Die “Compliance”-Fehlanzeige im Fall Springer/Reichelt dokumentiert die deutsche Rückständigkeit gegenüber den USA – wie die Buchmesse
Die “Süddeutsche” lese ich wegen ihrer irren Paywall-Strategie kaum noch. Wenn sie derzeit in ihren Schlagzeilen zum Fall Springer/Döpfner/Reichelt von “Buberl-Connection” schreibt, dann illustriert diese Verniedlichung vor allem, dass deutsche Verlagsmedien die Sache noch überhaupt nicht verstehen. Sie sind in ihrer Blase gefangen, ohne Kontakt zu den Veränderungen in der Welt. Tragisch. Eine lobenswerte Ausnahme bildet die Berliner Zeitung, deren Verlegermilliardär*in (Ehepaar, beide gemeint) vom (noch) Döpfner-geführten BDZV wie Gesetzlose ausgegrenzt werden.
Die Paywall-Politk der Berliner Zeitung ist oftmals nicht weniger irre, als die der SZ. Aber heute morgen war diese Analyse von Maximilian Both und Jesko zu Dohna barrierefrei zu lesen. Sie ist exzellent und zutreffend. Und bestätigt meine schmallippige Einschätzung von vor einigen Tagen gründlicher und ausführlicher mit Fakten unterlegt. Eine Notiz im FAZ-Feuilleton daneben gelegt dürfte sich für die inhäusigen Springer-Detektive der Verdacht erhärten, dass es eine Querverbindung (bzw. in Springer-Logik ein “Loch”) KKR-Freshfields-NYT gegeben haben dürfte, neben der guten Bekanntschaft der Autoren Ben Smith und Daniel Drepper.
Die von Both und Johne beschriebene nahezu gegensätzlche Compliance-Kultur zwischen der “Deutschland AG” und den USA betrifft nicht nur diesen Einzelfall, sondern die ganze Republik. Wie ich es hier schon an einem anderen Thema beschrieb: das hat sich im internationalen Grosskapital längst rumgesprochen. Die einen tuen sich daran gütlich, den andern passt das gar nicht.
Wenn sich Berliner-Zeitungs-Mlliardär Holger Friedrich als BDZV-Outsider gegen die 50er/60er-Jahre Kultur positioniert, ist das einerseits löblich, und tut den von seiner Redaktion produzierten Inhalten gut. Wenn sich aber in seiner Redaktion niemand traut, seine schwurbelnden Texte strenger zu lektorieren, dann ist doch auch in “seinem Haus” offensichtlich vieles genauso von vorgestern, wie er es bei den andern beklagt.
Buchmesse
Buchmessen als Ansammlung von Menschenmassen, die ausserdem tagelang alle Feuilleton-Redaktionen von ihrer eigentlichen journalistischen Arbeit abhalten, weil sie alle dem Eventisierungszwang folgen, habe ich als Leser noch nie was abgewinnen können. Darum beschäftige ich mich mit ihnen in der Regel nicht. Hier passt die Frankfurter Messe aber mal zum Thema. Sie, rechtlich eine private Kommerzveranstaltung, darin z.B. dem vielkritisierten Facebook ähnlich, dünkt sich als “Marktplatz”, von dem niemand ausgeschlossen werden könne. Auch keine Faschisten und Rassisten. Nun stellt sich heraus, ach du schreck, die Mehrheit der Menschen besteht ja gar nicht aus weissen Biodeutschen. Manche sind sogar Schwarze. Und viele von denen fühlen sich auf solchen “Marktplätzen”, in Deutschland zumal, nicht sicher. So ist das mit der Globalisierung.
Nicht alles an ihr ist schlecht.