Der Deutschlandfunk betreibt gegenwärtig auf allen seinen Wellen einen ganzjährigen Programmschwerpunkt unter dem Label “Denkfabrik”. Unter fünf vom Sender vorgegebenen Vorschlägen hatten seine Hörer*innen “Dekolonisiert euch!” gewählt, das war noch bevor Black Lives Matter nach dem Mord an George Floyd bis nach Europa geschwappt war. Das Prinzip dieser “Denkfabrik” ist nicht, das gegenwärtige Radioprogramm coronaartig umzustülpen, sondern in alle Fachprogramme einzusickern, klassischer Querschnitt, und gut ausgedacht.
Als Stammhörer des Senders habe ich die starke Wahrnehmung, dass das Experiment gelingt, und dem gesamten Programm (und seinen Macher*inne*n) sehr gut tut. Besonders stark beeindruckt bin ich von der Langzeitreihe “Wortewandel” von Noelle O’Brien-Coker. Die von ihr gecasteten Stimmen sind nicht nur inhaltlich vielschichtig, im besten Sinne aufklärerisch – sie können auch richtig sprechen! Wenn mich etwas im Radio am meisten nervt, dann sind es die billigen Call-in-Sendungen, bei denen jeder sich wichtig nehmende Hanswurst aufs Publikum losgelassen wird, ohne jede Prüfung, ob er auch was zu sagen hat, und ob er das kann (es ist erlernbar, für jede*n, aber es wird niemandem in die Wiege gelegt). Die Stimmen in “Wortewandel” sind ein Wohltat fürs Ohr und Hirn.
Ausserdem heute beachtenswert die Werke des Kollegen Jürgen Zurheide, Motorradfahrer wie Roland Appel, RWE-Fan wie Friedrich Küppersbusch:
Interview mit Sven Giegold zum neuen Eurogruppenchef;
Interview mit Volker Perthes (SWP) zur Syrienhilfe im UN-Sicherheitsrat;
Interview mit Gerhard Bosch (bisher Audio, Schriftfassung noch nicht online) zur prekären Arbeit vor während und nach Corona. Arbeitsmarktforscher Bosch ist ein fortschrittliches Gesicht meiner Geburtsstadt Gelsenkirchen, mit dem ich in meiner Landtagszeit gelegentlich zusammenarbeiten durfte. Er ist das fortschrittliche Gegenstück zum Leiharbeitslobbyisten Wolfgang Clement, und hat den in inhaltlicher Hinsicht, wie heute gut zu hören war, erfolgreich überlebt. Bosch hat noch was zu sagen, Clement ist fast vergessen (ausser von den noch heute unter seinen Folgen leidenden Sozialdemokrat*inn*en).
Und während ich alles verlinke: Roland Appel selbst war auch bei Zurheide im Interview. Ob das live war? Ich war jedenfalls noch nicht wach. (ebenfalls bisher nur Audio)