Hier die besseren Beispiele
Georg Seesslen gehört zu den Besten deutscher Sprache. Aktuell beweist er das mit seiner Analyse der Beziehung zwischen Hollywood und Diversity. Seesslen ist nicht einfach nur Medienkritiker, sondern immer auch politischer Analyst. Kontext ist ihm nicht fremd oder zu kompliziert, sondern notwendig, um zu verstehen. Beiläufig behandelt er Grundsatzfragen wie “Grund- und Nebenwiderspruch”, Rassismus und Klassenverhältnisse gleich mit. Nur wenige können das.
Schwer tut sich z.B. die 3sat-Kulturzeit, Dieter Botts “tägliche Sportschau”. Meine war sie es auch längere Zeit, aber nun schon recht lange nicht mehr. Statt eigene Themen zu setzen, und damit auch eine inhaltliche Unabhängigkeit des Feuilletons in der Glotze, arbeitet sie nur noch die Agenda des Hauptstadtjournalismus ab, langweilig wie die Tagesschau, nur mehr als doppelt so lang. Brigitte Knott-Wolf/Medienkorrespondenz bietet eine umfassende Bilanz von 25 Jahren Kulturzeit. Sie erklärt mir, warum es so geworden ist. Es war eine strategische, organisatorische Entscheidung des ZDF, einen Zulieferkanal direkt aus Berlin in die “Kulturzeit” zu installieren. Daher meine Langeweile.
Eine solche Organisationsreform wirkt für sich allein mikroskopisch unbedeutend, ein Versuch aus Sparsamkeit Spin-off-Effekte zu mobilisieren, scheinbar vernünftige Rationalisierung. In Wahrheit und in Summe ist es eine Ideologie, mit der die innere Pressefreiheit und Souveränität einst freier Redaktionen in Medienhäusern immer weiter reduziert wird, bis am Ende nichts mehr davon übrig ist.
Das bilanziert Uwe Krüger/Frankfurter Hefte, am Beispiel der Corona-Berichterstattung, einer der in meinen Augen profiliertesten Köpfe linker Kritik am Nachrichten-Mainstream. Eine zensierend eingreifende Bundesregierung, wie ich sie noch in den 70er Jahren erlebt habe, ist nicht mehr erforderlich. Selbstständige Recherche gehört nicht mehr zum Tagesjournalismus, sondern ist ausgelagert in “Rechercheverbünde” oder gleich direkt an Dienstleister*innen. Zu den Aufgaben von Normalo-Journalist*inn*en gehört es mangels Zeit und weggespartem Personal nur noch, das Handeln von Regierenden und Behörden in die Öffentlichkeit zu tragen, es übersetzend besser verständlich zu machen. Kritik bleibt Aufgabe der Opposition. Wenn die dann den Daumen in den Medienwind hält, passiert das, was passiert ist.