Silvesterkrawall 19/20

Von , am Mittwoch, 1. Januar 2020, in Medien, Politik.

Geschichte wird hier im Westen, in NRW und im WDR, gemacht
Der Silvesterkrawall 2015/16 war ein “Gamechanger” in der Flüchtlingsdebatte: vom “Wir schaffen das” zum “Wir können nicht alle aufnehmen”. Dass ein alljährlich wiederkehrendes Ereignis das werden konnte, hatte sehr wesentlich mit dem katastrophal missratenen Krisenmanagement der damaligen rotgrünen NRW-Landesregierung und der ihr unterstehenden Polizeibehörden zu tun. Öffentlich an die Laterne gehängter Sündenbock war der damalige liberal gesonnene Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers. Nichtöffentlich an die Laterne gehängt wurde der stellv. Regierungssprecher Rudi Schumacher – ich lege offen, mit beiden war ich gut bekannt und bedaure ihr Schicksal sehr. Durch das desaströse Landtagswahlergebnis hat es immerhin auch tatsächlich politisch Verantwortliche erwischt – allerdings nicht so menschlich unterirdisch wie diese beiden.
Das damalige Jahreswendekrisenmanagement hat sich nun der Westdeutsche Rundfunk zum Vorbild genommen. Ich habe keine Lust mehr, das überhaupt zu kommentieren. Wenn die öffentlich-rechtlichen Medien jemals Rückgrat hatten – dann ist es definitiv weg. Damit verlieren sie einen wichtigen Grund, sie gegen ihre Abschaffer von Rechts verteidigen zu wollen. Der virtuelle Silvesterkrawall um ein Lied, das mich persönlich durchaus zu belustigen vermochte, dokumentiert so, dass es niemand mehr übersehen oder überhören kann, dass der am meisten überforderte Intendant dem grössten Sender der ARD vorsteht – “unserem WDR”. Ich höre und sehe ihn kaum noch, um mein Wohlbefinden nicht zu beeinträchtigen. Dennoch möchte ich zum Fremdschämen immer noch in den Keller gehen.

Jüngere könnens nicht glauben – der WDR war mal interessant

Das liegt daran, und das wurde mir gestern spektakulär deutlich vor Augen geführt, weil ich mich mal mit diesem Sender und vielen seiner Produktionen identifiziert habe. Das “Kritische Tagebuch” (WDR3) und seine Bedeutung für meine politische und Berufsbiografie habe ich in diesem Blog schon mehrmals benannt. Ich gehörte einst auch zu den “Schimanski”-Fans, und zwar ab der Erstausstrahlung der ersten Folge (“Duisburg-Ruhrort” 28.6.1981). Zahllose Journalist*inn*en des Hauses, Marianne Lienau, Eberhard Rondholz, Klaus Bednarz, Rolf Bringmann und auch der spätere Intendant Fritz Pleitgen waren mir lebensbegleitende Vorbilder. Welche Produktionsverhältnisse haben sie wachsen lassen?
Bis zur Bewusstlosigkeit wiederholen ARD-Sender bis heute einzelne Folgen der von Wolfgang Menge geschriebenen und von WDR-Mann Peter Märthesheimer produzierten Serie “Ein Herz und eine Seele”. Sie erlebte nur zwei Staffeln, 1973/74 und ein kleiner Nachklapp 1976. Der vom an Brecht geschulten Heinz Schubert dargestellte “Ekel Alfred” wurde zu einer Ikone, an der Brecht seine Freude gehabt hätte: als Schauspieler und als politische Figur.

Tagesschau24 sendet aus dem WDR-Giftschrank – keine*r hats gemerkt

Der ARD-Kanal “Tagesschau24”, von der beim NDR angesiedelten ARD-aktuell-Redaktion verantwortet, sendete gestern Abend, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und selbstverständlich ohne Mediathekangebot, ein Juwel aus dem im tiefsten Archivkeller vergrabenen WDR-Giftschrank: “Requiem auf ein Ekel”. Das war quasi ein soziologisches Seminar, das der damalige WDR-Redakteur Ludwig Brundiers, ich weiss nicht wie, auf den Sender gebracht hat. Unter der legeren Gesprächsleitung von Hansjürgen Rosenbauer, in seinen frecheren jungen Jahren, diskutierten – bei ungebremstem Ausstoss diverser Rauchschwaden! – Autor Menge, ein Metallgewerkschafter namens Pinkall, der Kabarettist Helmut Ruge, der Schriftsteller Bernt Engelmann u.a. nach Beendigung der ersten Serienstaffel, was es mit diesem TV-Ereignis auf sich hatte. DKP-Gitarrist Dieter Süverkrüp durfte dazu bürgerliche Freiheitslieder vortragen. War es richtig die Figur “Alfred”, die es in der Gesellschaft zweifellos recht zahlreich gab, zu zeigen? Oder war es zuviel der Aufmerksamkeit, mit gar propagandistischer Wirkung, die Seinesgleichen ermutigte, wieder aus der Deckung zu kommen? Am Tresen dieser Sendung war übrigens ein weiterer wichtiger Möglichmacher und Superstratege des WDR zu sehen, Günter Rohrbach, der 1979 die Flucht nach München zur Bavaria antrat – die übrigens dann auch den erwähnten “Schimanski” entwickelte und gegen Politikerwiderstände durchstand.
Ludwig Brundiers, der sowohl Rohrbachs Politik als auch Menge von links kritisierte, und der im WDR für eine kurze Periode ernsthafter Medienkritik im eigenen Haus stand, erging es weniger gut. Berichte aus jener Zeit von Peter Kleinert (selbst vom WDR herauskomplimentiert), aus dem damaligen Spiegel, und vom fernsehkritischen Blog Quotenmeter.

Menge, Brundiers u.a. haben schon 1974 kommen sehen, was heute passiert

Sicher wird auch der Krawall um Oma die Umweltsau noch Sündenböcke oder -ziegen im WDR finden. Wie es Brundiers war, wie es Rudi Schumacher und Wolfgang Albers waren. Auch andernorts, beim Bayrischen Rundfunk, geht es ähnlich zu: er lässt einen der besten Journalisten unserer Zeit Richard Gutjahr hängen, dass es djihadistischen und rechtsradikalen Hetzer*inne*n ein freudiges Neujahr ist.
Den Menges, Rohrbachs und Brundiers’ haben wir seit 45 Jahren zu verdanken, dass wir diese Gefahr von Rechts, die immer da war, hätten sehen können. Was machen wir nur daraus?

Zum Weiterlesen: Offener Brief von Richard Gutjahr an den Intendanten des Bayrischen Rundfunks Ulrich Wilhelm. Er drückt schockierend genau aus, was ich hier auf den WDR bezogen zum Ausdruck bringen will.
Redaktioneller Hinweis an alle Freund*inn*e*n: Internet geht wieder, Email noch nicht wirklich.

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