Als ich noch jung war, waren diese Leidenschaften links. In meiner Abiturklasse wählte bei der Kommunalwahl 1976 in Gladbeck ein Drittel – bekennend! – DKP. Deren Verbundenheit mit der DDR war sehr wohl bekannt, und wurde von dieser starken Minderheit für die Entwicklung der Stadt nicht als Nachteil angesehen. Die regierende SPD war allzu gut bekannt. Die DKP-Hochburg Bottrop sollte mit Gladbeck und dem Bauern- und Speckgürtel-Vorort Kirchhellen fusioniert werden, um sie rechnerisch aus dem Stadtrat herauszuhalten; die 5%-Hürde galt damals noch bei der Kommunalwahl. Dieses durchsichtige Manöver bescherte der DKP eine Gegenmobilisierung in Gladbeck. Der NRW-Verfassungsgerichtshof kassierte die Städtefusion (“Glabotki”) wieder. Und die DKP hatte sich in beiden Städten festgesetzt.

Ein ehemaliger Gladbecker DKP-Ratsherr landete auf wenig rätselhafte Weise später bei der AfD, die jetzt die Republik in Angst und Schrecken versetzt. Dort soll er 2023 auch schon wieder ausgetreten sein. Schade eigentlich. Der wäre der AfD weiter zu gönnen. Aber ich will nicht abschweifen.

Die mobilisierenden Leidenschaften sind heute ganz offensichtlich rechts. Und Robert Misik arbeitete sich gestern in der taz nicht ganz abwegig an ihnen ab. Und Ralf Heimann/MDR-Altpapier erklärte gestern – mal wieder in für ihn typischer differenzierter Weise – wie der sich der Irrelevanz immer weiter nähernde Spiegel das auch noch begünstigt.

Noch wichtiger als die verzweifelten Versuche, die deutsche Rechte zu erklären, ist die Frage, wie mobilsierende Leidenschaften auf der pessismismuskranken und darum demobilisierten gesellschaftlichen Linken, d.h. weit über die Partei dieses Namens hinaus, reanimiert werden können. Daran arbeitet einer aus der übersichtlichen Zahl der Guten bei der taz, Christian Jakob, aus dessen Buch die Blätter einen Auszug online gestellt haben:

Gegen das Untergangsdenken – Fünf Jahre Fridays for Future und die Chancen der Klimabewegung”

Es ist die Wirkung globaler Medienmacht, die linke Potenziale in die Depression treibt und die Rechten, die es 1976 auch alle schon gab, die sich aber öffentlich fast nichts getraut haben, zu ermutigen. Mit der Faktenlage hat das nichts zu tun.

Das hat schon vor Jahren der Schwede Hans Rosling belegt. Und mir wurde es dieser Tage klar, als ich dieses schmale Bändchen über den Feudalverbrecher “Karl den Grossen” las, nach dem noch heute in Aachen rechte Preisverleihungen benannt sind, und der ein Imperium von Barcelona bis Magdeburg drangsalierte.

Die Herrschaftsmethode dieses Herrn war nämlich der Krieg, also Massenmord. Es gab keine steuerfinanzierten Staatsstrukturen. Sondern die Herrschaft finanzierte sich aus Mord und Plünderei. Mann nannte es Mittelalter. Der Kerl regierte von 768-814 n.Chr.. Und die Jahre, in denen mal kein Krieg war, waren Ausdruck tiefer “Krisen” seiner Herrschaft.

Dass er in unserer Gegenwart so verehrt wird, wie es nicht nur in Aachen geschieht, wo er im Winter zu hausen pflegte, ist über diese Gegenwart aussagekräftiger als über die damalige menschenunwürdige Wirklichkeit. Denn es geht darum, historischen Fortschritt zu leugnen. Er könnte die “Falschen” ermuntern. Nämlich uns.

Siehe auch Medienpolitik.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger