Beueler-Extradienst

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Verirrungen

Von mir, Michael Maier, Wolfgang Storz und Gregor Gysi
Die Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP) hat (laut Wikipedia) in ihrem 15-köpfigen Vorstand 3 Staatsvertreter; 40% ihrer Einnahmen kommen vom Staat. Das muss mann wissen, wenn mann diese Meldung über die Reichtumsumverteilung von oben nach unten in den USA liest. Meine erste Reaktion an diesem grauen kalten Montag, ja die gibt es auch für uns Rentner, war: wo kann ich für diese Banden spenden? Mit ein wenig Nachdenken kam ich zu anderen Schlüssen.
Da ist zum einen die Produktplatzierung französischer Luxusmarken. In Frankreich gehört der Kram wenigen Milliardären, die selbstverständlich auch meinungsbildende Medien besitzen, und sich – jede Wette – Vorstandssitze bei AFP gesichert haben. Da ist Produktwerbung in der Weihnachtssaison lebenswichtig für die nächsten zu verdienenden Milliarden. Womöglich muss ich für die Diebesbanden gar nichts spenden, weil die sie selbst bestellt haben (ich habe schon viele exzellente französische Kriminalfilme geguckt). Ausserdem ist diese Form gesellschaftlicher Umverteilung viel zu gefährlich (ich bin Feigling). Wie leicht kann es bei dieser An- und Abreise vom Tatort zu Unfällen kommen.
Michael Maier und das UK
Michael Maier/Berliner Zeitung hat u.a. meinen Gastautor*inn*en Antje Vollmer und Ludger Volmer Publikations- und Diskussionsfläche organisiert. Verdienstvoll. Seine gelegentlich abweichenden Meinungen von der Mitte der Gesellschaft regen zum Weiterdenken an. Sein dauerhaftes Berichten aus dem Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages war unübertroffen. Ich stelle ihn mir als positiv verrückt vor, denn die Arbeitsbedingungen bei seinem Medium dürften wenig komfortabel sein. Sein Verleger*innen-Ehepaar (hier der Mann und hier ein Porträt der Frau) halte ich für schwer erziehbar, auch wenn mir ihr Renegatenstatus beim BDZV (mit seinem zunehmend reaktionär-irren Boss Döpfner) natürlich sympathisch ist. Aber dass dieser Maier der neuen Aussenministerin nun ausgerechnet Boris Johnsons Königreich als aussenpolitisches Vorbild schmackhaft machen will, das macht mich einigermassen platt und sprachlos. Schlechte Berater*innen hat die schon mehr als genug.
Wolfgang Storz und Willy Brandt
Wolfgang Storz darf ich seit nicht wenigen Jahren als alten Freund bezeichnen. Er wurde offensichtlich anders von Willy Brandt geprägt als ich, eher so, wie sehr, sehr viele, die ihn heute ikonenähnlich verehren. Ich habe als 15-jähriger mit Willy Brandt (und Walter Scheel) in der letzten Aprilwoche 1972 ein Bier getrunken, zusammen mit 5.000 weiteren Menschen, die die Jusos damals innerhalb von 24 Stunden auf den Venusberg mobilisiert hatten. Das Misstrauensvotum der CDU/CSU war soeben im Bundestag zurückgeschlagen worden. Der grösste Wahlsieg der SPD in ihrer gesamten Parteigeschichte stand noch bevor. Der Büroleiter von Willy, Peter Reuschenbach, eroberte den Wahlkreis, in dem ich damals lebte, Essen-Nord mit dem besten SPD-Ergebnis in der gesamten BRD (69,2%), gleichauf mit Günter Schluckebier in Duisburg-Nord. Das waren meine biografischen Willy-Sentimentalitäten. Sie wurden jedoch zeitgleich bereits gebrochen: durch die 1972 verkündeten Berufsverbote für vorgebliche Linksradikale. “Mehr Demokratie wagen” hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.
Darum besteht kein Anlass, Willy Brandt heute gegen die Ampelkoalition verteidigen zu müssen, wie es Wolfgang in seinem bruchstuecke-Blog tut. Verteidigenswert ist – in der Sache – die Entspannungspolitik, auf die die damalige SPD/FDP-Koalition ihren Erfolg – gegen scharfe rechtsradikale Widerstände, gegen die die heutige AfD ein lächerliches Lüftchen ist – gebaut hat. Sie gab den Menschen in beiden deutschen Nachkriegsrepubliken erst das Minimum an gefühlter Sicherheit und Vertrauen in eine Politik, die das Leben besser machen könnte.
In der Rückschau ist besser bekannt, dass es diese Politik war, die den missratenen “realen Sozialismus” in die Knie gezwungen hat. Ich weine ihm nicht hinterher. Ich habe lebenslang lieber hier als “drüben” gelebt. Aber mit diesem Sieg konnte der Kapitalismus in Mittel-, West- und Südeuropa erst die neoliberale Sau so richtig rauslassen. Und das Leben wurde nicht mehr besser, sondern für immer mehr Menschen immer schlechter. Das hat Willy mit betrieben, ohne geringste Selbstzweifel. In seinen letzten Lebensjahren war er ein regelrechter Antipode des Vereinigungszweiflers und “Enkels” Oskar Lafontaine, beraten von einer besonders rechten letzten Ehegattin.
Brandt war ein lebender Widerspruch, und weil er das offen lebte, den meisten Menschen so sympathisch. Weil er ihnen als historisch bedeutender Mann doch menschlich so ähnlich war. Nach seinem Rücktritt als Bundeskanzler 1973 hielt er seinem hassgeliebten Helmut Schmidt bis zum bitteren Regierungsende 1982 den Rücken frei. Ich nahm an mehreren Gesprächen der Friedensbewegung mit ihm als SPD-Vorsitzender teil. Wir wurden uns politisch-strategisch nicht einig. Aber es herrschte gegenseitiger Respekt, Achtung, Bereitschaft zum Zuhören – Gedankenaustausch im besten Sinne. Insofern war der Mann nicht nur Politiker, sondern ein Künstler der Kommunikation.
Er konnte auch anders. Seit Mitte der 70er Jahre wusste ich als Politaktivist in Schule und Jugendverband, dass Brandt schon als Bundeskanzler militärisch-atomare Zusammenarbeit mit dem verbrecherischen Apartheidregime Südafrikas verantwortete. Damals war die Massenmedienlandschaft noch so strukturiert, dass das totgeschwiegen werden konnte. Die Anti-Apartheid-Bewegung der BRD, ein Verein mit sage und schreibe rund 300 Mitgliedern kämpfte dagegen an. Von der sozialliberalen Bundesregierung, u.a. dem Bonner Genossen Horst Ehmke, wurde sie dafür noch als “verlängerter Arm Moskaus” diffamiert; auch spätere “linksradikale” Grüne, wie der KB-Genosse Thomas Ebermann, stimmten zeitweise darin ein. Ein Vorstandsmitglied dieses Vereins gelangte 1984 als geladener Gast in die damals noch brandneue, oft turbulente und spannende Talkshow “III nach Neun” des damals noch experimentierfreudigen Senders Radio Bremen. Er konfrontierte Willy Brandt mit den Tatsachen, und schauen Sie nur (1. Teil, 2. Teil), wie er ausrastete. Ich habe mit diesen VHS-Videos noch in den 90ern gestandene Jusos von “ihrem” Willy bekehrt ;-)
Der späte Willy wäre ein führender Werber für diese Ampelkoalition, und stolz auf seinen Olaf: als junger Mann ein linker Spinner wie er selbst, als Erwachsener ganz Realo der Macht.
Gregor Gysi – der alte weisse Mann
Der Genosse Gysi ist erst 73. Aber manches geht nicht mehr raus. Ja er ist ein netter, charmanter Kerl. Und klug. Aber mit wachsendem Alter scheint er immer weniger zu kontrollieren, was als gesprochener Text sein Männerhirn verlässt. Die FDP-Homepage lahmzulegen fand ich im ersten spontanen Gedanken keine schlechte Idee, Aber war das Absicht? Und gibt es dafür keine klügeren Gedanken?

2 Comments

  1. Gernot G. Herrmann

    Lieber Martin,

    Hochachtung für Deine Recherchen! Und das Wort “Fliegendreck” hat ja in leichter Abwandlung inzwischen seinen Platz in der politischen Diskussion gefunden.

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  2. w. nissing

    Kleine Anmerkung zur französischen Presselandschaft: die Grafik ist von 2019, was sich inzwischen verändert hat ist wohl das Bollore dabei ist Le Figaro zu kaufen. Bollore ist dafür berüchtigt wahllos Prozesse gegen Journalisten die über ihn oder sein Imperium schreiben an zu zetteln, obwohl er bisher noch keinen einzigen gewonnen hat. Außerdem steckt er hinter dem rechtskräfig Verurteilten Eric Zemmour der sich anschickt Kandidat zur Präsidentschaftswahl zu werden.
    LVMH ist hier sicherlich die etwas harmlosere Variante.
    https://www.acrimed.org/Medias-francais-qui-possede-quoi

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