Deutsche Mediendiätförderung

Mit der Schlagzeile meine ich nicht die internationale Medienrecherche ohne deutsche Beteiligung, über die deswegen hierzulande auch nichts berichtet wird, ausser von René Martens/MDR-Altpapier, und weil ich gerade dabei bin, hier, bitte schön, können Sie das selbst lesen:

Wenn man sich schlampige Propaganda leisten kann – Im Februar dieses Jahres scheiterte das Königreich Marokko endgültig mit einem juristischen Angriff auf deutsche Medien, die recherchiert hatten, wie das Regime die Überwachungssoftware Pegasus einsetzt. Nun gibt es neue Enthüllungen. Und ein schon etwas älteres Recherche-Großprojekt zu vermeintlichen Erklärvideos der israelischen Armee wird jetzt endlich gewürdigt.”

Diese Ignoranz der deutschen “vierten Gewalt” ist für sich schon eine exzellente Mediendiätförderung. Ich meine damit hingegen die WM-Berichterstattung, zu der wir nur von Glück sagen können, dass sie überwiegend ebenfalls ohne deutsche Beteiligung stattfand, weil es sonst einen gesundheitsgefährdenden Overkill gegeben hätte.

Die deutschen TV-Anstalten haben Mondpreise an die Fifamafia für die TV-Rechte gezahlt. Obwohl es ein europarechtliches Recht auf kostenlose Kurzberichterstattung gibt. Aber gut – Donald Trump würde sich darüber kaputtlachen. Sie haben also – mit unserem Geld – unermessliche Millionensummen gezahlt, und tapezieren damit ihr Programm. Andere kostenverursachende Alltagsarbeit wird eingestellt, Nachrichtenmagazine eingedampft. Zahlreiche Fussballrentner und wenige -innen, alte Buddys der sog. Fussballjournalisten und -reporter, werden, ebenfalls von unserem Geld, als “Expert*inn*en” zu komfortablen Honoraren engagiert, um in den Spiel- und Übertragungspausen, wenn sie nicht durch Werbung gefüllt werden, das Publikum kontinuierlich weiterzubeschallen.

Die Medien wiederum, die nicht TV sind, sondern auf Bildschirmen oder Papier aneinandergereihte Buchstaben verbreiten, erregen sich ausführlich über das Geschwätzte. Wer hat wen beleidigt und warum? Erfreulich für diese Art nervenaufreibendes Business: der zukünftige Bundestrainer erschwätzte sich auf diese Weise seinen neuen Millionenjob. Niemand durfte zurückbleiben in der Disziplin, sich darüber das Hirn zu zermartern und die Medienöffentlichkeit ausführlichst damit zu belästigen.

Schmerzfrei und realitätsblind, wie es sonst nur Jens Spahn und andere Politiker*innen seiner Kragenweite schaffen, merken diese – in der Regel recht fair honorierten – Aufmerksamkeitsökonomen nicht, dass sie von uns, dem Publikum nicht die geringste Aufmerksamkeit bekommen. Und selbst wenn, dürfen sie es nicht zugeben, weil es ja ihren lukrativen Job untergraben täte … Während sie sich vor Kameras spreizen und auf Studiosofas den Hintern plattsitzen – beim ZDF sah das täglich unfreiwillig satirisch aus – sind wir auf dem Weg zum Klo, Kühlschrank oder Grill. Und wenn wir das nicht sind, sitzen wir mit Freund*inn*en zusammen, diskutieren das Spiel, die Spieler oder ganz andere, viel wichtigere Neuigkeiten.

Zugehört haben wir nur zwischen Anpfiff und Abpfiff. Gezwungenermassen. Denn was interessiert, ist das Spiel. Ich selbst habe von den 104 Partien nur 5 oder 6 komplett geguckt. Spanien-Frankreich war darunter, zwangsweise bei Telekoms “Magenta”, weil mein Fussballwirt das abonnieren musste. In den letzten 10 Minuten habe ich (Ungläubiger!) gebetet, dass es endet, weil ich das pathostriefende Gebrüll des leitenden Telekomangestellten am Mikrofon (Name zum Glück vrgessen) nicht mehr aushielt.

Ein Fall für Jürgen Roth! Bitte richte ihn hin, Du weisst, wie ich das meine.

Die alte Reporterweisheit von Ernst Huberty“Erzähle den Zuschauern nicht, was sie schon sehen!” – ist mausetot. Der Lärm darf nicht aufhören.

Bei der grössten Medienveranstaltung der Welt wurde über 6 Wochen inszeniert, was die ehemalige Beuelerin Annika Schneider/uebermedien aktuell (noch eine Woche hinter Paywall) so charakterisiert, und damit den Nagel der aktuellen deutschen Denokratiekrise auf den Kopf trifft:

“Sommerpressekonferenz mit Kanzler Merz: Viele Journalisten, wenig Journalismus – Obwohl es kaum etwas zu berichten gab, haben wieder alle drüber berichtet: die Sommerpressekonferenz mit Kanzler Merz. Mit kritischem Journalismus hat das jährliche Ritual wenig zu tun. Presse und Politik nutzen es für die Selbstinszenierung.”

Die Zeit wird immer knapper. Besser sie anders zu nutzen.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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