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Wird Denglisch amtlich?

Im Programm der FDP zur Bundestagswahl 2021 findet man eine überraschende Aussa­ge: „Wir Freien Demokraten wollen Englisch neben Deutsch als zusätzliche Verwaltungs­sprache in Behörden ermöglichen.“ Da muss man natürlich hart dran arbeiten, zumindest im Beamtenapparat. Die FDP will Bedienstete, die bereits Englisch sprechen, gezielt zur Betreuung von Menschen aus dem Ausland einsetzen. Für andere solle es sprachliche Weiterbildungsangebote geben. Zudem müssten freie Stellen gezielt mit Englisch spre­chenden Bewerberinnen und Bewerbern besetzt werden.

Manche Leute haben diese Ankündigung als Vision oder Fiktion betrachtet, andere haben sie ernst genommen. Der Deutsche Beamtenbund hat den Vorstoß zurückgewiesen. Er sieht ein “erhebliches Mehr an bürokratischem Aufwand”. Auch der Städte- und Ge­meindebund lehnt den Vorschlag ab. Seiner Ansicht nach ist die zusätzliche Bürokratie durch die Verpflichtung zu einer zweiten Amtssprache kontraproduktiv.

Der Tagesspiegel hält Englisch für die falsche Wahl und erinnert an Afghanen und Syrer. Die AfD wird wohl dagegen sein und davor warnen, dass als nächstes Türkisch und Ara­bisch Amtssprachen werden. Vielleicht hat sie sich schon einen Slogan ausgedacht: „Deutsch für alle“. Obwohl das missverständlich sein könnte. Man kann das nämlich auch so ver­stehen, dass alle die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten sollen. Die Englischen Spra­chinstitute haben die Idee begrüßt, die deutsche Dudelsack-Association angeblich auch.

Alle Gesetze und Verordnungen müssten übersetzt werden. Dabei sind die doch heute schon oft kaum zu verstehen. Und die Missverständnisse zwischen Beamten und Bürger/ innen würden weiter wachsen. Probleme dürfte es jedoch nicht nur im Beamtenap­parat geben. Wenn auch Radio, Fernsehen und Zeitungen auf die neue Amtssprache um­gestellt werden, bekommen Österreichische und Schweizer Medien gewiss hohen Zulauf. Und wie sieht es mit den Speisekarten an Dönerbuden und mit den lateinischen Predigten aus? Muss das dann alles zweisprachig sein? Oder braucht man da Ausnahmegenehmi­gungen?

Alte Leute sind besonders betroffen. Sie mussten sich ja schon ein Smartphone kaufen und Apps laden, um Bustickets erwerben und Parkuhren bedienen zu können. Einen PC ohne Englischkenntnisse zu nutzen ist zwecklos. Zum Schluss sprechen nur noch Senior/innen und Migrant/innen Deutsch. Letztere müssen ja einen erfolgreichen Deutsch­kurs nachwei­sen.

Eigentlich ist die offizielle Einführung von Englisch gar nicht nötig. Wenn man sich mal die Allgegenwart überflüssiger englischer Worte ansieht. Mein Vetter wollte sich ein neues Auto kaufen, besorgte sich Prospekte und begann zu staunen: electric-art-interieur, virtuel cockpit, augmented-reality-head-up-display, plug-in-hybrid, blue-link-connect, functi­ons-on-demand, remote-software-upgrades . . . Da beschloss er, einen gebrauchten Golf zu kau­fen. Den verstand er wenigstens.

Englisch ist eben weit verbreitet, in internationalen Organisationen, im Sport, in vielen Wis­senschaften und in der Musik. Früher gabs deutsche Schlager und zwischendurch mal ei­nen englischen, heute gibts englische Schlager und ab und zu einen deutschen. Englisch ist übrigens eine Sprache mit einem überdurchschnittlich großen Wortschatz. Das ist ei­nerseits po­sitiv: z.B. für Kultur und Literatur, andererseits negativ: für diejenigen, die es ler­nen wollen oder müssen.

Ein neugieriger Mensch hat gezählt, wie viele Anglizismen in den Programmen der Partei­en auftauchen (in der Regel ohne Übersetzung). An der Spitze liegt die FDP mit 60, ge­folgt von den Grünen mit gut 30. Union und Linke verwenden jeweils 20 und die SPD 15. Kanzler Scholz hat bekanntlich bereits eine Regierungserklärung auf englisch abgegeben: „You’ll never walk alone“. Die FDP hat gehört, dass Englisch in 67 Ländern Amtsspra­che ist. Da möchte sie gern mithalten. Manche meinen ja, mit ihren Eng­lisch-Kenntnissen Ein­druck ma­chen zu können. Nebenbei: der Beueler Extradienst bringt keine Nachrichten, sondern Newsletter.

4,5% aller Menschen weltweit haben Englisch als Muttersprache, doch in Deutschland ist das anders. 50% der Deutschen verstehen wenig oder gar kein Englisch. Eine Umfrage hat ergeben, dass 16% mit Englisch als Amtssprache klarkommen würden. Danach müs­se jedoch Schluss sein. Ein Leben mit englischem Bier, mit Linksverkehr und mit Boris Johnson käme nicht infrage.

Warum wurde eigentlich Englisch ausgewählt? Das ist zwar weltweit verbreitet, aber letzt­lich eine Zumutung. Man muss es gleich zweimal lernen: Erstens: wie heißt das auf Eng­lisch. Und zweitens: wie spricht man das aus. Denken wir mal an cash, wash und large. Oder an bush, bus und burger.

Italienisch oder Spanisch wären viel besser geeignet: Da lernt man die Ausspracheregeln in fünf Minuten. Das gilt übrigens auch für Deutsch (außer in Schwaben und Sachsen). Vielleicht sähe heute manches anders aus, wenn es in den USA anders gelaufen wäre. Deutsch war nämlich dort im 19. Jahrhundert eine der am häufigsten gesprochenen Spra­chen. Eine jahrzehntealte Legende besagt, dass Deutsch beinahe zur offiziellen Landessprache geworden wäre. Wenn nicht bei einer Abstimmung im Kongress eine einzi­ge Stimme gefehlt hätte.

Nach Ansicht der FDP sollen jetzt alle Englisch lernen. Für Anfänger/innen bietet sich fol­gender Einstieg an: Zunächst lernt man all jene Worte, die englisch (fast) genauso ausge­sprochen werden wie deutsch: Haus, Maus und Bär; Preis, Reis und Eis; Arm, Ring und Finger; Glas, Bier und hier; Korn, Gras und Busch; Boot, Wind und Winter; braun, laut und bitter; Fisch, Kork und Deck; Schein, Wein und fein; Schuh, Nudel und Flut; Gott, Bett und Block

Über den/die Autor*in: Heiner Jüttner (Gastautor)

Der Autor war war 1984 bis 1991 Ratsmitglied der Grünen in Aachen, 1991-98 Beigeordneter der Stadt Aachen. 1999–2007 kaufmännischer Geschäftsführer der Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel, die die Stadt Aachen und den Kreis Aachen mit Trinkwasser beliefert.

2 Kommentare

  1. Roland Appel

    Wer in der IT-BRanche arbeitet, muss immer wieder feststellen, dass es die Bundesregierung ist, die die tumbesten Versuche im Denglischen z.B. auf den IT-Gipfeln derselben unterstützt. Vom “the Länd” will ich garnicht anfangen.
    Als der geldgierige Herr Schrempp dem Daimler-Konzern die Fusion mit Chrysler zumutete, um sein Gehalt zu verzwölffachen, mussten alle möglichen Meetings in Englisch abgehalten werden. Historischer Moment, als Technikvorstand (und Schwabe) Prof. Weber 2007 in Magdeburg erklärte, er werde nun seinen Vortrag in Deutsch halten – von 300 Teilnehmern nahmen 2/3 erleichtert seufzend ihren Dolmetscher-Kopfhörer ab und applaudierten. Porsche entschied zu dieser Zeit, dass die Unternehmenssprache Deutsch sei. Eine interne wissenschaftliche Untersuchung hatte zutage gefördert, dass durch die Übersetzung in Englische etwa 20% entscheidende Details der Forschung und Ingenieurskunst, aber auch im Marketing verloren gehen. Soischsnaauwidder!

  2. Der Maschinist

    Freunde, das ist echt eine #Boomer Diskussion – aber kein Thema mehr… das ist meine Wirklichkeit: Ich arbeite zur Zeit mit Pol:innen, einem Tschetschenen, Russ:innen, Ukrainer:innen, Schwed:innen, einer Kolumbianerin, Inder:innen, Chines:innen, Rumän:innen, Niederländer:innen, einem Tschechen, Türk:innen, Schweizer:innen, Italiener:innen und einer handvoll deutschen Kolleg:innen. Und das ist nicht etwa eine Organisation der UN oder das Einwohnermeldeamt, sondern ein ganz normaler europäischer Einzelhandelskonzern on just a regular day at the office in Dortmund.

    It has got to work in English or it just doesn’t.

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