Es könnte die Jugend unter 16 verderben – selten war das so bescheuert

Mal ein anderes Paris. Ein realistisches, weit weg von den immergleichen Klischees. Schauspieler*innen, die was von ihrem Handwerk verstehen – Lucie Zhang, Noémie Merlant, die auch schon Regie geführt hat, und Makita Samba – und oh Schreck, die sind ja nackt (sekundenweise, in einem Schwarz-Weiss-Film!) inkl. GVK, bzw. Versuchen dazu. Wie sollten Jugendliche das unverstört überleben?

Wo in Paris die Sonne aufgeht (Les Olympiades) – Émilie und ihr Mitbewohner Camille haben oft Sex, aber unterschiedliche Vorstellungen von ihrer Beziehung. Mit Nora beginnt Camille etwas Ernstes, doch Nora sucht die Nähe zu Amber.” 105 min. Verfügbar bis 28.9., zwischen 22 und 6 h.

Das Paris dieses Films liegt ausserhalb der Peripheríque, da wo die Normalverdiener*innen wohnen, und die Millionen, die viel weniger haben. Praktischerweise versuchen sich die Protagonist*inn*en des Films als Immobiliendealer*in, direkt an der Front heutiger Klassenkämpfe. Ich habe diese Gegend schon Ende der 70er gesehen. Optisch sehr beeindruckend und einschüchternd. Seitdem ist es nicht gemütlicher geworden, und entsprechend selten Location für Dreharbeiten.

Bei der Altersbeschränkungs-Begründung wird laut Wikipedia sogar positiv hervorgehoben: “der Film stelle positive Figuren in den Mittelpunkt und enthalte keine Gewaltszenen, jedoch mehrere Sexszenen, die teilweise recht intensiv inszeniert seien. Jugendliche ab 16 Jahren seien aufgrund ihres Entwicklungsstands problemlos fähig, diese Szenen überforderungsfrei zu verarbeiten und auch der vereinzelt gezeigte Drogenkonsum und die Verwendung sexualisierter Sprache könnten von Zuschauern dieser Altersgruppe kritisch hinterfragt werden”.

Wollen Sie etwa ihre Kinder “überfordern”? Fragen Sie die doch mal, wie es auf ihrem Schulhof zugeht … Davon kennt auch der 74-jährige Regisseur Jacques Audiard allenfalls die erwachsenenfreien Bruchteile. Die immerhin kommen seinem Film zugute. Ich habe schon lange nicht mehr so eine ansehbare Produktion über Liebe und Sex in der real existierenden Gegenwart gesehen.

Freilich; ich bin weder vom Fach, noch bewege ich mich in Schulen und anderen Ausbildungseinrichtungen, die von jungen Menschen dominiert sind. Für mich und meine Altersgenoss*inn*en dürfte es sich um Schonkost handeln, ein zarter Versuch mit vorsichtig dosierten Realitätsaromen. Ich habs genossen.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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