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Putin spielt Schach

Der Geheimagent an der russischen Staatsspitze hat gestern seinen Turm eingesetzt, um diagonal über das Feld zu springen. Ein von Beginn des Krieges an von Russland besetzter Staudamm nebst Wasserkraftwerk wurde in der vergangenen Nacht zwischen zwei und drei Uhr in die Luft gesprengt. Unwahrscheinlich, dass es sich dabei um eine Ukrainische Drohne handeln könnte, weil die soviel Sprengkraft so weit unten nicht entwickeln können. Aber selbst wenn es so wäre: Was soll die Ukraine davon haben, dass große Teile ihres Territoriums flussabwärts überflutet und das Atomkraftwerk Soporischtschia viel weiter oben am Fluss im Kühlwasserzufluss geschädigt werden sollte?

Ziemlich dumm wäre das aus ukrainischer Sicht, ziemlich schlau ist aus russischer Sicht eine Flutwelle, die nun vom gesprengten Staudamm aus zum Meer rollt, Überschwemmungen in noch nicht absehbarem Ausmaß mit sich bringen wird, und wahrscheinlich den einen oder anderen ukrainischen Panzer, der zur lange angekündigten “Frühjahrsoffensive” oder “Sommeroffensive” aufgefahren war, auch überschwemmt oder zumindest in den Schlamm gesetzt hat. Die Zerstörung eines Staudamms ist nach internationalem Recht ein Kriegsverbrechen. Das ist der Putin-Kamarilla scheißegal. Putin spielt einfach Schach – ohne verbindliche Regeln. Wenn es einen Zug gibt, für den er eigentlich keine berechtigte Figur hat oder für den er jegliche Regel brechen muss, dann macht er ihn. Da fällt auch schon mal eine lang angekündigte Offensive buchstäblich ins Wasser. ARD und ZDF berichteten in ihren “Brennpunkten” nichts substanzielles. Woher auch? Medien, Unterstützer und Ukraine vermitteln den Eindruck, dass sie sich immer wieder übertölpeln lassen. Das war nicht anders, als der Westen 47 Staaten eindrucksvoll  in Moldavien versammelt hat. Und tags drauf der Kreml verkünden ließ, wer demnächst alles dem BRICS-Staatenbündnis beitreten wird.  Wann begreift der Westen, dass Putin Schach spielt?

Über Roland Appel:

Roland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net

4 Kommentare

  1. Martin Böttger

    Wer genau ist noch mal “der Westen”?
    Hier eine – allerdings schlecht redigierte – Zusammenfassung der diversen Mutmassungen und Anschuldigungen von Florian Rötzer:
    https://overton-magazin.de/top-story/ukraine-und-russland-beschuldigen-sich-gegenseitig-fuer-den-dammbruch/
    Die “Wahrheit” ist längst tot.

  2. Stefan

    Hier werden aber Mutmaßungen mit Fakten verwechselt und mögliche Motivationen der ukrainischen Seite ausgeblendet.

    Die Washington Post hatte mal dieses berichtet:
    “Kovalchuk considered flooding the river. The Ukrainians, he said, even conducted a test strike with a HIMARS launcher on one of the floodgates at the Nova Kakhovka dam, making three holes in the metal to see if the Dnieper’s water could be raised enough to stymie Russian crossings but not flood nearby villages.

    The test was a success, Kovalchuk said, but the step remained a last resort. He held off.”

    https://www.washingtonpost.com/world/2022/12/29/ukraine-offensive-kharkiv-kherson-donetsk/

  3. Roland Appel

    Auch das sind Spekulationen. Relativ sicher verbrieft ist, dass die Ukraine auf die Wassermassen des Staudamms jahrzehntelang nicht nur als Antrieb des vorgestern zerstörten Wasserkraftwerkes zählte, sondern dass der Stausee auch eine wichtige Rolle bei der landwirtschaftlichen Bewässerungsstrategie in der Region spielte, die jetzt ausfällt. Wer die Ergebnisse der Ahrfluten gesehen hat, weiss, dass weite Strecken fruchtbarer Erde entlang der Flussregion weggespült werden. Auf jeden Fall wurde hier ein Umweltverbrechen gigantischen Ausmaßes inszeniert. Dass die Ukraine das selbst in Gang setzt, ist mehr als unwahrscheinlich, ja selbstmörderisch. Zumal die Kontaminierung der Fluten mit Öl, Giften, Kraftstoffen usw. Folgen bis nach Odessa und darüber hinaus haben wird.

  4. Stefan

    “Auch das sind Spekulationen.”
    Nur dass diese als nur mögliche Motivationen bezeichnet werden. Ob Teile der ukrainischen Führung eine “verbrannte Erde”-Politik für die verlorengeglaubten Territorien fahren, werden meine Kinder oder Enkelkinder vielleicht erfahren. Das auszuschließen, finde ich naiv.

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