Radioleidenschaft grenzenlos: Zwei Radioaktivisten und ihre Radiopraxis in Uruguay und Deutschland

Ende der 1990er-Jahre lernte die Schreiberin dieser Zeilen die Radios Comunitarias in Uruguay kennen und durfte sich eine Zeit lang am Sendebetrieb von „La Esquina FM“ in Montevideo beteiligen. Weitere Besuche folgten, ebenso eine kleine Studie und eine Sendung über die uruguayischen Community-Radios im Rahmen eines Austauschprojekts. Es war der Beginn einer großen Liebe zu Uruguay und zu seinen passionierten Radiomacher*innen. Bei diesen Radioerkundungen kreuzten sich die Wege mit denen von Carlos Castor und Andrés Renna. Beide leben mittlerweile in Deutschland, die Liebe lockte sie in die entgegengesetzte Richtung. Und beide machen nach wie vor Radio, Carlos beim Podcast „Radio Matraca“ in Berlin, Andrés bei „Raíces Nómades“, einem Programm bei „Radio Dreyeckland“. Ila-Redakteurin Britt Weyde wollte von ihnen erfahren, wie sie die unterschiedlichen Radiorealitäten hüben wie drüben wahrnehmen. Und wie sie angesichts von Podcast-Boom und Social-Media-Overload die Zukunft der freien, alternativen und Gemeinschaftsradios einschätzen.

Carlos Castor begann seine Radioaktivitäten 1995 beim Radio Comunitaria „FM Alternativa“ in Montevideo. Später engagierte er sich beim Verband der Community-Radios, AMARC, im Zuge dessen lernte er viele andere Radios in Montevideo, Uruguay und der Region kennen. Bei „FM Alternativa“ war er zehn Jahre lang aktiv, und für AMARC fungierte er auch einmal als gewählter Vertreter Uruguays. Später war er an Programmen in anderen Radios beteiligt, etwa dem Radio der Studierenden oder bei „Radio Centenario“.

Im Jahr 2004 kam Carlos das erste Mal nach Deutschland. Wie der Zufall es wollte, war er in einem Hausprojekt untergebracht, wo die linke Nachrichtenagentur zu Lateinamerika, NPLA, samt „Radio onda“ ihren Sitz hatte. „Damals planten sie ein neues Format: ‚onda al revés‘, ‚onda‘ (Radiowellen, aber auch: was ‚in‘ ist) andersherum: ein Programm auf Spanisch, gestaltet von einer Redaktion aus Lateinamerikaner*innen in Deutschland, die darin berichten, was in Berlin, Deutschland und Europa los ist.“ Acht Leute hoben schließlich das Projekt „Radio Matraca“ (Radio Ratsche) aus der Taufe. Carlos ist einer von ihnen. Seit 2006 hat er sich nun in Berlin niedergelassen und macht bei „Radio Matraca“ und NPLA mit, phasenweise mehr oder weniger, je nach Lebensumständen. Die Programme von „Matraca“ sind Podcasts, die unregelmäßig erscheinen, je nach Dringlichkeit, Zeit und jeweiligen Sendungsideen der Macher*innen. Von manchen Beiträgen gibt es ins Deutsche übersetzte Versionen, die dann Teil der alle zwei Wochen erscheinenden Podcasts von „Radio onda“ sind.

Auch Andrés Renna begann in den 90er-Jahren mit seinen Radioaktivitäten, damals studierte er Kommunikationswissenschaften. „Im Zuge einer Besetzung beim Unistreik wurde das Studierendenradio geboren, an dem ich mich beteiligte.“ Bald machte Andrés professionell Radio: Der bekannte uruguayische Sänger Daniel Viglietti hatte ein regelmäßiges Programm namens „Tímpano“ in einem uruguayischen Privatradio. Elf Jahre lang arbeitete Andrés in der Redaktion und Produktion dieses Programms, bevor er Uruguay verließ.

Nach seinem Umzug nach Deutschland, wie Carlos Castor ebenfalls in den Nullerjahren, begann Andrés ab 2010 beim Freiburger Radio Dreyeckland mitzumachen, einem der ältesten freien Radios Deutschlands (das vor Kurzem seinen 40. Geburtstag feierte). Im Jahr 2012 gründete Andrés zusammen mit anderen das Radiokollektiv „Raíces Nómades“ (Nomadische Wurzeln): „Anfangs waren wir sechs Leute, aus Chile, Argentinien, Uruguay und Spanien.“ In den zehn Jahren seines Bestehens hat es einiges an Fluktuation gegeben, mindesten 20 Leute sind im Laufe der Zeit beteiligt gewesen. „Das bringt das Leben als Migrant mit sich: Menschen kommen und gehen.“ Das Programm ist laut Andrés antifaschistisch, antirassistisch, feministisch und behandelt politische Themen, Umweltfragen etc. aus einer dezidiert linken Perspektive. „Wir wollen vor allem sozialen Bewegungen und politischen Kollektiven aus dem Süden das Wort erteilen. Und Musik aus Lateinamerika und Spanien spielt eine wichtige Rolle, Wort und Musik sollen sich gegenseitig ergänzen. Zum Glück bietet uns Radio Dreyeckland mit seinen modernen, gut ausgestatteten Radiostudios super Arbeitsbedingungen.“

Postpandemie

Die Pandemie hat natürlich viel verändert. Absprachen, Interviews und Treffen fanden in dieser Zeit über Konferenztools wie Jitsi statt. Seit diesem Frühjahr wird langsam wieder der alte Arbeitsmodus aufgegriffen, mit Treffen vor Ort, mehr live und weniger vorproduzierten Sendungen. „Unsere Sendungen sind auch als Podcasts auf unserer Webseite und auf Podcastplattformen zu hören. Wir sind eine Gruppe, die Radio aus Leidenschaft macht und kein Geld dafür bekommt; wenn noch das Bespielen der Webseite, der Plattformen und Social Media hinzukommt, geht neben dem Vorbereiten der Sendung, den Interviews, der Produktion eine Menge Zeit drauf. Immerhin machen wir jede Woche eine Sendung. Aber wenn du Social Media und Plattformen nicht bestückst, überlässt du anderen das Feld. Diese Diskussion müssen wir führen. Mit unserer Radiopraxis wollen wir eine gegenhegemoniale Sicht auf die Welt stark machen. Und dafür müssen wir mittlerweile auch die anderen Kanäle bespielen. Das ist viel Arbeit.“

Der Hauptanteil ihrer Radioarbeit wird mittels unbezahlten, freiwilligen Einsatzes gestemmt, Anträge bringen ab und zu Gelder ein, die thematisch festgesetzten Sendereihen vorbehalten sind. „Bei ‚Matraca‘ haben wir die Beiträge, die über Anträge finanziert sind, und die anderen“, erzählt Carlos. „Die anderen machen wir unter prekären Bedingungen, unbezahlt und aus Leidenschaft, zum Beispiel einen Beitrag über unsere Lieblingsband.“ Andrés ergänzt: „Radio Dreyeckland bekommt Gelder von der EU oder der Kommune, außerdem finanzieren Mitgliedsbeiträge das Radio. Der Haushalt des Radios mag einem zunächst sehr hoch vorkommen, aber wir Programmmachende sehen natürlich nichts davon.“

“Wir lernen unglaublich viel”

Was vermissen die beiden am Radiomachen in Uruguay? „In Uruguay haben wir über das berichtet, was vor Ort, in deinem Land passiert“, erklärt Andrés, „hier hingegen sind wir offener anderen Themen gegenüber. Nostalgisch betrachtet mag das bedauerlich erscheinen, andererseits sind wir so dazu gebracht worden, uns anderen Realitäten zu öffnen. Dadurch lernen wir unglaublich viel. Das ist das Gute am Radiomachen hier.“

Carlos vermisst es, „Radio in einem echten Radio zu machen. Mit der Kabine für die Sprecher*innen, Menschen im Studio, der roten ‚On Air‘-Lampe. So habe ich das Radiomachen in Uruguay erlebt, in einer kleinen Hütte aus Holz, Pappe und Wellblech. Hier haben wir zwar auch ein Studio. Das ist aber eher wie ein Schwimmbecken. Das Live-Element fehlt, es gibt weder Sender noch Antenne.“ Was sich bei Carlos außerdem verändert hat, ist die Art und Weise, Sendungen vorzubereiten. „In Uruguay suchte ich in der Bibliothek nach Infos für eine Sendung und wurde mit Glück fündig. Heute googelst du bequem von zuhause aus und hast Zugang zu den unterschiedlichsten Quellen. Kurz nachdem ich hierhergekommen war, war ich superbegierig, zu allen möglichen Konzerten, Events, Demos etc. in Berlin zu gehen, um Berichte darüber in den Süden zu schicken. Das hat sich mittlerweile etwas gelegt. Aber als ich damals wie wahnsinnig in alle Bezirke geradelt bin, um ja nichts zu verpassen, war das ja auch für mich wichtig, um die Hauptstadt für mich zu entdecken“, erinnert sich Carlos.

Wie sieht es mit der Reichweite ihrer Programme aus? „Wie viele Leute uns im linearen Radio hören, wissen wir nicht“, sagt Andrés, „aber über die Online-Nutzung wissen wir, dass unsere Podcasts zwischen 3000- und 5000-mal im Monat gehört werden, also mindestens 700 Hörer*innen pro Sendung.“ Carlos hat ein Beispiel einer „Radio Matraca“-Sendung parat: „Im März habe ich einen Podcast über Künstler*innen in der Pandemie gemacht, der hat fast 600 Klicks erreicht. Ein anderer von mir aus diesem Jahr über den uruguayischen Candombe-Musiker Perico Gularte hat etwa 300 Klicks.“

Social Media: “fast schon wie ein Krieg”

Lineares Fernsehen und Radio verlieren momentan überall auf der Welt an Bedeutung, vor allem jüngere Menschen schalten immer weniger ein. Sie befriedigen ihr Informations- und Unterhaltungsbedürfnis übers Handy, auf dem sie Social Media, Netflix oder Podcasts aufrufen. „Auch für die Community-Radios stellt sich daher die Frage, wie sie weiterhin Inhalt produzieren, sich vielleicht in ein anderes Format transformieren und die Plattformen für sich nutzen können“, meint Andrés. „Einige Radiomacher*innen aus unserem alternativen, linken Spektrum sind aber alles andere als begeistert davon. Die aktive Nutzung von Social Media stößt auf eine gewisse Ablehnung. Aber wir müssen uns darauf einlassen, denn es geht um die kulturelle Hegemonie, um die Transformation oder Nichttransformation unserer Gesellschaften. Ich verfolge aufmerksam die Diskussionen rund um Medienpolitik in Spanien und Argentinien und sehe, dass der Kampf um Inhalte auf Social Media stattfindet. Und dieser Kampf ist brutal, fast schon ein Krieg! Leider sorgen die Algorithmen dafür, dass wir Konsument*innen hauptsächlich bestimmte Inhalte serviert bekommen. Auch im Hinblick auf unsere eigene Mediennutzung müssen wir genau hinschauen und vielleicht bewusster konsumieren.“

Carlos findet, dass „das Radio schon immer eine bestimmte Funktion erfüllt hat. Manchmal kriselt es, dann erlebt es ein Comeback, erneuert sich. Ich denke, das Radio wird niemals sterben. Vielleicht bin ich etwas oldschool. Auch bei ‚Matraca‘ hatten wir die Diskussionen über Social Media. Zum Glück kümmern sich zwei Leute darum; ich selbst muss gestehen, dass ich mich gar nicht erst darauf eingelassen habe. Das Füttern von Social Media ist wirklich unglaublich viel Arbeit, fast genauso viel wie das eigentliche Generieren von Inhalt. Aber ein anderer Punkt ist auch wichtig: dass ein Radio, eine Publikation oder ein Community-Fernsehkanal ein singuläres Profil hat. Wenn das der Fall ist, kann dieses Medium überleben, vielleicht über sich hinauswachsen und über seine Nische hinaus Aufmerksamkeit finden. Die besonderen Eigenheiten eines Mediums machen es robust und attraktiv, zum Beispiel für ein regionales Publikum. Vielleicht sollte man sich mehr darauf konzentrieren und weniger auf den, wie Andrés es ganz richtig benannt hat, gigantischen Kampf um Aufmerksamkeit auf den Plattformen. Ich zumindest fühle mich für letzteres nicht so gut gerüstet.“

Blase verlassen

Andrés hat für „Raíces Nómades“ eine Vision: dass das Radiokollektiv eine zentrale Rolle für die spanischsprachigen Migrant*innen in Freiburg spielt, vor allem beim Aufbau einer wirklichen Gemeinschaft. „Wir haben Versuche in die Richtung gestartet und sind auch ganz gut vernetzt. Das geht aber sehr langsam voran, dafür braucht man Zeit und Ressourcen, die uns sowieso schon fehlen. Viele Leute scheinen auch noch nicht ganz aus ihrem Pandemie-Lebensstil wieder in ein aktiveres, sozialeres Miteinander zurückgekehrt zu sein.“ Die Pandemie hat vieles zum Erliegen gebracht, das findet auch Carlos: „Vorher gab es mehr Möglichkeiten für neue, junge Leute, bei uns mitzumachen. Da müssen wir wieder hin, diese Leute einzubinden, zum Beispiel Studierende aus Lateinamerika, die zwei, drei Jahre in Berlin verbringen. Vielleicht sollten wir auch verstärkt unsere Blase verlassen: die der ‚Latinos aus Kreuzberg‘. Das ist ein Radius von sechs Kilometern. Die Stadt ist aber viel größer. Die Welt ebenfalls!“

Zukunft des Radiojournalismus?

Abschließend möchte Andrés noch einer Sorge Ausdruck verleihen, die ihn aktuell umtreibt. „Ich höre viel Radio und Podcasts. Ich frage mich, wie die Zukunft des Journalismus, speziell des Radiojournalismus, aussehen wird. Ich sehe es als unsere Aufgabe an, den Kampf um die Inhalte, gegen die kulturelle und soziale Hegemonie zu führen, hier wie dort, um dem Erstarken der Ultrarechten etwas entgegenzusetzen. Meiner Meinung nach tun die Mainstreammedien zu wenig dagegen, befördern die Rechten eher sogar. Wie können wir diesen ungezügelten Hass, den Rassismus, die Misogynie, die mit dem Erstarken der Rechten einhergehen, aufhalten? Mein Wunsch wäre es, dass unser Projekt noch viel besser funktioniert und wir mehr Zeit und Ressourcen hätten, um zu diesem Kampf noch mehr von uns aus beizutragen.“

Mit Carlos Castor und Andrés Renna sprach Britt Weyde am 14. Juni 2022 per Zoom. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 457 Juli/Aug. 2022, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt.

Über den/die Autor*in: Britt Weyde / Informationsstelle Lateinamerika

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