“Die Erinnerung darf niemals enden” soll Bundesaussenminister Heiko Maas im März 2018 kurz nach seinem Amtsantritt ins Gästebuch der Gedenkstätte Yad Vashem geschrieben haben. Gestern nun – erinnern Sie sich? – war der 81. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen. In dessen Folge wurden weit über 5 Mio. Pol*inn*en, rund zur Hälfte Jüdinnen und Juden, ermordet. Wie hat der deutsche Aussenminister dessen gedacht?
Ich bin mir nicht sicher, wieviel Zeit zum Denken er überhaupt hatte, Krisenstress, viel zu tun für eine Grossmacht. Zwischendurch musste er einen deutschen Botschafter in Polen ernennen. Das kommt vor in einem Aussenministerium. Im günstigsten Fall hat der Minister Leute, die sich um solche Sachen kümmern. Wenn er sie dann zur Entscheidung vorgelegt bekommt, gehört es durchaus zu den Befugnissen seines Amtes, dazu Fragen zu stellen, auch Vorlagen zur Überarbeitung noch mal zurück zu geben. So viel Zeit ist immer. Wenn nicht, gibt es ein weit grösseres grundsätzliches Problem im System eines so grossen Hauses. Und ja, der Fachkräftemangel in diplomatischen Angelegenheiten ist sehr, sehr gross.
Es gehört zu den traurigen Tatsachen in der Krise der deutschen Medien, dass sie ebenfalls keine Leute und keine Zeit mehr haben. Z.B. der deutschen Öffentlichkeit fremde Länder zu erklären. Sprache, Gesellschaft, Geschichte, Kultur müsste mühselig erlernt werden. Im besten Falle ist das deutschen Korrespondent*inn*en gelungen, wenn ihr Auslandsjob endet. Sie hauen also ab, wenn sie endlich die Qualifikation haben. Während sie dort ihren Job machen, bleibt nichts anderes übrig, als sich in der deutschen Botschaft, in der kleinen Community der deutschsprachigen (und angloamerikanischen, Englisch können ja die meisten) Kolleg*inn*en schlau zu machen und auszutauschen.
Davon ist z.B. dieser Tagesschau-Bericht zum Konflikt um den deutschen Botschafter in Polen schwer gezeichnet. Für das Publikum ist er mit keiner Anstrengung verbunden. Die polnische Regierung ist rechts, die Opposition ist liberal, also wie wir. Linke gibts in Polen sowieso nicht, jedenfalls für deutsches Publikum. Nun kocht also die rechte Regierung ein innenpolitisches Süppchen auf dieser Sache.
Diese Sache ist der Herr Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven. Was für ein Name, oder? Mann sieht ihn förmlich reiten. Ihm wird laut Tagesschau “persönlich … noch …” nichts ” … vorgeworfen …”. Nun ich wüsste da schon einiges, aber ich bin ja nicht so rechts wie die polnische Regierung. Die polnische Regierung habe sich “nur” an dem Vater des Freiherrn gestört, wird uns berichtet. Ja, bei dem gab es so einiges. Imgrunde repräsentieren beide Freiherren mustergültig deutsche Kontinuitäten, durch alle Zeitenwechsel, Regime, Weltkriege, Völkermorde usw. hindurch. Klassische Pflichterfüller, oder? Das hat dann gestern auch die rechte polnische Regierung eingesehen.
Sie wissen ja: “Die Erinnerung darf niemals enden.” (Heiko Maas)