Beueler-Extradienst

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Binäres und Bigotterie

Heute musste ich aus dem Kriegs-Sonderprogramm des DLF fliehen und wählte “WDR Cosmo” als Exil – das Programm für die wenigen Weltbürger*innen NRWs. Dort machte frau sich Gedanken, ob frau “jetzt noch” Karneval feiern “dürfe”. Die jungen Leute und der Schulunterricht – das war schon immer eine problematische Geschichte. In den Lehrplänen existiert der Jemenkrieg mutmasslich nicht. Der gegenwärtige, nur einer von vielen in diesem ärmsten Land der Welt, dauert seit 2015 an. Dort wird z.B. vorzugsweise der einzige Seehafen bombardiert und “umkämpft”, über den Hilfsgüter ankommen können.
Die das betreiben, haben im Gegensatz zu Russland oder der Ukraine nie eine Wahl fälschen müssen. Sie veranstalten einfach gar keine. Beeinträchtigung des Wohlbefindens oder gar moralische Skrupel – von Fussball-WMs bis zu Waffenlieferungen – hat das in der hiesigen Medienlandschaft nicht verursacht.
Wie komm’ ich drauf? Das kleine S04, wo ich einst als 8-jähriger in der Glückauf-Kampfbahn auf einer Holzbank hinter dem Tor mein allererstes Bundesligaspiel (gegen Borussia Mönchengladbach mit Manfred Orzessek im Tor) gesehen habe, über 200 Mio. Schulden und abgestiegen in die 2. Liga, soll von dem Sponsorvertrag mit Gazprom ablassen. 2007 wäre das eine Superidee gewesen. Heute haben das wahnsinnig recherchestarke Medien als Thema entdeckt. Boah ey, sind die mutig.
Wer übrigens den Fussball nicht für Propaganda benutzen, sondern ernsthaft säubern will, für die*den gäbe es grosse Betätigungsfelder. Aber darum gehts nicht – deutsche Ministerpräsident*inn*en unter Führung Schleswig-Holsteins wollen die kriminelle Branche lieber legalisieren. Das machen die in Russland ganz ähnlich.
Sogar die Uefa wird jetzt angegriffen, weil das Champions-League-Finale “ausgerechnet” dieses Jahr in der Gazprom-Arena in Petersburg stattfinden soll. So wird der Weg für die “Super-League” der New Yorker Bank JP Morgan freigeschossen, die nebenbei den hochverschuldeten Real Madrid, FC Barcelona und Juventus Turin das Leben retten will. Wenn es mir keinen Brechreiz verursachen würde, könnte ich glatt zum Uefa-Bündnispartner werden. Aber seien Sie unbesorgt. Ich hasse binäres Denken.
Z.B. das von Frau Dornblüth, einer vielbeschäftigten freien Mitarbeiterin des DLF, die aussserdem besonders Russland- und Ukraine-kundig ist. Von einer Moderatorin über die Bedingungen für journalistische Arbeit befragt, verglich sie ihre eigene Positionierung für den “guten” Westen gegen den “bösen” Putin mit der Frage, ob es regnet oder nicht. Dazu gebe es keine zwei Meinungen, über die ausgewogen zu berichten sei, sondern nur “richtig” oder “falsch”. Dieses Denken, das z.Z. auf fast allen Kanälen selbstgewiss propagiert wird, macht mich krank. Es erzeugt Fluchtreflexe.
Geht doch
Wenige Reservate kann ich empfehlen. Da ist z.B. der Kollege René Martens/MDR-Altpapier, der sich gar nicht mit diesem Thema beschäftigt, aber mit den (gleichen) Mechanismen der Medien. Er zitiert zustimmend den Soziologen Steffen Mau, der sich ähnlich wie hier im Extradienst Hanspeter Knirsch, gegen das Medienkonstrukt der “gespaltenen Gesellschaft” wendet, und exzellent erklärt, wie es entsteht: “Ein soziales Schisma ist vor allem dort zu finden, wo politische Unternehmer, Massenmedien und Parteien Konfliktthemen besonders stark bespielen und akzentuieren – ‘Lager’ mit konsistenten politischen Glaubenssystemen werden politisch und medial hergestellt.” So ist es.
Friedrich Küppersbusch, der BVB-(und RWE) liebende Schalke-Hasser verteidigt die Blauen gegen die Wegzensur von Sponsorenwerbung. Im Zentrum seiner kürzer als 5 Minuten Video-Show steht sein gutes Putin-Gedächtnis (bzw. die glänzende Archivarbeit seiner schnelldenkenden Mini-Redaktion; Video 5 min). “Jetzt ist Putin endlich das Arschloch, das der Westen seit 20 Jahren haben will.” Können Sie da widersprechen?
Wenn Sie nun zu denen gehören, die immer noch meinen, der sei keins, dann habe ich noch was für Sie, gestern mittag entdeckt bei Skala/WDR5. Uli Hufen ist ähnlich Russland- und Ukraine-kundig wie oben erwähnte Frau Dornblüth, aber weit weniger missionarisch unterwegs. Hören Sie das (Audio 4 min), das hilft Ihnen beim Weiterdenken.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

Ein Kommentar

  1. w.nissing

    Ich empfehle zum Radio https://www.byte.fm/…. dort gibt es nur zur vollen Stunde “schräges aus der Welt von gestern”
    wenigstens stimmt dann der groove, meistens :)

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