Feudalismus oder eher KGB-Klepto-Kapitalismus?

Die russische Führungselite mitsamt Oligarchen hat seit längerem schon einen Weg in die feinere italienische Lebensart gefunden. Wir wissen ja inzwischen, dass Putins 13.000-Dollar-Jacke – was etwa einem Zehntel des (offiziellen) Jahresgehalts eines russischen Präsidenten entspricht – von Loro Piano stammt, einer italienischen Kleider-Edel-Schmiede, deren Qualität ich nur überschwänglich loben kann (selbst im Besitz eines L.P.-Sakkos seiend, das ich, meinen Einkommensverhältnissen entsprechend, allerdings beim Second Hand gekauft habe – ein Träumchen von einem Stoff!!).

Bei der Anschaffung von Putins Schweizer-Uhren-Kollektion, die der Mann ja immer wieder gerne vorführt, müsste aber wohl auch ein russischer Präsident anfangen zu rechnen. Was da so offiziell zu sehen ist, summiert sich dann schon auf ca. zwei Präsidentenjahresgehälter. Inoffiziell schätzt man Putins Uhrensammlung auf 10 Mio.

Einen netten Eindruck von den Lebensverhältnissen der russischen Politelite liefert auch das Drohnen-Überflug-Video, das Alexei Navalny über das Anwesen von Putins Spezi Dmitri Anatoljewitsch Medwedew ins Netz gestellt hat – ein Mann, der ja zeitweise für Putin ins Präsidentenamt eingesprungen ist, als man noch irgendwie auf die russische Verfassung achten wollte. Ich würde den Schuppen auf einige Dutzend bis einen niedrigen 100er-Mio-Betrag (jeweils immer Dollar oder Euro) taxieren.

Putins Palast auf der Krim soll dagegen krass im Milliardenbereich liegen. Seine Jacht ist auch nicht ohne. Klar, dass im Grundbuchamt und in den Bootspapieren nicht Vladimir Vladimirowitsch Putin steht, sondern etwa Rotenberg (Putin-Spezi) oder russischer Staat oder so. Aber faktisch hat der Mann die Totalverfügung über alles, was er will in seinem Reich. Bürgerliche Besitztitel sind dagegen bloß etwas für jemanden, der nicht selbst der Staat ist: „Lˋ etat cˋ est moi“ – wer hat das nochmal gesagt? Tatsächlich hat eine weitgehende Refeudalisierung Russlands stattgefunden, bei der Putin und seine Entourage sich einfach nehmen, was sie wollen. Und wer in hohe Führungsämter kommt und sich nicht die Taschen voll macht, gilt dann schon irgendwie als verdächtig.

Eine Frage, die ich mir dabei stelle, ist allerdings, wie ich das alles „begrifflich“ einordnen soll (denn irgendwie soll ja schon ein bisschen Ordnung sein im eigenen Kopf). Handelt es sich bei der Verfügungsmacht der russischen Elite tatsächlich um eine Refeudalisierung, die weit vor die bürgerlich-moderne Gesellschaft zurückkehrt, als der König wirklich noch der persönliche Eigentümer „von allem“ war und es dann als Lehen zeitweise an Gefolgsleute übertrug? Oder ist bei der Beschreibung der gegenwärtigen Macht-/Eigentumsverhältnisse in Russland eine eigene, dem Putinismus angemessene Begrifflichkeit vonnöten? Sollte man zum Beispiel von einem KGB-Klepto-Kapitalismus sprechen, in dem Putin und seine alten Geheimdienstkumpels sich eine dem Namen nach bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft einfach unter den Nagel gerissen haben?

Ich denke weiter darüber nach, weiß aber, dass ich in einer Gesellschaft, in der so was möglich ist, nicht leben möchte.

Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.