Gegen die Architektur der Verachtung
Die DLF-Reihe “Essay & Diskurs” hat mich heute mal wieder zum Spinnen verf├╝hrt. Aber regen Sie sich nicht auf. Die Gefahr, dass die Bonner Kommunalpolitik das Folgende beherzigt, besteht nicht. Daf├╝r sind die viel zu feige. Bei den geringsten Widerworten mitsamt den dabei ausgestossenen Aerosolen fallen die alle sofort um, als sei das ein gef├Ąhrliches Virus.
Die Herren Micka├źl Labb├ę (Philosoph) und Michael Magercord unterhielten sich recht inspirierend ├╝ber die “Architektur der Verachtung” anhand ihrer Heimatstadt Stra├čburg (Audio knapp 30 min.; vielleicht liefert der Sender noch eine Lesefassung online nach). Strassburg ist im 2. Weltkrieg nur unwesentlich zerst├Ârt worden, und zeigt darum in ihrer Erscheinung all die Zeitalter, die sie als Stadt durchlebt hat, im Guten wie im Schlechten.
Etliche Kilometer rheinabw├Ąrts hat der Krieg schlimm gew├╝tet, und die Nachkriegszeit auch. Ausser dem Dom blieb fast nichts stehen. Durchgesetzt hat sich das Auto. Und das und seine Lobbyisten verteidigen seine Herrschaft mit wachsender Verzweiflung. Die m├Âchte ich gerne hiermit vergr├Âssern.
Dem Appell von Labb├ę und Magercord folgend m├Âchte ich mein Stadtviertel und seine zentrale Achse, die Rheindorfer Strasse, f├╝r echte Menschen z├╝r├╝ckerobern. Die Gelegenheit ist g├╝nstig. Die durchfahrenden Buslinien sind erneut bis Jahresende stillgelegt, weil umfangreiche Grabungsarbeiten an den Infrastruktureinrichtungen unter der Strassendecke stattfinden sollen. Wenn dann alles wieder zugesch├╝ttet wird, w├Ąre die Zeit gekommen f├╝r Shared Space.
Das Gebiet k├Ânnte von der Siegm├╝ndung bis zum Adenauerplatz, von der Niederkasseler Strasse bis zum Rhein reichen. Kein Durchfahrtsprivileg mehr f├╝r irgendjemanden, alles wird an alle zur├╝ckgegeben. Alle sind gleichberechtigt. Durchkommen ist nur noch durch R├╝cksichtnahme m├Âglich – auch und gerade f├╝r den Bus (am besten dann ohne Auspuff!). Am besten, am Autobahnkreuz Beuel-Nord w├╝rde ein fettes Parkhaus hingestellt, wo die Autos├╝chtigen ihr Fahrzeug gegen kostendeckende Geb├╝hr abstellen m├╝ssen, und ihren Weg nach Beuel mit irgendeinem anderen Verkehrsmittel ihrer Wahl fortsetzen. Ein Durchkommen mit Auto wird es sowieso nicht geben: der Tausendf├╝ssler wird kapuddeneu gemacht, und danach die Nordbr├╝cke. Das wird eher 20 als 10 Jahre dauern.
Und seien wir ehrlich: wer das Privileg geniesst, in dem beschriebenen Gebiet (“Dorf in der Stadt”) eine Wohnung ergattert zu haben, braucht ein Auto f├╝r garnix.
Einige haben vielleicht gemerkt, dass vor kurzem etliche der jahrelang verwaisten Baumscheiben endlich neu bepflanzt worden sind. Das liegt nach meinen Informationen an zwei Personen, die in der Stadtverwaltung damit betraut wurden, und diese Aufgabe seit wenigen Monaten engagiert erledigen (ich kenne die zwei nicht pers├Ânlich, nur eine, die die kennt). Solche Personen w├╝rden auch f├╝r die Einf├╝hrung einer Shared-Space-Zone gebraucht. Denn nat├╝rlich w├Ąre das was Neues, was hier in Bonn noch niemand kennt, und darum von Politik und Verwaltungsspitze nur mit spitzen Fingern angefasst w├╝rde. Es w├Ąre ein grosser Sprung f├╝r die Lebensqualit├Ąt, Beuel w├╝rde endlich mal mit was Anderem als der Virenschleuder Wieverfastelovend bekannt.
Und wenn das n├Ąchste und ├╝bern├Ąchste Virus kommt, k├Ânnten wir sogar die Abstandsregel einhalten.