Der real existierende Kapitalismus versorgt uns nicht
Schulterzuckend heult die Kommunalpolitik, weil wieder ein Edeka schliesst. Das war mindestens so absehbar, wie die kaputte Nordbrücke oder die kaputten Stadtbahnen. Den einstigen Edeka-Lange kenne ich seit ich Bonner bin, seit 50 Jahren. Als ich studierte, residierte er noch am Friedensplatz und war berühmt für sein exquisites Whisky-Sortiment. Später zog er nach Beuel in das ehemalige Vorstadtkino, in dem sich jetzt der Bioladen Momo befindet. Von dort zog er weiter in die Jahnstrasse.
Einer seiner Stammkunden war der erste grüne Bezirksbürgermeister und Ex-Kommunist Werner Rambow, der seine Wahlsiege u.a. dadurch einfuhr, dass er sich für den Erhalt dieses Nahversorgers einsetzte. Als Familie Lange jedoch wg. Fachkräftemangels die Fleisch-, Wurst- und Käsetheke schliessen musste, war klar, dass es nicht mehr lange so weitergehen konnte. Bachem übernahm, renovierte innen aufwändig, konnte den früheren Lange-Standard aber nicht halten oder gar wiederherstellen. Mich zogen nur noch der „Illy“-Espresso und das Niederegger-Marzipan-Regal an, sowie der kurze Weg fürs sperrig verpackte Klopapier.
Diese Schliessung kündigte sich also ökonomisch schon lange an. Die Krokodilstränen von Kommunalpolitikern in der GA-Paywall können nicht wirklich ernstgenommen werden. Die kapitalistische Monopolisierung des Einzelhandels macht vor Schwarzrheindorf nicht halt. Die verbliebenen Einzelhandelsmonopole ruinieren die Landwirtschaft und die Stadtteile mit ihren mächtigen „terms of trade“. Die Landwirtschaft wird zur Industrialisierung (Massentierhaltung, Gentechnik, Pestizide etc.) erpresst, die Beschäftigten in den Läden erhalten kaum mehr als den gesetzlichen Mindestlohn und werden bis zur Unterkante Oberlippe stressbelastet (auch von der Kundschaft). Bei den Niedrigpreisen ist Profit nur noch über Masse zu realisieren. Dafür war der Edeka in der Jahnstrasse schon lange zu klein.
Inhabergeführter Einzelhandel ist im real existierenden Kapitalismus nicht mehr möglich. Ausnahme: wenn die Kostenblöcke Personal, Miete, Energie von Zauberhand verschwinden oder wenigstens gedrückt werden können, z.B. durch (Selbst-)Ausbeutung von Familienangehörigen und/oder eigenen Immobilienbesitz. Hier kommt nun „Yazid“ ins Spiel.
„Hubert ohne Staller“ im nichtexistenten Wolfratshausen
Der Deppenkrimi „Hubert und/ohne Staller“ geht in der ARD in diesen Wochen in seine 14. Staffel und die 200. Folge. Mein Freund*inn*enkreis reagiert mehrheitlich verständnislos, wenn ich seinen Anblick empfehle. Die betagten Christian Tramitz und Michael Brandner, beide mittlerweile über die 70 hinaus, wären in der Story ohne den allgegenwärtigen „Yazid“, dargestellt von Hannes Ringlstetter, längst aufgeschmissen. Yazids Geschäft heisst „Ich mach alles“.
Zu Beginn der Serie 2011 betrieb Yazid eine Pommes- und Dönerbude an einer landwirtschaftlichen Wegekreuzung. Wie in anderen Krimis in Köln oder Wien auch, diskutierten die Bullen dort ihre Ermittlungsstrategien und liessen beim Wirt anschreiben. Yazid expandierte später in eine Gewerbehalle, wohnte dort und empfing seine kurzlebigen Damenbekanntschaften, reparierte den überalterten Streifenwagen (Audi), sorgte für Druckerpapiernachschub, reparierte den Feuermelder in der Polizeiwache, und übernahm letztendlich auch die zum Tante-Emma-Laden ausgebaute „Bäckerei Rattlinger“, die zuvor von Karin C. Tietze und später von Monika Gruber betrieben worden war.
Das, was dieser Yazid im angeblichen Wolfratshausen – ungefähr so klein wie Schwarzrheindorf – macht, das sollte in die Vebowag-eigene leerstehende Apotheke einziehen. Da wir in Beuel keinen Yazid verfügbar haben, täte es auch ein Verein oder eine gemeinnützige GmbH. Auch eine soziokulturelle Tages-Zweigstelle der Brotfabrik wäre denkbar. Der Grundsatz „Ich mach alles“ ist der Entscheidende. Im Monopolkapitalismus mit Digitalzwang von Edeka, dm und Amazon, dem Mord an Einzelhandel, Gastronomie und Handwerk, werden alle Dienstleistungen entmenschlicht. Das ist weder sozial noch altersgerecht.
Jetzt rächt sich die Geringschätzung menschlicher Arbeit, auch der Bau von Mauern bis an die Bordsteinkante. Hätte die Vebowag 1999 an der Rheindorfer Strasse einen grosszügigen Arkadengang bauen lassen, liessen sich belebendere Nutzungen denken.
Theoretisch denkbar wäre eine von Stadt, Vebowag und Stadtwerken (Bushaltestelle vor der Tür) gemeinsam geförderte Kooperation, in die die überlebenden Läden (Blumen, „Rheindorfer Seele“, Revitalis, Beueler Pflegeteam, LeA und Tentenhaus) einbezogen werden können. Und was ist mit der gegenwärtig aufwändig denkmalsgerecht sanierenden „Wolfsburg“? Nehmt die Brotfabrik noch dazu, und macht dort eine von „Yazid“ betriebene Kombination von Bude/Trinkhalle/Tante Emma/Lotto/Schreibwaren/Apotheke und alles, was frau*mann sonst noch braucht.
„Politik ist die Kunst der Kommunikation.“ (zit. Marina Gross).

Ja, die Läden in denen Mensch noch miteinander kommunizieren können, anstatt nur zu konsumieren, sterben bei euch wie in Berlin. Auch deswegen plant die Linke in Berlin die Unterstützung von Kiezläden. Klar geht gerade auch unter in den Medien: Berlin muß ja vor den „Clans“ gerettet werden. Laut Polizei erwirtschaften alle mafiösen Banden in Berlin, darunter fallen auch kriminelle Clans, 59 Millionen Euro im Jahr. Die Berliner Wirtschaft 218 Milliarden Euro. Unser neuer Flughafen hatte Mehrkosten von 5 Milliarden – liebe Grüße nach Stuttgart (21), dort ist man schon bei 12 Milliarden Euro. Eine Milliarde sind 1000 Millionen, nur zur Erinnerung.
Natürlich hat Berlin viele Probleme. Beinahe die Hälfte der Berliner Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund: Davon viele einen nationalen. Das war auch am Freitag Abend auf der critical mass zu sehen. Einige Teilnehmer steckten in felligen Steinbockkostümen, eine Tradition aus der Süddeutschen Klettergemeinde. Da mussten auch die wartenden Autofahrer grinsen. Etliche große Musikboxen und zwei Nebelwerfer, Bier und Joints rundeten die gute Laune ab. Und an die Nörgler: Mehr als die Hälfte aller Teilnehmer hat mittlerweile funktionierendes Licht an den Fahrrädern!
Am Samstag traf ich dann beim Angeln an der Spree einen Clanchef. Wir quatschten übers Fische fangen, während „seine Jungs und Mädels“ unter der nahe Brücke hausten und kochten. Nicht alle 10.000 Clanmitglieder, die ein Kollege auf dem Extradienst erwähnte, sind wirtschaftlich so erfolgreich wie die Abbu Chakers.
Am Sonntag sprach ich dann mit meinen jüngeren Gartennachbarinnen – alle aus „Wesiland“ geflüchtet und alle im sozialen Bereich tätig. Sie machten nochmal deutlich wie wichtig eine neuer „linker“ Senat auch für sie wäre, denn unter dem CDU geführten Senat wurde auch im Bereich der sozialen Arbeit wieder schwer gekürzt. Ich glaube bis heute haben nicht viele verstanden, warum sich die Fans in den Kurven so verändert haben. Es begann Ende der 1981 mit dem ersten Fanprojekt in Bremen. Natürlich bekehrten die nicht ihr Hools von „Standarte, so wie die Sozialarbeiter später in Dortmund nicht die „Borussenfrontler“: Aber ihnen wurde der Nachwuchs entzogen, weil den Fans endlich Angebote gemacht wurden, sich selber kreativ einzubringen. Wie gut das nur mit Strafe und Polizei funktionieren würde, war in Berlin zu sehen: Ende der 90er-Jahre wechselten viele Hools wegen der hohen Strafen bei ihrem „Hobby“ in die organisierte Kriminalität, wie zu den Hells Angels. Genau: Problempersonen ausgelagert und das Problem für die Gemeinschaft noch verstärkt.
Was das „Hamas-Problem“ der Linkspartei und ihrer Mitlieder angeht: Das konnte ich auf der Gaza-Demo der Linkspartei im September 2025 auch mengenmäßig genau betrachten. Von den etwa 100.000 Demonstranten, waren etwa 1000 dem extremen Spektrum anzurechnen, der überwiegende Rest war jung, bunt, friedlich.
Lieber Martin ich bin schwer beindruckt, wie gut du in vielen Beiträgen, die aktuelle Lage in Berlin aus der Ferne darstellst und mich nebenbei informierst, das es woanders in vielen Bereichen (natürlich) ähnlich aussieht.!
Nach meiner Erinnerung war das erste Fanprojekt in Frankfurt, mitgegründet von meinem verstorbenen Freund und Autor Dieter Bott.
https://extradienst.net/author/dieter-bott-gastautor/
https://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Bott
Aber ist nicht wichtig. Ich habs selbst erst viel später bemerkt. Vielleicht weiss Detlef zum Winkel es besser?
Ja, vielleicht weiß Detlef zum Winkel da mehr, denn nach meinen Informationen wurde das Projekt in Bremen schon in den 70er-Jahren an der dortigen Uni geplant. Jedenfalls habe ich das in vielen Städten verfolgen können, was für Pionierarbeit diese tollen Pädagogen unter harten Bedingungen geleistet haben.