Zwei Politologen zu den Präsidentschaftswahlen in Kolumbien
Am 8. März fanden in Kolumbien Parlaments- und Vorwahlen für die Präsidentschaftswahlen Ende Mai statt. Gemeinsam mit Marco Romero Silva, Politikwissenschaftler, Professor sowie Direktor der Beratungsstelle für Menschenrechte und Vertreibung (CODHES) und Juan Manuel Pinto, Politikwissenschaftler und Journalist mit den Schwerpunkten Datenanalyse, Regierungsführung und Bürgerbeteiligung blickt ila-Autorin Yasmin Ángel auf die Ergebnisse sowie mögliche zukünftige Szenarien.
Herr Pinto, Sie haben kürzlich eine Analyse der Wahldaten vorgenommen. Auf der politischen Landkarte Lateinamerikas ist Kolumbien eines der wenigen Länder mit einer progressiven linken Regierung – die erste in seiner modernen Geschichte. Nach der Beteiligung von fast 21 Millionen Wähler*innen an den Parlamentswahlen und vor dem Hintergrund einer starken Polarisierung zwischen einer radikaleren Rechten und einem progressiven Aufschwung: Wie ist die Stimmung wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen?
Juan Manuel Pinto: Derzeit sind drei starke Kandidat*innen im Rennen: Iván Cepeda, der Kandidat der Regierungspartei (Pacto Histórico, progressives Lager, Anm. d. Red.), Abelardo de la Espriella, der „Außenseiter“ der extremen Rechten, und Paloma Valencia, die Kandidatin des Uribismus (Rechte im Gefolge des früheren Präsidenten Álvaro Uribe, Anm. d. Red.) und Siegerin der letzten Vorwahlen (an denen weder Cepeda noch de la Espriella teilnahmen, Anm. d. Red.). Die Wahl am 8. März hat gezeigt, dass die beiden wichtigsten politischen Kräfte der Petrismus (Lager des derzeitigen Präsidenten Gustavo Petro, Anm. d. Red.) – vertreten durch den Pacto Histórico – und der Uribismus – vertreten durch das Demokratische Zentrum (Centro Democrático) – sind. Während die Linke jedoch mit nur einem Präsidentschaftskandidaten antritt, stellt die Rechte zwei Kandidat*innen auf.
In diesem Szenario spielt die Wählerschaft der Mitte, die keine*n eigene*n Kandidat*in hat, eine Schlüsselrolle. Zwei der Spitzenkandidaten, Cepeda und de la Espriella, haben ihre Wahlkampfrhetorik mit Blick auf eine mögliche Stichwahl auf ihre Basis ausgerichtet. Sollte sich dieses Szenario verfestigen, müsste die Mitte entscheiden, welcher der beiden Kandidaten auf weniger Ablehnung stößt. Paloma Valencia wiederum versucht, de la Espriella den zweiten Platz streitig zu machen. Sie versucht, die Wählerschaft der Mitte anzusprechen, die dem Uribismus historisch abgeneigt ist, und mit Kandidat*innen wie Sergio Fajardo und Claudia López zu konkurrieren, die ihr im ersten Wahlgang Stimmen wegnehmen könnten. Allerdings darf sie ihren Diskurs nicht zu sehr mäßigen, ohne den Verlust der Unterstützung durch die Rechten zu riskieren. In diesem Zusammenhang ist also die größte Unbekannte, wer in einer möglichen Stichwahl gegen den progressiven Iván Cepeda antreten wird: Valencia oder de la Espriella?
Manchmal scheint Verwirrung zu herrschen. Viele Menschen unterscheiden nicht zwischen Kommunismus, Progressismus, Mitte und Rechten sowie deren Extremen. Einige Medien, insbesondere solche, die zu Unternehmenskonzernen gehören, haben den investigativen Journalismus in Meinungsmache und politische Opposition verwandelt. Das macht es schwer, verlässliche Informationen zu erkennen, während die sozialen Netzwerke einen Boom erlebt haben. Wie klar werden die Präsidentschaftskampagnen unter Berücksichtigung der Rolle der Presse geführt?
Marco Romero: Die Rolle der Medien ist von gesellschaftlichen und politischen Kontroversen geprägt. In Kolumbien gibt es mächtige private Medien, aber auch ein System öffentlicher und kommunaler Medien sowie ein hohes Maß an digitaler Vernetzung in den städtischen Gebieten.
Einige Medien, wie das Magazin Semana, haben ihr pluralistisches und unabhängiges Format aufgegeben, um offen rechte Programme und Kandidat*innen zu verteidigen. Dadurch sind sie zu Foren der Opposition gegen die Regierung von Präsident Petro geworden. Es gibt auch private Medien, die sich bemühen, verschiedene Sichtweisen auf die öffentliche Agenda zu Wort kommen zu lassen, sowie andere, die sich stark für unabhängigen Journalismus engagieren. Die Regierung hat der Stärkung der öffentlichen Medien und der Nutzung sozialer Netzwerke als Hauptkommunikationskanal Vorrang eingeräumt. Wie im Rest der Welt fungieren diese Netzwerke als alternatives Medium, das das Monopol der großen Medien durchbricht, aber sie öffnen auch Tür und Tor für Polarisierung, Bedrohung und Diskriminierung.
Es ist bezeichnend, dass sich unter den neuen Abgeordneten junge Menschen befinden, die diese Rollen über soziale Netzwerke ausüben. Allerdings nimmt auch der Einsatz organisierter und kaum regulierter Strategien zu, um die öffentliche Agenda durch Informationen ohne rechtliche oder ethische Grundlage zu beeinflussen.
Was erwarten Sie als Verteidiger der Menschenrechte und angesichts des internationalen politischen Klimas sowie des Wiederauflebens der Monroe-Doktrin als Donroe-Doktrin in Lateinamerika nach den Wahlergebnissen für das Land?
Marco Romero: Bei den Wahlen 2026 entscheidet sich Kolumbien zwischen der Fortsetzung des politischen Programms, für das Präsident Petro steht, und der Rückkehr der extremen Rechten, der Erbin des Uribismus.
Ein Sieg von Iván Cepeda würde die Fortsetzung der Politik zur Umsetzung des Friedensabkommens von 2016 bedeuten und die Fortführung von Dialogprozessen, die darauf abzielen, die anhaltenden bewaffneten Konflikte zu beenden. Angesichts der Herkunft von Iván Cepeda aus der Bewegung für die Rechte der Opfer würde dies ebenfalls eine Ausrichtung auf die Menschenrechtsagenda bedeuten. Die Vertiefung der Agrarreform und der sozialen Reformen im Allgemeinen würde im Mittelpunkt der Regierungsagenda stehen, und auf internationaler Ebene würde Kolumbien weiterhin den internationalen Frieden sowie die Verteidigung des Multilateralismus anstreben und imperialistische Politiken klar ablehnen. Im Gegensatz dazu würde mit einer möglichen Rückkehr zum Programm von Uribe, das von Senatorin Paloma Valencia vertreten wird, das Friedensabkommen von 2016 und die Politik des Friedensdialogs auf der Prioritätenliste ganz nach unten rücken. Es käme zu einer Angleichung an oder Unterordnung unter die Agenda der aktuellen US-Regierung, und Kolumbien würde sich dem konservativen Block von Milei, Kast, Noboa und Bukele anschließen. Oberste Priorität hätte die Verteidigung der Interessen des nationalen und internationalen Privatkapitals.
Die Wahl am 8. März hinterlässt ein zersplittertes Parlament, in dem die Linke zwar die größte Einzelkraft darstellt, aber keine ausreichende Mehrheit erreichte, um die Regierungsagenda problemlos umsetzen zu können, weshalb im Kontext des Präsidialsystems mit einer Wiederholung der institutionellen Blockaden zu rechnen ist. Auch der Uribismus erreicht aus eigener Kraft keine Mehrheit, könnte aber eine Koalition mit den traditionellen Parteien bilden und würde sicherlich sowohl im Parlament als auch bei sozialen Mobilisierungen auf sehr starken Widerstand der Linken stoßen. Eine Stichwahl bei den Präsidentschaftswahlen erscheint als das wahrscheinlichste Szenario. Sollte es dazu kommen, müssten die führenden Kräfte Vereinbarungen mit Teilen der politischen Mitte ausarbeiten.
Die Menschenrechtsagenda bleibt die grundlegende Aufgabe in einem Land wie Kolumbien, das durch bewaffnete Konflikte mehr als zehn Millionen Opfer zu verzeichnen hat, eines der Länder mit der größten Ungleichheit weltweit ist und in den ländlichen Gebieten keine aktive Präsenz des Rechtsstaats aufweist, wodurch die Bevölkerung Formen krimineller Herrschaft ausgesetzt ist.
Eine Regierung unter Iván Cepeda würde zwar ein günstiges Umfeld für die Vertiefung der Menschenrechtsagenda schaffen, stünde jedoch unter starkem internem und internationalem Druck. Dieser könnte ihre Wirksamkeit einschränken, insbesondere im Bereich sozialer, steuerlicher und institutioneller Reformen. Die Rückkehr des Uribismus würde nicht nur den Bedarf an Schutz der Grundrechte und -garantien angesichts seiner Vorliebe für autoritäre und ausgrenzende Politik verstärken, sondern stünde auch im Einklang mit einer internationalen Politik, die das Völkerrecht und die internationalen Systeme zum Schutz der Menschenrechte schwächt. Die Schwächung des Multilateralismus und die drastische Kürzung der internationalen Zusammenarbeit erschweren die Aufgabe, Rechte in der heutigen Zeit zu verteidigen, noch weiter.
Das Interview führte Yasmin Ángel am 21. März 2026 online. Übersetzung: Claus Witte. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 494 April 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Links wurden nachträglich eingefügt.

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