Der Jetstream besteht aus Höhenwinden, die auf der nördlichen Erdhalbkugel vor allem zwischen dem 40. und 60. Breitengrad mit Geschwindigkeiten von bis zu 650 km/h in einer Höhe von 9.000 – 12.000 Metern von Westen nach Osten strömen.  Der oder besser die Jetstreams – es gibt mindestens vier weitere, um den Erdball verteilte Strömungen dieser Art – gehören laut Wikipedia zu den “konstantesten Wetterphänomenen”, die seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bekannt sind. Seit den 60er Jahren nutzen oder meiden Airlines bei ihren Interkontinentalflügen die Jetstreams je nach Flugrichtung, um Kraftstoff zu sparen, bzw. die Reichweiten der Maschinen zu vergrößern. Mit dieser Konstante scheint es vorbei zu sein.

Antriebsmotoren unseres Wetters streiken

Die Jetstreams stellen aber nicht nur eine gewisse Konstante der Wind- und Wetterarchitektur dar, sie dienen vor allem dazu, die Hoch- und Tiefdruckgebiete der nördlichen Erdhälfte von West nach Ost rund um den Globus zu treiben. Das Azorenhoch, die Tiefs der Biscaya, alles, was wir seit Jahrzehnten aus der Wetterkarte kennen, folgt – natürlich mit saisonalen und thermischen Abweichungen generell einer seit Anbeginn der Wetteraufzeichnungen im 19.Jahrhundert statistisch feststellbaren vorherrschenden Linie von West nach Ost – eben in diesem Korridor vom 40. bis 60. Breitengrad. Was wir jedoch bereits 2020 beobachten konnten und was derzeit seit mehreren Monaten anhält, ist eine grundsätzliche Veränderung in der Abfolge von Hoch- und Tiefdruckgebieten über Europa.

Luftströmungen marodieren in Nord-Südrichtung statt auf ihren angestammten Bahnen 

Azorenhochs oder Islandtiefs bewegen sich nicht mehr entlang eines bestimmten Korridors in Richtung Zentralrussland, sie biegen auf dem Atlantik nach Süden ab, laden sich zum Teil über dem Mittelmeer mit Energie auf, um dann wieder nach Norden abzubiegen.  Feuchtwarme Luft bewegt sich vom Mittelmeer in Richtung Polen bis in nördliche Gefilde wie die Halbinsel Kola, Polare Luftmassen strömen im Rücken dieser Fronten über Deutschland nach Süden. Zeitweise kamen diese Bewegungen in den letzten Wochen zum Stillstand, sodass in Süddeutschland, der Eifel, Ostdeutschland, und seinen südöstlichen Nachbarländern zum Teil tagelang Unwetter im Schneckentempo über das Land krochen oder gar stationär hängen blieben. Das ist ein völlig neues Phänomen, das früher in einzelnen Wetterlagen vorgekommen sein mag, aber in dieser Dauerhaftigkeit noch nie aufgetreten ist. Das gleiche Phänomen ist in Nordamerika zu beobachten, wo in Washington State oder in den davon nördlich liegenden Provinzen Kanadas Hochdruckgebiete sich nicht von der Stelle bewegten und mörderische Hitzeeinbrüche bis zu 50° Celsius verursachten.

Kein Wetterphänomen, sondern Symptom der Klimakrise

Schon in den 60er Jahren massen Luftfahrtmeteorologen dem Jetstream eine ähnliche Bedeutung für das globale Klima zu, wie es die Meeresmeteorologie dem Golfstrom zuschreiben. Würde der Golfstrom erlahmen oder umgelenkt, würden Teile Europas von Island bis nach Moskau mit massiven Abkühlungen und Klimaschwankungen zu tun bekommen. Gleichwohl scheinen die Veränderungen dieses lange bekannten atmosphärischen Phänomens in der breiten Öffentlichkeit wenig Beachtung zu finden. Mensch braucht nur ein paarmal “Tagesschau vor 20 Jahren” auf Tagesschau 24 zu verfolgen und auf den Wetterbericht zu achten und diesen mit den heutigen Großwetterlagen zu vergleichen, um praktisch mit der Nase darauf gestoßen zu werden: Der Jetstream ist “im Eimer”! Dabei haben seriöse Forschungsinstitute wie das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung schon vor Jahren auf diese Gefahr hingewiesen.

Der Anfang von dem, was noch kommt

Hier erklärt Meteorologe Paul Heger den Mechanismus sehr verständlich. Aber was haben wir zu erwarten und was ist dagegen zu tun? Prof. Gerrit Lohmann vom Alfred-Wegener Institut in Bremen erklärt die direkten Folgen des Phänomens: Von der jährlichen schrittweisen Verlagerung der Tropen nach Norden über eine Häufung der Kälteeinbrüche in Europa im Winter bis zum Ansteigen des Meeresspiegels. Hinzu kommen die Erwärmungen und Schmelze der Polkappen. Der Abriss des Polarstreams bedeutet eine Aufhebung von Klimagrenzen, das bedeutet, Warmströmungen reichen weiter in Richtung auf die Pole und kalte Luft dringt, von den Jetstreams nicht abgelenkt, weiter und tiefer nach Süden vor. Die Folge sind zunächst Starkregenereignisse, Extremwetter, Tornados in Regionen, die das bisher nicht kannten und letztlich die Schmelze der Polkappen und ein anstieg des Meeresspiegels um etwa 58 Meter. Auf dem Weg dorthin sind die Jahre 2019 bis 2029, so das AWI, entscheidend. JETZT müssen Maßnahmen zur Eindämmung der CO² Immissionen greifen – und vor diesem Hintergrund kommen sowohl der Kohleausstieg erst 2038 als auch die Klimaneutralität Deutschlands erst 2045 viel zu spät.

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel, Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke.