Die Mediathekperlen von gestern und Mediathekärger heute
Sie ist wieder da, Staffel 2: Rosa Wilder, dargestellt von Sarah Spale. Als Alleinerziehende und Polizeikommissarin steigt sie hinab in die unsichtbaren Illegalitätsräume der scheinidyllischen schweizerischen Gesellschaft. In diesem Fall bedarf es nicht der dräuenden Filmmusik, weil die exzellente Bildsprache dieser spannenden Serie absolut hinreichend zeigt: das ist keine schöne modelleisenbahnartige Landschaft, sondern ein Abgrund bürgerlicher Bigotterie. Gebaut auf einer Sklavenhaltung, die sich auf die Illegalisierung von Eingewanderten, in diesem Fall guten und bösen Albaner*innen, stützt. Das gibt es hierzulande genauso, wird aber selten so quälend-beeindruckend gezeigt.
Die Inszenierung dieser atmosphärestarken Serie ist auf mich als heterosexuell orientiertem altem weissem Mann so wirksam, dass ich vom Sofa aufstehen und in die TV-Kiste steigen will, um der Kommissarin zur Seite zu stehen. Sie ist keine Superheldin, nur eine vielfältig belastete starke Frau.
Auf der 3sat-Homepage ist keine Verfügbarkeitsdauer angegeben.
Bandenkriminalität Amateurfussball
Jede*r Kreisliga-Zuschauer*in weiss es. im Fussball wird gezahlt, auch ganz unten. Ein Joint Venture der Produktionsfirma von Hajo Seppelt und Correctiv hat eine repräsentative Stichprobe gemacht und hochgerechnet: der verursachte Schaden für die Allgemeinheit beträgt ca. 1 Milliarde Euro. Das überrascht mich dann doch, ich hätte es weit höher geschätzt.
Kurz vor der Neuwahl der DFB-Führung, bei der sich eine Konfrontation der Amateure- und Profi-Mafia (DFL) abzeichnet, mit den Kandidaten Neuendorf und Peters, ist das ein Schuss des Profikomplexes, zu dem die kaufenden Medien inkl. ARD klar zu zählen sind, gegen den Amateur-Bug, angeführt von dem unsympathischen Strippenzieher Rainer Koch (mit Kandidat Bernd Neuendorf).
Die Seppelt/Correctiv-Recherche wird den DFB-Wahlgang kaum beeinflussen. Sie setzt eher die Staatsautoritäten unter Druck: Finanz- und Justizbebehörden. Denn sie zeigt, was seit Jahrzehnten “alle” wissen: flächendeckenden Steuer- und Sozialabgabenbetrug. Der verurteilte Steuerbetrüger Uli Hoeness war/ist kein “schwarzes Schaf”, sondern ein würdiger Repräsentant des deutschen Fussballs. Imgrunde müsste er als nächster Bundespräsident kandidieren. Was er und alle andern praktiziert haben, ist eine Straftat, die rechtlich anlasslos allein durch ihr Bekanntwerden verfolgt werden muss. Würde das gesetzmässig geschehen, wäre es um die Gemeinnützigkeit der allermeisten Amateurvereine ebenfalls geschehen – sie wären zahlungsunfähig. Der organisierte Amateurfussball in Deutschland wäre beendet. Was wäre ein massenwirksameres Politikum, als das?
“Detail am Rande”: es handelt sich um fast ausschliessliche Männerkriminalität. Frauen und Mädchen kriegen (fast) nichts. Unschönes bleibt.
Christie-Krimi
Aus Verzweiflung über den gegenwärtig laufenden deutschen Fussball flüchtete ich mich gestern in TV-Eskapismus und fand bei Arte eine wahrlich hübsche französisch-belgische Agatha-Christie-Verfilmung von 2003: “Das Geheimnis des gelben Zimmers”. (einen Monat verfügbar) Die Welt ist schlecht, dieses Filmchen nicht.
Runterkommen, entschleunigen
Die beste Medizin dafür: mare-TV, heute mit den griechischen Sporaden (Verfügbarkeit: halbes Jahr). Herzliche Grüsse an Eberhard Rondholz.
Mediathekskandal Solsidan
Der ARD-Nischensender One wiederholt derzeit die schwedische TV-Serie Solsidan, donnerstags 21.40 h. Online nicht verfügbar, eine Schweinerei. Diese Serie ist nicht nur brutal antiskandinavisch, schwedenfeindlicher als Wladimir Putin oder Dänemark, sondern auch extremistische Anti-Ehe-Propaganda. Ich als Single werde hemmungslos mit Schadenfreude bedient, ein besserer TV-Genuss ist kaum denkbar. Verheiratete dagegen sind in ständiger Gefahr, Dinge, Zustände, Entwicklungen ihres eigenen Lebens wiederzuerkennen. Grossartig, selten besseres gesehen. Aber nicht in der ARD-Mediathek. Geht Euch schämen!
Ein ähnliches Problem gibt es mit einem dokumentarischen Meisterwerk, das das gleiche Thema in einer ganz anderen Zeit behandelt: “Die Geheimnisse des schönen Leo” läuft heute zur besten Sendezeit 20.15 h auf Tagesschau 24, ist aber in keiner Mediathek verfügbar. Es geht um das damalige bigotte Leben des westdeutschen Bürgertums in einer Phase, die sowohl für die BRD als auch für mich politisch weichenstellend war. Hier meine Rezension von seiner Bonner Kinopremiere.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net