“Da ist nichts mehr zu holen”

Entschuldigend schreibt René Martens/MDR-Altpapier, nehmen Sie das bitte auch für diesen Text: “Vor allem ist es intellektuell extrem unbefriedigend, sich an Merz abzuarbeiten. Aber ganz vermeiden lässt sich das, solange er Bundeskanzler ist, wohl nicht.” Das ist sein Fazit seiner MDR-Altpapier-Kolumne

Der Kanzler kommuniziert wie Trump – Charakteristisch für Friedrich Merz’ größere öffentliche Auftritte ist sein großzügiger, teils irreführender Umgang mit Zahlen – das zeigten sowohl die RTL-Sendung am Donnerstag, in der Bürger die Fragen stellten, als auch das ARD-Sommerinterview am Sonntag.”

Seit Jahrzehnten vermeide ich den Konsum sog. “Sommerinterviews”, die für mich eine provozierend ausgestellte Schande für kritischen Journalismus, und damit ein Sargnagel für unsere öffentlichen Medien sind. Sie verstehen nicht.

So ist meiner Aufmerksamkeit entgangen, gestern rechtzeitig im ARD-Videotext nachzuschauen, wie wenige sich dieses niedere Exemplar zugemutet haben. Da niemand “Erfolgszahlen” gemeldet hat, muss es wieder peinlich gewesen sein.

Es ist nämlich so: bei allen staatstragenden Medienbeiträgen, zu denen ich auch all den Talkshowtrash zähle, über den sich sog. “alle” erregen, tritt das Publikum die Flucht an. Und an den Geräten bleiben die, mit derlei ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Selbst einer der kritischen Medienjournalisten, Stephan Niggemeier/uebermedien, stolperte jüngst über dieses Missverständnis, als er anlässlich von dessen AfD-Titelboy die Schlagzeile formulierte: “Der ‘Spiegel’ ist so machtlos und irrelevant, dass alle über ihn reden”.

Die Auflage des Spiegel hat ich seit den 90ern fast halbiert. Wikipedia: “Die verkaufte Auflage ist seit 1998 um 39,8 Prozent gesunken. Sie beträgt gegenwärtig 635.843 Exemplare.” Das ist noch weniger als die, die sonntags vor der Sportschau Friedrich Merz ertragen. Wer von der Mehrheit, die nicht was-mit-Medien macht, spricht da montags noch drüber?

Das ist das gemeinsame Problem demokratischer Politik und demokratischer Medien. Aber sie merken nichts … doch, insgeheim, im Unterbewusstsein: doch. Aber sie haben Angst davor. Und von möglichen Therapeut*inn*en wollen sie nichts wissen. Für sie ist der Bundeskanzler ein würdiger Repräsentant.

Mein Therapievorschlag: einen Sommer lang Friedrich Küppersbusch oder Tilo Jung ranlassen. Aber zu denen käme ja keine*r. Oder? Und Friedrich will ich nicht den Urlaub verderben.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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