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Hygiene oder Diskurs?

Sophisticated und hengstbissig keilte der intelligente Harald Staun/FAS am Sonntag gegen seine Kollegen Precht und Welzer und ihren erfolgreichen Werbefeldzug für ihr Buch. Nein, die beiden Jungs sind keine Opfer, haben auch kein Problem sich öffentlich vernehmbar zu äussern. Allerdings reicht ihre Intelligenz aus zu bemerken, wenn sie als Popanz benutzt werden.

Denn Stauns Auftrag ist offensichtlich genauso, genau die Allergie zu zeigen, die Produzent*inn*en von Mehrheitsmeinungen zeigen, wenn sie dafür kritisiert werden, dass sie tun, was sie tun. Es ist irgendwas mit Immunsystem. Und da geht bekanntlich heutzutage alles mögliche durcheinander.

Wie kommichdrauf? Beim overton-magazin hat sich Florian Rötzer noch mal des Falles NDR gegen Ulrike Guérot angenommen. Ich hatte zunächst geglaubt, dass das Thema auch dort mit der gelungenen Abhandlung von Emilie Böhm “Das Autoritäre im Mantel der Wissenschaftlichkeit” von vor einer Woche abgehandelt sei.

Es kann – leider – nicht wirklich überraschen, dass in der Klima- und der Virus-Krise die Diskurskinder mit dem Bade ausgeschüttet werden. Es gibt einerseits objektive Erkenntnisse. Und es gibt andererseits Mehrheits- und Minderheitsmeinungen, die im Streit liegen. Wenn das nicht so wäre, wäre Wissenschaft am Ende. Wo das eine anfängt und das andere endet, dafür gibt es keinen “Obersten Gerichtshof”, sondern wiederum gesellschaftlichen Streit und Entwicklung. Das war bei der Frage, ob die Erde rund oder flach sei, damals nicht anders. Wissenschaft ist keine Entscheidung, sondern eine Entwicklung. Und: “der menschliche Erkenntnisprozess ist prinzipiell unabschliessbar” (Jungdemokraten 1971).

Eine Erkenntnis ist, dass Feudalismus und Faschismus der Menschheit zwei verheerende Weltkriege, Massen- und Völkermord gebracht haben. Dennoch gibt es immer wieder nicht wenige Menschen, die davon nichts wissen und es gerne noch einmal ausprobieren wollen – trotz der Atomwaffen und ihrer nachgewiesenen Wirkung. Auch darüber muss gestritten werden, aber ergebnisorientiert: für Mörder*innen und solche, die es werden wollen, gibt es in Rechtsstaaten ein Strafgesetzbuch. Das ist für Faschist*innen zuständig, nicht der öffentliche Diskurs.

So eine aber ist Ulrike Guerot gewiss nicht. Und Precht und Welzer auch nicht. Wer ihnen böse will, kann sie kaum als was Schlimmeres als fehlgeleitete Liberale sehen. Sie gehören in den Streit hinein, nicht aus ihm raus. Ein bisschen mehr Achtsamkeit für den eigenen demokratischen Kompass bitte!

Wer in einem fairen öffentlichen Diskurs jemand bekämpfen will, darf sie*ihn nicht demonstrativ zum Opfer ihrer*seiner eigenen Niedertracht machen. Als Pleiten-Pech-und-Pannen-Produzent hat der NDR definitiv einen uneinholbaren Vorsprung vor seiner Ex-Jurorin Guérot. Möge der Bonner AStA und der Bonner GA daraus lernen.

Iran

Was hierzulande überwiegend übellaunig und miesepetrig ausgetragen wird, obwohl die Lebenslage der dies praktizierenden was-mit-Medien-Leute doch geradezu luxuriös ist, im Vergleich etwa zu einem Edward Snowden (gehts noch peinlicher für unseren Staat?), das verläuft in anderen Ländern mit anderer Kultur bisweilen kreativ, unter widrigsten Bedingungen mutig und optimistisch. Dank an Rainer Hermann/FAZ, der seine Netzwerke zu nutzen weiss.

Immunsystem?

A propós: 7-Tage-Inzidenz Bonn 239,5, dagegen München 424,9. Hoffentlich waren nicht so viele von uns bei diesem Superspreader auf der Münchener Festwiese. Pützchens Markt haben wir ja zum Glück hinter uns.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

2 Kommentare

  1. Gernot G. Herrmann

    Ich empfehle den Artikel von Martin Benninghoff in der FR vom 26.09.22!

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