von Martin Stankowski
Zur Kölner Dialektik

“Mit viel Müll ins neue Jahr” begrüßt der Stadtanzeiger am 1. Januar seine LeserInnen und beginnt das neue mit demselben Thema, mit dem sich das alte verabschiedet hat: Müll. Die “Students for Future” sammelten am Rheinufer Silvestermüll ein, um mit ihrer Aktion das “Ausmaß der Müllproduktion zu visualisieren”. Das ist nett, das ist niedlich, vor allem aber überflüssig, weil Müll zur Stadt gehört wie der Bock zum FC. Das mit ebenso großer Leidenschaft wie Regelmäßigkeit auftauchende Lied, ob es die Stadtchefin anstimmt oder der IHK-Präsident, orchestriert von einer Flut von Leserbriefen, hat diverse Strophen, angefangen vom Karneval, über Wildpinkler oder Graffittimaler, die Grünflächen, überquellende Mülltonnen, kaputte Fahrräder, die schmutzigen Straßen und so weiter und so fort. Das bedarf keiner Visualisierung – es war erstens immer so, hat zweitens mehr eine ästhetische als soziale Dimension und ist drittens die eigentliche Dialektik dieser Stadt.

Dreckigste Städte fangen mit “C” an

Seit der berühmten Redensart in den Salons des 19. Jahrhunderts, daß die drei dreckigsten Städte der Welt mit einem C anfangen – nämlich “Calcutta, Constantinopel und Cologne”, gibt es einen Topos in den Reiseberichten vom Rhein, von Georg Forster angefangen, der angewidert vom Dreck und Elend der Bewohner Köln verließ, oder Ernst Moritz Arndt, für den die Kölner “ein tückisches und in sich selbst wie kalte Kröten zurückgekrochenes Volk” sind, über den späteren preußischen Kultusminister Adalbert von Ladenberg, welcher seinen “Vorrat des kölnischen Wasser auf einmal über den Jammer hätte ausgießen mögen”, und fast 200 Jahre später ganz ähnlich einen aktuellen Autor, Heiko Deters, mit der Beobachtung, daß “man stinkt, wenn man aus Köln kommt, und da hilft kein Super-Deo-Spray”, bis zu Dietmar Dath, für den “Köln, die schwelendste katholische Schwäre auf Deutschlands Fratze außerhalb Bayerns” ist.

Dreck als Metapher

Dabei ist Dreck nur die Metapher für Zustand und Mentalität der KölnerInnen, früher die düsteren Kirchen mit Heiligenverehrung und Reliquienhandel, heute der Karneval, bei dem “die Tradition abgelöst wird durch Wildpinkler, vögelnde Flamingos in Hauseingängen und Alkohol-Leichen in Kotzpfützen”, wie man sich in den Internetforen lauthals beschwert.

Der Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat sich in einer weit beachteten Schrift “Die Vereindeutigung der Welt” Gedanken über die abnehmende “Ambiguitätstoleranz” gemacht, also die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, an Gegensätzen nicht zu verzweifeln, andere Ideen und Lebensformen zu tolerieren und er hat dies vor allem bei der Religion und der Kunst gefunden, zwei Lebensbereiche, die gerade von der Uneindeutigkeit profitieren. Bauer hat allerdings Köln übersehen, eine Entität, welche sich für ihre Uneindeutigkeit sogar eine eigene Verfassung gegeben hat, das Kölsche Grundgesetz.

Erreicht man die Stadt per Flieger, erblickt man in den großen Glasfronten der Eingangshalle des Flughafens die 11 Artikel des kölschen Grundgesetz eingraviert, als Begrüßung, als Einstimmung auf diese Stadt. Natürlich ist das inzwischen ein Marketinggag, wäre aber ohne die mentale Verankerung in der Stadtseele nicht möglich. Daß “et es wie et es” und es sowieso “kütt wie et kütt”, ist uraltes Gemeinwissen und übrigens die Voraussetzung, es in dieser Stadt auszuhalten. Die kölschen Eingeborenen beherrschen das Spiel, etwas zu behaupten und nicht zu glauben oder etwas zu glauben, aber nicht zu beherrschen. Wenn der Stadionsprecher bei Heimspielen des FC die Gäste in der “schönsten Stadt” der Republik begrüßt, wissen alle, das ist Quatsch, beklatschen die Behauptung aber jedesmal von neuem. Wenn die Dresdner stolz erzählen, in der schönsten Stadt Deutschlands zu leben, nehmen sie das wörtlich. Und das ist der Unterschied.

Knochen-Marketing

Mit dieser Fähigkeit sind die Kölner in der Regel gut gefahren. Ihre merkantilen Spitzenprodukte über Jahrhunderte, die sterblichen Überreste ihrer Heiligen oder jedenfalls die Knochen, die sie dazu erklärt haben, wären natürlich nicht zu solchem Exportschlager geworden, wenn sie deren Realherkunft erklärt hätten. So ist es auch kein Wunder, daß gerade die Reliquien in den angewiderten Schilderungen der alten Reiseberichte ständig in einer Reihe mit Schmutz und Dreck auftauchen. Und nebenbei gesagt: Ist nicht vielleicht der doch sehr pragmatische und merkantile Umgang mit den “heiligen” Gegenständen auch der Humus, auf dem der sprichwörtliche Kölsche Klüngel gedeihen konnte? Und charakterisiert Adenauers berühmte Definition des Klüngels “Man kennt sich und man hilft sich” nicht vielleicht und zunächst das Verhältnis, das der Kölner zu seinen Heiligen hatte?

Ersatzhandlung

Aber zurück zum Dreck. Die Stadt ist dreckig. Klar. Man könnte etwas dagegen tun. Klar. Man könnte vieles tun. So wird die Dauerklage über den Dreck in dieser Stadt zur Ersatzhandlung, das Gerede ersetzt das Handeln. Das ist übrigens auch nicht prinzipienlos, bzw. nur auf den ersten Blick, denn die Prinzipienlosigkeit ist das Prinzip. Die grundlegende Fähigkeit, sich Köln schön zu reden hängt nämlich auch mit der Fähigkeit zusammen, sich Köln schön zu trinken. Solange es nur um die Sprache geht, könnte man mit Ludwig Wittgenstein erkennen “Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt” (Tractatus 5.6). Und das trifft auf die Kölner allemal zu. Oder man könnte, wenn es um beides geht, um das Sprechen und das Trinken, mit dem Kabarettisten Heinrich Pachl erkennen “Kölsch ist die einzige Sprache, die ich trinken und das einzige Getränk, das ich sprechen kann.”

Zwischenüberschriften wurden nachträglich redaktionell eingefügt.

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