Ein Museum in Shanghai erzählt die Geschichte chinesischer Willkommenskultur. Ohne Visum fanden Juden und Jüdinnen in Fernasien einen Zufluchtsort
Das Jewish Refugees Museum in Shanghai hat mich überrascht. Denn hier wird nicht nur in liebevollen Details von den 18.000 Juden und Jüdinnen erzählt, die in Shanghai Zuflucht vor dem Nationalsozialismus fanden, sondern eine Geschichte chinesisch-jüdischer Freundschaft entworfen. Vermutlich war diese Perspektive nur für mich überraschend und nicht für die jungen Chinesen und Chinesinnen, die an diesem Nachmittag interessiert durch die zehn kleinen Räume der Ausstellung wanderten; ihre Generation ist mit patriotischen Erzählweisen vertraut.
Im westlichen Holocaust-Schrifttum ist das Shanghai der späten 1930er Jahre, soweit erwähnt, ein elender, schmutziger Ort, an den nur schiere Verzweiflung verschlagen konnte. Anders als fast überall sonst war hier kein Visum nötig – eine Folge von Chinas halbkolonialer Unterwerfung nach den verlorenen Opiumkriegen des 19. Jahrhunderts. In Shanghai waren Macht und Recht zersplittert: Briten, Franzosen, US-Amerikaner lebten in Enklaven eigener Hoheit, illustre Minderheiten inmitten einer armen chinesischen Mehrheit.
Wie passt die Rettung der Juden und Jüdinnen nun in diese komplizierte Geschichte? War sie ein glückliches Nebenprodukt von Chinas kolonialem Unglück? Das Shanghaier Museum schlägt einen anderen Ton an, erzählt von einer chinesischen Willkommenskultur. Gleich am Eingang heißt es: „Die Menschen hier öffneten ihre Arme und akzeptierten die Flüchtlinge.“
Was auf 4.000 Quadratmetern an Exponaten und Biografien zusammengetragen wurde, zeugt von Hingabe: Bevor das Museum 2007 in restaurierten Originalgebäuden jüdischen Exils eröffnet wurde, reisten die Kuratoren durch die Welt, um Überlebende zu befragen und Erinnerungsstücke zu erbitten. Das erste Objekt, eine Spielzeugrikscha, fand sich in Hamburg. 2020 wurde das Museum erweitert, bildet nun ein Ensemble mit einer renovierten Synagoge. Der Direktor bekam eine Auszeichnung Israels.
Chinesische Juden
Gegenüber der Regierung in Jerusalem sprechen chinesische Offizielle gern von einer tausendjährigen Freundschaft „zwischen der chinesischen und der jüdischen Nation“. Zwar hat damals wohl kaum jemand diesen Begriff gekannt, doch kamen in der Tat erste jüdische Händler über die antiken Seidenstraßen nach China. Die Geschichte der Gemeinde von Kaifeng am Gelben Fluss, einer früheren Hauptstadt Chinas, währte Jahrhunderte; Juden wurden kaiserliche Beamte, nahmen chinesische Namen und Gebräuche an, bis schließlich im 19. Jahrhundert ihre vermeintliche „Entdeckung“ durch christliche Missionare für Wirbel in der westlichen Forschung sorgte. Huch, chinesische Juden?!
Neuere jüdische Gemeinden entstanden dann in den semikolonialen Hafenstädten, später folgten russischsprachige Juden aus dem Zarenreich, die vor Antisemitismus und Kommunismus flüchteten. Im gesellschaftlich fragmentierten Shanghai der späten 1930er Jahre lebten immerhin 25.000 solcher säkularen aschkenasischen „émigrés“, wie sie sich nannten – eine eigene Schicht, bescheiden wohlhabend, doch in der Regel nicht potent genug, um in die exklusiveren Kreise sephardischer Juden und Jüdinnen mit britischen Pässen einzuheiraten.
Liliane Willens, Tochter ukrainisch-russischer Émigrés, beschreibt in ihrer Autobiografie „Staatenlos in Shanghai“ unverblümt den alltäglichen Rassismus einer schroff geteilten Welt, in der arrivierte jüdische Familien ebenso wie die Angehörigen der Kolonialmächte elegante Partys feierten und Chinesen allenfalls Dienstboten waren. Die aus Europa vor dem Faschismus Fliehenden durchkreuzten plötzlich die soziale Trennung.
Viele konnten sich eine Miete in den Villenvierteln der ausländischen Enklaven nicht leisten, sondern lebten gezwungenermaßen dort, wo Weiße eigentlich nicht hingehörten: in den engen Gassen des Viertels Hongkou, wo sie wie die Einheimischen morgens ihre Exkremente in Holzeimern auf die Straße tragen mussten. Die erdrückenden Umstände wurden immerhin psychologisch dadurch erträglicher, notierte Liliane Willens, „dass die Chinesen keinerlei antisemitische Gefühle hegten“.
Freundlicher Empfang für die Geflüchteten
Die Freundlichkeit der Nachbarn, oft noch ärmer als die Ankömmlinge, ist keine Erfindung des Museums; sie wird durch Schilderungen Überlebender bestätigt. Manche Chinesen hätten ihr karges Essen mit den Geflüchteten geteilt, während wiederum ein jüdischer Komponist chinesische Studenten unterrichtete. Gewiss keine Idylle, sondern eine Geschichte der vielen Facetten, und nicht jede Facette drängt ins Licht.
Die großzügigste Hilfe für die Ankömmlinge kam von den reichen sephardischen Familien – sie hatten ihr Vermögen nicht zuletzt mit jenem Opiumhandel aufgebaut, der China in die Knie zwang. Dass es jüdische Geschäftsleute gab, die zu Kolonialismus und europäischer Expansion beitrugen, mögen heute, nach dem Holocaust, manche nicht mehr sehen – obwohl es auch in die Kolonie Deutsch-Südwestafrika jüdische Siedler und Investoren aus dem Kaiserreich zog.
In Deutschland wird kaum erwähnt, dass sich 18.578 Juden ins chinesische Exil retten konnten
An der Shanghaier Uferstraße, dem Bund, zeugen heute noch prächtige Bauten von der Rolle jüdischen Unternehmertums im britischen Imperialismus, am bekanntesten die ursprünglich aus Bagdad stammende Dynastie der Sassoon. Während in Deutschlands eurozentrisch verengter Erinnerungskultur selten Erwähnung findet, dass Chinesen zur Rettung von 18.578 Juden immerhin beigetragen haben, sind all ihre Namen in Shanghai auf einer Mauer neben dem Museum eingraviert, genannt „The Shanghai List“, nach der durch Hollywood berühmt gewordenen Liste Oskar Schindlers.
Ihre Rettung ist in der patriotischen Selbsterzählung Beweis für Chinas universelle Empathie. In Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, der 20 Millionen Chinesen das Leben kostete, heißt es: „Gemeinsam gingen Juden und Chinesen durch eine dunkle Zeit.“ Beim Stichwort Empathie musste ich an die Uiguren denken. Sind sie, metaphorisch gesprochen, heute Chinas jüdische Frage? Es bleibt immer etwas Ungesagtes.
Anm.d.Red.: die Links sind nicht nachträglich eingefügt, sondern vom taz-Original übernommen. Es gibt also dort jemand, die*der weiss, wie es geht!

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