Aufmerksamkeitsökonomische Erregungsspiralen in Berlin (West)
Bei Jeremy Corbyn hats doch auch geklappt. Warum also nicht in Berlin? Die sich “Die Linke” nennende Partei liegt in den Umfragen zur in Berlin “Landtagswahl” genannten Kommunalwahl vorne. Also machen sich ihre Gegner und Konkurrentinnen bei ihnen auf die Suche nach dem, was es in Deutschland schliesslich überall zu finden gibt: Antisemitismus. Und siehe da: ein Rapper hat geliefert.
Veranstaltungsteilnehmer und Jacobin-Kommentator Loren Balhorn ärgert sich darüber, dass die Berliner Landesführung der Partei darüber öffentlich wahrnehmbar verärgert ist: “In der Politik ist Angriff immer die beste Verteidigung – Die Linke führt in Berlin die Umfragen an – doch statt diesen Höhenflug zu nutzen, entschuldigt sich die Parteispitze für den Auftritt des Rappers Dahabflex in Neukölln. Wer sich von der Presse treiben lässt, droht sein Momentum zu verlieren.”
Absolut zutreffend führt er aus: “Sie hätte klar ausprechen müssen, dass es sich bei der Debatte um einen Versuch handelt, von den brennenden sozialen Fragen abzulenken – von steigenden Mieten und Lebenshaltungskosten, Kürzungen in der öffentlichen Daseinsvorsorge und anderen Themen, auf die nur Die Linke wirklich populäre Antworten hat. So nutzt man sein Momentum und treibt die Gegner vor sich her…”
Dummerweise war es nicht der böse Feind, der das Thema gesetzt hat, sondern der von der Neuköllner “Linken” eingeladene Rapper, der damit angefangen hat. Er hat den Knochen in die Arena geschmissen, auf den sich die feindlichen Medien und Parteien mit Begeisterung gestürzt haben. Über diese Art Veranstaltungsorganisation meiner eigenen Leute wäre ich auch verärgert.
Balhorn führt nun als Vorbild, wie es derzeit fast alle tun, den New Yorker Wahlsieger Zohran Mamdani an, der so vorbildlich “zu seiner Position” gestanden habe. Das ist typisch Berlin: der Provinzialismus vergleicht sich mit New York City. Sie merken gar nicht, wie das aussieht. Und wirkt. Berlin ist halb so gross wie der Ruhrpott. Das gilt insbesondere für seinen politischen Horizont. Und dummerweise auch für seine politischen Kräfte- und Medienmachtverhältnisse.
Mamdani hat wegen seiner Palästina-Position seine Wahl nicht verloren. Gewonnen hat er sie aber definitiv wegen seiner sozialpolitischen Pläne. Ob der von Balhorn ergänzend ins Feld geführte Monsieur Mélenchon, Freund und Vorbild Oskar Lafontaines, ein ähnlich gutes Beispiel ist, lasse ich jetzt lieber mal offen. Nach meinem Eindruck ist er in ähnlicher Weise ein Spaltpilz zugunsten der Rechten, wie ihn sich die Berliner und Neuköllner “Linken” nun in den Weg haben legen lassen. Wer allen Ernstes auf diese Weise in Neukölln den Nahostkonflikt entscheiden will, was soll die Welt über deren politische Intelligenz denken?
Das Agendasetting entscheidet. Wer es sich aus der Hand schlagen lässt, hat eine schwerwiegende Abwehrschwäche. Die Abwehr gewinnt keine Spiele, kann sie aber sehr wohl verlieren. Alte Fussballweisheit. Besonders schlimm wird es immer, wenn die eigenen Stürmer in der Abwehr dilettieren. Fussball – ein Teamsport. Gewinnen kann nur ein Team, in dem alle Spieler*innen mitziehen, und zwar in die gleiche Richtung.

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