem Sender und vielen seiner Produktionen identifiziert habe. Das “Kritische Tagebuch” (WDR3) und seine Bedeutung fĂŒr meine politische und Berufsbiografie habe ich in diesem Blog schon mehrmals benannt. Ich gehörte einst auch zu den “Schimanski”-Fans, und zwar ab der Erstausstrahlung der ersten Folge (“Duisburg-Ruhrort” 28.6.1981). Zahllose Journalist*inn*en des Hauses, Marianne Lienau, Eberhard Rondholz, Klaus Bednarz, Rolf Bringmann und auch der spĂ€tere Intendant Fritz Pleitgen waren mir lebensbegleitende Vorbilder. Welche ProduktionsverhĂ€ltnisse haben sie wachsen lassen?
Bis zur Bewusstlosigkeit wiederholen ARD-Sender bis heute einzelne Folgen der von Wolfgang Menge geschriebenen und von WDR-Mann Peter MĂ€rthesheimer produzierten Serie “Ein Herz und eine Seele”. Sie erlebte nur zwei Staffeln, 1973/74 und ein kleiner Nachklapp 1976. Der vom an Brecht geschulten Heinz Schubert dargestellte “Ekel Alfred” wurde zu einer Ikone, an der Brecht seine Freude gehabt hĂ€tte: als Schauspieler und als politische Figur.

Tagesschau24 sendet aus dem WDR-Giftschrank – keine*r hats gemerkt

Der ARD-Kanal “Tagesschau24”, von der beim NDR angesiedelten ARD-aktuell-Redaktion verantwortet, sendete gestern Abend, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und selbstverstĂ€ndlich ohne Mediathekangebot, ein Juwel aus dem im tiefsten Archivkeller vergrabenen WDR-Giftschrank: “Requiem auf ein Ekel”. Das war quasi ein soziologisches Seminar, das der damalige WDR-Redakteur Ludwig Brundiers, ich weiss nicht wie, auf den Sender gebracht hat. Unter der legeren GesprĂ€chsleitung von HansjĂŒrgen Rosenbauer, in seinen frecheren jungen Jahren, diskutierten – bei ungebremstem Ausstoss diverser Rauchschwaden! – Autor Menge, ein Metallgewerkschafter namens Pinkall, der Kabarettist Helmut Ruge, der Schriftsteller Bernt Engelmann u.a. nach Beendigung der ersten Serienstaffel, was es mit diesem TV-Ereignis auf sich hatte. DKP-Gitarrist Dieter SĂŒverkrĂŒp durfte dazu bĂŒrgerliche Freiheitslieder vortragen. War es richtig die Figur “Alfred”, die es in der Gesellschaft zweifellos recht zahlreich gab, zu zeigen? Oder war es zuviel der Aufmerksamkeit, mit gar propagandistischer Wirkung, die Seinesgleichen ermutigte, wieder aus der Deckung zu kommen? Am Tresen dieser Sendung war ĂŒbrigens ein weiterer wichtiger Möglichmacher und Superstratege des WDR zu sehen, GĂŒnter Rohrbach, der 1979 die Flucht nach MĂŒnchen zur Bavaria antrat – die ĂŒbrigens dann auch den erwĂ€hnten “Schimanski” entwickelte und gegen PolitikerwiderstĂ€nde durchstand.
Ludwig Brundiers, der sowohl Rohrbachs Politik als auch Menge von links kritisierte, und der im WDR fĂŒr eine kurze Periode ernsthafter Medienkritik im eigenen Haus stand, erging es weniger gut. Berichte aus jener Zeit von Peter Kleinert (selbst vom WDR herauskomplimentiert), aus dem damaligen Spiegel, und vom fernsehkritischen Blog Quotenmeter.

Menge, Brundiers u.a. haben schon 1974 kommen sehen, was heute passiert

Sicher wird auch der Krawall um Oma die Umweltsau noch SĂŒndenböcke oder -ziegen im WDR finden. Wie es Brundiers war, wie es Rudi Schumacher und Wolfgang Albers waren. Auch andernorts, beim Bayrischen Rundfunk, geht es Ă€hnlich zu: er lĂ€sst einen der besten Journalisten unserer Zeit Richard Gutjahr hĂ€ngen, dass es djihadistischen und rechtsradikalen Hetzer*inne*n ein freudiges Neujahr ist.
Den Menges, Rohrbachs und Brundiers’ haben wir seit 45 Jahren zu verdanken, dass wir diese Gefahr von Rechts, die immer da war, hĂ€tten sehen können. Was machen wir nur daraus?

Zum Weiterlesen: Offener Brief von Richard Gutjahr an den Intendanten des Bayrischen Rundfunks Ulrich Wilhelm. Er drĂŒckt schockierend genau aus, was ich hier auf den WDR bezogen zum Ausdruck bringen will.
Redaktioneller Hinweis an alle Freund*inn*e*n: Internet geht wieder, Email noch nicht wirklich.

2 Kommentare

  1. Christian

    Ja “Requiem auf ein Ekel” ist wirklich eine sehr interessante und wichtige Produktion. Speziell natĂŒrlich die 100min Vollversion und nicht die angespeckte die im TV gezeigt wurde. Das ist wohl schon einmalig.
    Wie war eigentlich der weitere Werdegang Brundiers nach seinem Abgang vom WDR?

    • Martin Böttger

      NĂ€heres als hier beschrieben, konnte ich nicht herausfinden. WĂŒrde mich auch interessieren.

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