Wer von Trump so gelobt wird, sollte vorsichtig sein. Er könnte kurz vor dem Fehler seines Lebens stehen. Möglicherweise ist es Vladimir Putin so ergangen. Mit seinem Ukraine-Feldzug hat er sich in Fragen der gegnerischen Einheit gleich doppelt verkalkuliert. Er rechnete nicht mit viel Gegenwehr auf ukrainischer Seite. Der auf wenig Gegenwehr ausgerichtete Feldzug stockt nun und droht zur Blamage zu werden. Statt “Blitzkrieg“ zwei tote Generäle, tausende Tote unter den einfachen Soldaten, hunderte vernichtete Panzer und Flugzeuge. Faktisch hat Putin mit seinem Angriff die Ukrainerinnen und Ukrainer geeint – und einen wohl historischen Beitrag zum Nation-Building des Landes geleistet.

Die zweite Fehlkalkulation betraf die Einheit des Westens, die Putin ebenfalls als nicht besonders hoch einschätzte. Er dachte, dass er mit Schröder und dem inneren Führungszirkel der SPD Deutschland als stärkstes Land Europas neutralisieren könnte – und mit einem neutralen Deutschland dann gleich den ganzen Westen. Das anfängliche Agieren von Scholz (nur nicht „Nord Stream 2“ in den Mund nehmen …) bestärkte ihn darin. Doch dann kam es bekanntlich anders. Der Westen ist relativ geeint und unterstützt die Ukraine. So viel Einheit auf der gegnerischen Seite dürfte für eine “Regionalmacht“ (B. Obama) wie Russland dann doch zu viel sein – auch wenn sie sich sehnlichst nach Wiedererlangung des Supermachtsstatus sehnt.

Was bedeutet das nun? Putin könnte eine Kopie des sowjetischen Angriffs auf Finnland von 1939/40 versuchen, wo – nach einiger Vorbereitung – auf eine gescheiterte erste Angriffswelle eine größere zweite Welle folgte, die Finnland dann niederrang. Als Chef der brutalsten Großarmee der Gegenwart könnte er zusätzlich zum „Modell Grosny/Aleppo“ Zuflucht nehmen, bei dem die russische Artillerie und Luftwaffe Großstädte so zerlegt, dass sie danach wie Hiroshima und Nagasaki aussehen. Die Vorbereitung einer zweiten Welle könnte er hinter Verhandlungen tarnen, die ihm dann sozusagen Zeit zum „Nachladen“ verschaffen.

Er könnte aber auch halbwegs ernsthaft Verhandeln, um irgendwie einen Exit zu finden. Helfen könnte ihm dabei, dass er seine Kriegsziele nicht näher expliziert hat. Viel mehr, als dass er aus der Ukraine „drogensüchtige Faschisten“ (?? … lebt Goering noch? Wohnt er jetzt in Kiew?) austreiben will, hat er ja nicht gesagt. Hier wäre also eine minimale Gesichtswahrung angelegt. Na, ja.

Und was bedeutet das für den Westen, wenn auf russischer Seite von maximaler Brutalisierung bis möglichst schnellem Exit alles möglich ist? Es bedeutet an erster Stelle: Nicht im Druck auf Russland nachlassen, sowie die energetische Unabhängigkeit von Russland schnell vorantreiben und beim Ausbau der Erneuerbaren Energien auf maximale Beschleunigung schalten.

Und es bedeutet: Keine erneute Resozialdemokratisierung der deutschen Russland-Politik! Unsere wirklichen und langfristigen Verbündeten sind die Nationen Ostmitteleuropas, die ihren Platz in der EU und auch der Nato sehen. Sie sind nicht „zweite Wahl“ gegenüber Russland! Ihnen müssen wir die Hände ausstrecken und in jeder sinnvollen Weise entgegenkommen.

Russland mit seinen 100 Millionen europäischen Russinnen und Russen wird sich mittelfristig überlegen müssen, wo es seine Zukunftschancen sieht und wo wirklich hin will. Wenn Putin und sein Neo-Imperialismus Geschichte sind, dürfte auch die russische Welt anders aussehen. Statt auf postimperiale Melancholie könnte man sich ja auf andere Ziele verlegen. Deutschland (zumindest Westdeutschland) hat sich nach seinem Weltmachtdebakel aufs Wirtschaftswunder verlegt und träumte von Isetta, Käfer, Rimini… Und dann noch Meinungsfreiheit und Demokratie dazu? Und ein bisschen Vorausdenken fürs postfossile Zeitalter? Why not? Wär doch auch was.

Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.