Dänische Miniserie und Musik-TV / WDR – der Umfaller-Sender
mit Update
“Killing Mike” wurde u.a. von FAZ und taz besprochen. Ich habe nachts mal linear reingesehen. Bei mir wurde eine Erinnerung an “Fargo” wachgerufen, das mir den Trump-Wahlsieg 2016 ungewollt verständlicher machte, durch alle Ritzen triefte der US-amerikanische Exzeptionalismus. Letzteres kennen die die Dän*inn*en meines Wissens so nicht, sind in vielem aber nicht weniger konservativ, wie ich spätestens bei “Babettes Fest” gelernt hatte. Ein unbeschwertes Vergnügen ist “Killing Mike” jedenfalls nicht, eher Thrill zum Verkriechen unter der eigenen Bettdecke (kann nur nachts, wenns dunkel ist, geguckt werden – oder Sie schenken dem ZDF ihre Daten).
“Laurel Canyon”
Ich glaube nicht, dass der Canyon nach Stan Laurel benannt ist. Laut Wikipedia geht er auf eine Lorbeer-Sorte zurück, eine Erklärung so idyllisch, wie scheinbar alles, was in der Medienwelt über diesen Flecken kalifornischer Landschaft verbreitet wird. Eine Arte-Musikdoku der Australierin Alison Ellwood setzte dem eine Krone auf. Hier dazu die FAZ-Besprechung.
Einerseits habe ich sie verschlungen, schon wegen des Soundtracks. Aber auch, weil ich als Zeitgenosse der dargebotenen Story noch zu jung war, um Teil von ihr hätte sein zu können. Immer wieder suchte ich die Story auf Elemente ab, an die ich mich selbst erinnern konnte. Dabei konnte ich ihre Schwäche langsam erkennen: eine recht einseitige Legendenbildung, als sei alles ein schönes Märchen gewesen.
Andererseits blenden solche Stories die grösseren Teile der Wahrheit, die Schattenseiten, die Gescheiterten, die namenlosen Opfer aus – nur das Charles-Manson-Attentat auf das Anwesen von Roman Polanski wird pflichtschuldigst und wahrheitsgemäss als Traumatisierung der damaligen Community benannt. Damit macht sich der Film selbst zum Teil des damaligen boulevardesken Mediengeschehens. Der damalige Alltag wird auf pilcherartige Schnurren und die Heldenfiguren reduziert, wie bei einem geschmacksintensiven Sösschen. Die Wahrheit besteht aus mehr Wasser als Wein, wie im Fußball: die Mehrheit talentierter Musiker*innen und Schauspieler*innen scheitert, schätzungsweise 95%, eher mehr als weniger. Das Business schmeisst sie auf den Müllhaufen der Geschichte, damals nicht weniger als heute. Die in dem Film benannten “Erfolgreichen” waren mehrheitlich zu doof, sich nicht von der Medienindustrie über den Tisch ziehen zu lassen.
Nehmen wir dazu als Beispiel die in dem Film nur am Rande vorkommenden Rolling Stones. Sie haben sich so mit Drogen u.a. abfüllen lassen, dass sie erst als weit über 30-jährge überhaupt merkten, dass sie immer noch nicht reich waren, sondern nur all ihre Geschäftsfreunde um sie rum. Darum stehen sie heute noch als Greise auf der Bühne. Sie haben mit dem (selber) Reichwerden so spät angefangen, dass sie heute das Ende nicht mehr finden. Und so schmerzfrei doof waren, wie fast alle in dem romantisierten Canyon, jedenfalls zu jener Zeit. Das wäre mal ein interessanter Musikfilm, der das analysiert.
WDR macht sich entbehrlich
Ich weiss ja nicht, ob sie es schon wussten, aber der WDR hat keine Lust mehr. Ich höre, nicht im Radio (ich höre DLF) aber aus dem Haus, dass aus den Radiowellen das meiste, wofür ich noch eingeschaltet habe, abgeschafft werden soll – die politischen Wortsendungen. Ausrede: weil der NDR aus der Koproduktion aussteigt (dort wird ebenfalls gerade gespart).
Mit welcher Haltung, bzw. Mangel daran, beim WDR Programm gemacht wird, zeigt der Umgang mit Schimanski. Klar, hatte ich eben noch gelobt, hätte ich nicht tun sollen. Denn anscheinend haben den zuwenige geglotzt. Zu alte Geschichten. Und, Überraschung: teilweise, im Vergleich zu heutigen Methoden, wie Kammerspiele inszeniert, in den damals üblichen Resopal-Büromöbeln, stylish garnix. Auch fehlt jegliche Therapie- und Ratgeberorientierung in den Dialogen. ebenso ein Kurzreferat des Kommissars in der Filmmitte zum Stand der Ermittlungen. Sowas geht nur in Experimental-Tatorten, und die sollen ja reduziert werden, weil das Publikums das nicht verkraftet.
Die Quoten waren dienstagabends wohl zu schlecht, mit einem noch älteren Haferkamp-Tatort hinterher. Die Ruhrgebietsstädte sahen damals einfach zu scheisse aus. Nachts wars damals da so dunkel, dass die Zuschauer*innen von heute Angst kriegen würden. Darum kommen die schlecht ausgeleuchteten Schimanskis jetzt erst um 23.45 h, wenn eh alle im Bett sind, mit einem Einschaltquoten-Burner jüngeren Datums davor. Es geht nicht um Regionalgeschichte, nicht um Filmgeschichte, nicht um Krimigeschichte, nicht um Ehrung der damaligen Künstler*innen, noch nicht einmal um WDR-Geschichte. Nein, er schämt sich dafür.
Wer so viel Angst vor Wind von vorne hat, macht sich selbst entbehrlich. Fällt von alleine um.
Update abends: Kompliment an Schültke und Sportschau
Nicht alles ist schlecht im WDR. Hoffentlich bringe ich es nicht in Gefahr, wenn ich es hier jetzt lobe. Seit Ausbruch der Coronakrise und dem Mangel an Gegenständen der Spielfeldrandberichterstattung diffundiert gelegentlich die Journalismus-Kompetenz des WDR-Einschaltquotenstiefkinds Sport inside in die ARD-Sportschau hinein. Gut so. Z.B. heute.
Andrea Schültke ist eine Journalistin, von der ich schon als DLF-Hörer weiss, dass sie sei vielen Jahren die Gewaltverhältnisse im Leistungs- und Breitensport mit Recherche und Berichterstattung verfolgt. An ihr Material kann sie nur mit viel Empathie gegenüber Opfern gelangen, die es wagen müssen, zu sprechen, sich zu offenbaren, ihre traumatischen Erinnerungen der Öffentlichkeit nicht zu ersparen. Schültke hat einerseits damit etwas gefunden, wonach viele dilettierende Journalist*inn*en vergeblich suchen: eine Marktlücke, in der sie sich als (fast) konkurrenzlose Expertin profilieren kann, und es auch tut. Von Glück vermag ich in diesem Zusammenhang jedoch nicht zu schreiben. Denn sich ein Berufsleben lang mit diesem System von Gewaltkriminalität beschäftigen zu müssen, kann auch einer Berichterstatterin viele schlaflose Nächte bereiten. Darum ein Extrakompliment an die Autorin, und die Redaktion, die die Courage hatte, solches Quotengift zu senden (1,6 Mio. haben zugeguckt), und niemandem zu ersparen.