Abtritt ohne Krieg – das schafft nicht jeder

mit Update am späten Abend

Als Michail Sergejewitsch Gorbatschow Boss der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken wurde, arbeitete ich noch im Koordinierungsbüro der Friedensbewegung in Graurheindorf, und war im Begriff Bundesgeschäftsführer der Jungdemokraten zu werden. Mir sagte sein Name erstmal nichts. Es konnte nur besser werden. Sein Vorgänger Konstantin Ustinowitsch Tschernenko hatte wie Blei auf seinem Land und der internationalen Politik gelegen. Dessen Vorgänger Juri Wladimirowitsch Andropow schien zuvor zu früh gestorben. Über ihn hiess es, er habe den jungen Gorbatschow bereits protegiert.

Andropow personifizierte, ähnlich wie sein Kollege Markus Wolf in der DDR, dass die Geheimdienste im “realen Sozialismus” in der Regel die Realo-Fraktion ihrer Regimes stellten. Sie waren schlicht besser informiert, als die politisch Herrschenden in ihrer abgeschirmten Blase. Das ist ja nicht selten auch heute noch so. Mehr darüber erfahren Sie z.B. in diesem göttlichen Film von Robert Thalheim.

Lehren der Atomkatastrophe 1986

In den Beginn von Gorbatschows Amtszeit fiel die Atomkatastrophe von Tschernobyl. Die hatte er nicht zu verantworten, Atomenergiepolitik hat einen langen (und sehr teuren) Vorlauf. Beim Krisenmanagement wusste er jedoch auch nicht zu überzeugen. Immerhin hielt diese Krise für alle die Lehre bereit, dass solche Katastrophen sich für Staats- und Systemgrenzen nicht interessieren. Wer sie unter menschliche Kontrolle bringen will, muss kooperieren. Das war 1986 so, und ist heute in der herrschenden Politik auch hierzulande weitgehend vergessen. Gorbatschow begriff.

In der Folgezeit rollte er die öffentliche Meinung fast komplett auf links. Glasnost, Perestroika und “Gemeinsames Haus Europa” wurden zu Siegerbegriffen in der europäischen Öffentlichkeit. In Fragen von Frieden und Abrüstung spielte er auf dem Medienklavier, als hätte er nie etwas anderes gelernt. Die “geistig-moralische Wende” des Helmut Kohl war erledigt. Ronald Reagan “musste” mit ihm ins Verhandlungsgeschäft.

Triumphzug im Ruhrgebiet

Ein Höhepunkt seiner öffentlichen Auftritte war im Hoesch-Stahlwerk in Dortmund. Ein Triumphzug, den das deutsche Fernsehen stundenlang live übertrug. Die Veranstaltung in den optisch und akustisch beeindruckenden Werkshallen, die Anreise des Limousinen-Konvois durch Dortmunder Strassen, die immer gerne als Kulissen für TV-Tatorte abgefilmt wurden, mutete an, als vereinigten sich hier Arbeiter- und Friedensbewegung zu einer unwiderstehlichen Kraft.

In der damaligen Fussballszene wurde Alexander Genrichowitsch Borodjuk aus Woronesch, einer der ersten Auslandsprofis im Gelsenkirchener Parkstadion von den Schalke-Fans mit “Gorbi, Gorbi”-Sprechchören angefeuert (1989-93). Ich selbst begrüsste den Ukrainer bei Borussia Möcnchengladbach Ihor Iwanowytsch Bjelanow bei einem Gastspiel im ausverkauften Beueler Franz-Elbern-Stadion mit einer ukrainischen Sowjetfahne – das war unter Fans seinerzeit normaler Alltag.

Die russische Rückseite

1988 lernte ich aber bereits die russische Rückseite kennen. Ich leitete eine kleine Delegation der Jungdemokraten zu einem Sommerlager des Komitees der Jugendorganisationen der UdSSR in der estnischen Grenzstadt Narwa, direkt am Ostseestrand. Alle demokratischen BRD-Jugendorganisationen waren eingeladen und nahmen teil. Unser Verband mischte das Lager auf, weil ich gleich zu Beginn als Delegationsleiter – mit meinem Einverständnis – “abgesetzt” und ersetzt wurde, durch eine zweiköpfige Leitung (quotiert mit mindestens einer Frau), von der täglich eine Hälfte ausgewechselt und neu gewählt wurde. Das verwirrte kolossal. Es gab keine autonome Führungsautorität mehr, mit der alles Nötige abgesprochen werden konnte – es musste immer demokratisch entschieden werden.

Zwei Erkenntnisse nahm ich mit. Die Nationalitätenfrage war bereits virulent. Ein Armenier, den ich Monate später als “Oppositionellen” im deutschen Fernsehen wiedersah, versuchte permanent uns illegale Drogen und anderes Schmuggelgut anzudrehen. Und im sowjetischen Fernsehen wurde ganztägig eine Parteikonferenz der KPdSU übertragen, bei der Boris Jelzin, der sich wenige Jahre später als alkoholkranker Hampelmann westlicher Grosskapitalinteressen entpuppen sollte, unter Jubelstürmen Gorbatschow öffentlich brüskierte und desavouierte. Bei einem Delegationsbesuch in Kiew war ich später noch live anwesend, als Gorbatschow seine gescheiterte Anti-Alkohol-Kampagne offiziell resigniert abblies, und die Strassen der ukrainischen Hauptstadt flächendeckend von feiernden Besoffenen vollgekotzt wurden.

Ich wusste also wenige Jahre früher als Andere, dass das transportierte Russland-Bild schwerwiegende Lücken aufwies. Das ist bis heute nicht besser geworden.

Der ist schuld, dass ich Grün wurde

Gorbatschow ist mitschuld, dass ich 1989 Mitglied der Grünen wurde. Das “Linke Forum”, dem u.a. Ludger Volmer, Jürgen Trittin, die Kölnerinnen Kerstin Müller, Marina Gross oder auch Extradienst-Autor Klaus Dräger angehörten, hatte als erstes begriffen, welche epochale Wende die KPdSU unter Gorbatschows Führung eingeleitet hatte, und versuchte sie links zu adaptieren. Erinnerlich ist mir aus jener Zeit ein weit vorausschauendes “Konzept für eine alternative Aussenwirtschaftspolitik”, das u.a. Volmer und Barbara Unmuessig mitbearbeitet hatten. Ich hatte das Gefühl, dass da die Politik der Zukunft entstand. Naja, vieles bei den Grünen ist dann anders gekommen – das ist im Lauf der Geschichte normal. Sonst wär mann ja Wahrsager.

Kurz war die Hoffnung, dass die deutschen Botschafter des “realen Sozialismus”, die im gesellschaftlichen Sektendasein verknöcherte, aber organisationspolitisch durch die Westdevisen des “sozialistischen Lagers” bestens ausgestattete DKP zu einer emanzipatorisch relevanten Kraft werden könnte. Viele mir bis heute sympathisch verbundene Menschen kämpften darum, doch sie scheiterten in ähnlicher Weise, wie wir Jungdemokraten 1982 in der FDP.

Klassenkämpfe bleiben

Am Tag der Trauer eine Geschichte des Scheiterns? Nein, so ein Fazit wäre egomanisch bauchnabelfixiert. Es stürzte ein historisch morsches Konstrukt ein, ohne einen Weltkrieg auszulösen. Es machte Wege für Neues frei. Das ist selbstverständlich umkämpft und wird es bleiben. Es wird immer Menschen geben, die das Überleben gefährden, und solche, die es retten wollen. Ein Deutscher, von der Mosel ins Rheinland eingewandert, nannte es Klassenkämpfe. Gorbatschow hatte ihn gelesen.

Zum Weiterlesen zu den deutschen Heuchel-Hymnen David Goeßmann/telepolis: “Wie der Tod Gorbatschows im Westen missbraucht wird – In der Medienberichterstattung wird Michail Gorbatschow nach seinem Tod gehuldigt als Reformer und westlich orientierter Staatsmann. Doch tatsächlich ist er auch ein scharfer Kritiker US-geführter Geopolitik gewesen. ” Und hier eine würdige Würdigung von Bernd Greiner bei DLF-Kultur. (Audio 7 min)

Update später Abend: Arte rückte ein Porträt des uralten Gorbatschow von 2020 ins Programm: “Gorbatschow. Paradies” von Vitaly Mansky. Zu sehen sind Alltagsprobleme sehr alter, verwitweter Männer (mein Vater ist nur gut ein Jahr jünger). Und ein alterswitziger Gorbatschow, der die jungen Filmemacher (und auch eine ihn besuchende recherchierende Theatergruppe), die alle frei von materialistischer Analyse und dialektischem Denken Daherinterviewen, mit Vergnügen mehrmals auflaufen lässt. Dass er dabei starrsinnig wirkt, ist ihm wurscht und kann es sein. Gerade wegen solcher Spannungsmomente und mit all seinen starken Bildern ein Film von historischer Relevanz, unbedingt sehenswert (Mediathek: ein halbes Jahr bis Februar 2023).

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net