Derzeit ist Leichtathletik-EM in Birmingham, der zweitgrössten Stadt Englands. Das mittelgrosse Stadion ist nur gut zur Hälfte gefüllt – überzogene dreistellige Eintrittspreise. Entscheidend für die Leichtathletik ist die unübersichtliche Mediensituation. Die Sportart hat an Präsenz in der Aufmerksamkeitsökonomie stark eingebüsst. Selbst ihre grössten Stars in Deutschland haben Mühe, ihre Existenz mit dem Sport zu sichern. Immerhin: bei der ARD guckten gestern Abend 3,7 Mio. zu.
In einer schwer auffindbaren Online-Nische berichtet Isabella Strehmann/Ippen: “Deutsche Leichtathletik-Stars kritisieren ARD-Moderatoren scharf – Deutschlands Leichtathletik-Stars kämpfen bei der EM um Medaillen. Zwei Stars äußern ihren Unmut über die Berichterstattung der ARD.”. Gemeint sind die medienaktive Gina Lückenkemper (100m-Halbfinalistin) und Yemisi Mabry (3. im Kugelstossen).
Die Damen haben mehrere gute Karten. Ihre Medienkompetenz macht sie unabhängiger vom Alt-Medium TV. Sie wissen, wie dieses Medium sich vor dem Profifussball der Herren seit Jahrzehnten auf den Rücken legt, ihn sogar entscheidend finanziert. Von all dem können sie nur träumen. Da sie aber gleichguten oder sogar besseren Sport liefern, leiten sie daraus Ansprüche ab, die das Medium und seine – gelegentlich journalistisch arbeitenden – leitenden Angestellten nicht erfüllen (wollen). Denn, wenn es mal nicht um männliche Fussballmillionäre geht, beanspruchen sie für sich – wie gesagt: gelegentlich – unabhängigen oder gar kritischen Journalismus.
Zu dem sind sie arbeitsvertraglich, gesetzlich – und von Leuten wie mir als Publikum – genötigt. Ausserdem denken sie: sollen die Sportlerinnen doch froh und dankbar (!) sein, dass wir sie überhaupt senden. Insbesondere die Technik-Disziplinen der Leichtathletik tun sich schwer, das Publikum zu binden (ausser Malaika Mihambo). So kamen die Veranstalter*innen z.B. auf die späte aber gute Idee, den TV-attraktiven Staffelläufen der Männer und Frauen noch eine “Mixed”-Version hinzuzufügen.
Die Fachredaktionen der TV-Anstalten, sofern sie überhaupt noch existieren, haben gewiss grösste Mühe, die Leichtathletik bei ihrer Sendeleitung im fussballdominierten Angebot überhaupt noch unterzubringen. Das Publikum (s.o.) mit einer im Vergleich zum Talkshow-Trash dreifachen Einschaltquote dankt es.
Aber TV ist kein Gatekeeper mehr. Beredsame und attraktive Damen wie Mihambo und Lückenkemper können die wichtiger werdenden digitalen Medien kompetent selbst bespielen. Sie brauchen die alten Herren Journalisten nicht (mehr). Das hat auch Vorteile.

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