Interview mit Ana Santos über afro-brasilianische Territorialität in Rio de Janeiro
Im Complexo da Penha, einem Zusammenschluss von zehn Favelas im Norden Rio de Janeiros, hat die Afro-Brasilianerin Ana Santos eine kleine Oase geschaffen. In einem Gemeinschaftsgarten wachsen Lebensmittel aus agrarökologischer Produktion. Für Ana und ihre Mitstreiterinnen vom CEM ist städtische Landwirtschaft kein Hobby, sondern eine Form des Überlebens und der Selbstbestimmung: „Unsere Aufgabe ist es, in der Favela Ernährungssouveränität zu schaffen – mit einer Landwirtschaft, die über das bloße Anpflanzen hinausgeht. Es geht um den Aufbau von Beziehungen: Sie entstehen beim Nachmittagskaffee, in der Schule, beim einfachen Zuhören. Das wiederzubeleben ist sehr wichtig, denn es lehrt uns, dass wir unser Zuhause haben, dass wir unser Eigenes haben. Dieses Gebiet hier, unser Territorium, ist so einzigartig. Sobald man das Tor passiert, spürt man eine andere Luft, eine andere Atmosphäre. Die Erde, die pulsiert.“
Wie bist du hier hingekommen?
Als mein Vater ermordet wurde, zog meine Familie von Nilópolis aus der Baixada Fluminense nach Morro da Providência, einer Favela oberhalb der Hafenregion Rio de Janeiros, meine Mutter, eine Schwarze Frau, und ihre drei Kinder. Meine Familie hatte schon immer eine Berufung zur Landwirtschaft. Der Garten meiner Großmutter väterlicherseits war bepflanzt. Es gab also immer diese Verbindung zur Erde, aber nie eine, die mir eine sinnvolle Zukunft bot. Das änderte sich durch meine Arbeit hier, wo wir neben landwirtschaftlicher Produktion auch Bildungsprojekte realisieren für Frauen und Familien aus der Favela. Seit 15 Jahren bin ich nun in diesem Projekt aktiv. Bildung und Landwirtschaft stärken sich gegenseitig und sind Teil meines Lebens.
“Mütter, ohne selbst Kinder geboren zu haben … jeden Tag an einer Drogenhöhle vorbei”
Wie ist der Alltag der Menschen, vor allem der Frauen hier?
Die meisten Frauen arbeiten als Hausangestellte, Köchinnen, Servicekräfte, in Friseursalons oder im Sicherheitsdienst. Sie gehen jeden Tag sehr früh aus dem Haus. So übernehmen die ältesten Kinder Aufgaben der Eltern. Sie sind bereits Mütter, ohne selbst Kinder geboren zu haben. Dieser Alltag erfordert viel körperliche Kraft. Die Lebensqualität ist sehr gering, viele Menschen sterben mit 60 oder mit 55 Jahren. Wir haben nur selten Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen, hier gibt es keine Kanalisation, keine Wasserversorgung, keinen Strom. Wenn das Wasser ausfällt, müssen die Kinder unten im Gebäude einen Eimer holen und den Hügel hinaufsteigen. Arbeit ist also schon im Leben der Kinder sehr präsent.
Hinzu kommt ein erschwerender Faktor: Wo der Staat nicht hinkommt, ist der Drogenhandel aktiv, der in der Favela Ansehen genießt, da er letztendlich die Menschen und Familien auch unterstützt und sehr mächtig ist. Das betrifft alle Favelas in der Umgebung. Die alltägliche Gewalt, also dass man jeden Tag an einer Drogenhöhle vorbeikommt, an Gewehren, Schrotflinten und anderen Schusswaffen, die Normalisierung der Gewalt beeinflusst den Alltag der Frauen und ihrer Familien. Angesichts der häufigen Abwesenheit der berufstätigen Mutter ist es keine Seltenheit, dass Kinder in den Drogenhandel geraten.
Wie kam es zur Idee, urbane Landwirtschaft mitten in der Favela zu starten?
Tief in meinem Inneren hatte ich diese Frage, wie ich etwas tun könnte, das die Frauen stärkt. Warum muss sie sich ganz alleine um sie kümmern? Die Kinder brauchen Essen und Betreuung. Und sie haben ein Recht auf Freizeit.
Deshalb gründeten wir das CEM. Der Blick auf die Serra da Misericórdia war etwas, das uns allen gemeinsam war. Wenn man sein Territorium mit anderen Augen betrachtet, stellt man nicht nur fest, was fehlt, sondern auch wo man hinzugehört. Wenn man sich selbst und den Ort, an dem man sich befindet, wahrnimmt, möchte man etwas für ihn tun. So fingen wir an zu pflanzen. Das geht über das bloße Anpflanzen oder Landwirtschaft ohne Pestizide hinaus.
Biobanane 1,60 €
Agrarökologie trägt zur Eindämmung des Klimawandels bei. Sie bereichert unser Leben und eröffnet uns neue Perspektiven, gibt Souveränität. Sie ermöglicht mir den Zugang zu einer Bio-Banane, die auf dem Markt 10 Reais (etwa 1,60 Euro) kostet. Hier kann ich eine ganze Rispe pflücken und das Prinzip des Teilens leben. Wir beleben bestimmte Werte wieder: Tauschen und Solidarität. So erschaffen wir durch die Agrarökologie unsere Territorialität, unterstützen uns gegenseitig, generieren Einkommen, das nicht vom Drogenhandel abhängt, schaffen Arbeitsplätze, um unseren Ort zu erhalten, der uns schützt.
Inwieweit ist Agrarökologie für dich ein feministisches, afro-brasilianisches Konzept?
Die Landwirtschaft liegt in den Händen der Frauen. Ich habe ja schon vom Tauschhandel gesprochen: Bananen, Kräuter und anderes Obst werden weitergegeben. Für uns ist das feministische Ökonomie. Andere Frauen arbeiten mit den Erträgen aus unserem Garten weiter, stellen Tinkturen her, Mückenschutz aus Citronella, verwenden dafür Gartenkräuter und das Gemüse in ihren Küchen. Ich sage oft, dass es „Kampfküchen“ gibt, weil wir uns schon immer mit wenigen Zutaten großartige Gerichte zusammenstellen mussten.
Agrarökologie ermöglicht es, die Vielfalt auf unserem Teller, die Kochstrategien und das Gemeinschaftsgefühl zu verändern. Diese afro-brasilianische Seite der Frauen ist also stark in den Favelas vertreten und eng verbunden mit der Art und Weise, wie wir Heilkräuter, Lebensmittel und unsere Hinterhöfe nutzen.
Feministische Ökonomie
Wie hat sich die Arbeit mit den Frauen über die Jahre entwickelt?
Am Anfang ging es darum, die Frauen aus der Favela zusammenzubringen. Sich versammeln, zusammenkommen, miteinander reden. Über psychische Gesundheit sprechen, über Sexualität, über Gewalt. Durch den Garten und das Anpflanzen und den gemeinsamen Austausch kamen weitere Themen dazu: Ernährung und Bildung. Anfangs ging es vor allem darum, die Belange der Frauen zu thematisieren. Inzwischen sind auch ihre Kinder involviert.
Es gibt den wöchentlichen Frauenkreis, der im Dialog mit dem staatlichen Gesundheitssystem steht. Wir machen Workshops, etwa wie Einkommen generiert werden kann, aber auch wie Einkommen für das Gemeinwohl erwirtschaftet und verteilt werden kann. Viele Mütter sind Erzieherinnen, geben Koch- und Gartenkurse, helfen bei den Ausflügen, kümmern sich um den landwirtschaftlichen Anbau, der auch die Tiere einbezieht, und um die Wiederaufforstung des Geländes, um die Produktion von Nahrungsmitteln. Jedes Jahr kommen neue Schwerpunkte hinzu. So wollen sie zum Beispiel in ein indigenes Dorf fahren und sich dort zu Gesundheit, Umweltschutz und Lebensmittelproduktion austauschen. Wir sprechen über Feminismus, Rassismus, Sexualität und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung.
“Der Garten ist ein emotionaler Raum”
Steht ihr im Austausch mit weiteren Initiativen?
Einmal im Monat findet unser „Café com Política“ statt, dort gibt es Austausch mit anderen Kollektiven. Wir sind Teil der UNE und gehören zur Parlamentarischen Fraktion für Ernährungssouveränität. Zurzeit arbeiten wir daran, den Begriff des „kollektiven Territoriums“ zu entwickeln, angelehnt an die Vorstellung der Landlosenbewegung MST zu den Themen Stadterneuerung und Agrarreform, die Land zum Anbauen und Land zum Wohnen garantiert. Dabei ist die Frage „Wozu pflanzen?“ zentral. Der Garten gehört ganz und gar zu uns. Der Garten ist der Ort, an dem man betet, im Garten trifft man sich, unterhält sich. Im Garten habe ich Unterricht gegeben, im Garten kocht man, schließlich haben viele Leute dort einen Herd. Der Garten ist ein emotionaler Raum. Ausgehend von dieser emotionalen Seite arbeiten wir an eher politischen Themen.
Vor kurzem kam Marina vom MST, inzwischen Abgeordnete, hierhin. Sie sagte „Hier ist ein Gebiet der Agrarreform. Ihr betreibt keine Landwirtschaft, ihr treibt die Agrarreform in der Favela voran.“ Auf unserem Gelände wachsen inzwischen 60 Bäume, dazu die Kräuterpflanzen und der Gemüsegarten. Außerdem können wir dank der MST eine Ausbildung absolvieren und über die Zukunft nachdenken. Dieses Leben basiert auf unserem Widerstand innerhalb der Favela. Wir wollen eine andere Mentalität der städtischen Landwirtschaft entwickeln. Wenn wir hier von städtischer Landwirtschaft sprechen, sagen die Leute: „Ach, ich pflanze in einem Topf, ich pflanze in meiner Wohnung, ich pflanze ganz normal.“ Ich finde, alles ist legitim. Aber die städtische Landwirtschaft, von der ich spreche, ist die gemeinsame Verteidigung des Territoriums und des Lebens.
Überarbeitung: Constanze Lemmerich (maiz brasil/treemedia e.V). Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 498 Sept. 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Zwischenüberschriften und Links wurden nachträglich eingefügt.

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