(Arte hat einen überaus preisbehängten queeren französischen Film im Nachtprogramm versenkt und mit angeblichem Jugendschutz und Altersbeschränkungen verrammelt: “Misericordia – Jérémie kehrt zur Beerdigung seines ehemaligen Arbeitgebers in ein abgelegenes Dorf zurück. Dessen Witwe nimmt ihn bei sich auf. Ihr Sohn Vincent glaubt, Jérémie wolle die Trauer seiner Mutter ausnutzen, um sich bei ihr einzuquartieren. Alain Guiraudies Psychothriller erzählt von Begehren, Eifersucht und einer Schuld, die ein Dorf vor eine ungewöhnliche moralische Prüfung stellt.” 99 min. Verfügbar bis 12.11.
Das klingt ernster, als es erfreulicherweise inszeniert ist. Einen guten Eindruck von dem Werk vermittelt der Wikipedia-Eintrag, dessen Bewertungen ich als Zuschauer bestätige.
Eine Schlüsselszene spielt sich in einem Beichtstuhl ab. Hier ereignet sich der geistreichste der mit mancherlei Hinterlistigkeit gefüllten Dialoge. Für denkende und geistig wache Zuschauer*innen ein grosses Vergnügen. Mich erinnerte diese Szene an die legendäre deutsche TV-Serie “Kir Royal” von Helmut Dietl, aus der sich der Bayrische Rundfunk während ihrer ARD-Erstausstrahlung in den 80er Jahren ausgeschaltet hatte. Und die anderen schein-mutigen ARD-Anstalten haben dennoch diese Beichtstuhlszene rausgeschnitten. Das immerhin hat Arte nicht getan. Ich habs mir aufgezeichnet und tagsüber bewundert.
Wieder verfügbar: “Trockenzeit”
Vor einigen Monaten habe ich die kurze Verfügbarkeit von “Trockenzeit” (Tschechien, Slowakei 2024) bedauert. Ist jetzt erneut bis 15.11. verfügbar.
In beiden Fällen gilt: die ernsten Motive der Macher*innen werden unterhaltsam und belustigend umgesetzt. Nichts ist zu schwer, aber auch nicht leer. Kunst eben.
“Sprechende Schweine”
Wenn Ihnen “Trockenzeit” gefallen hat, dann gefällt Ihnen vielleicht auch das:
“Sprechende Schweine – KI übersetzt Tiersprache – In diesem bahnbrechenden Dokumentarfilm können Schweine erstmals ihre Gefühle mitteilen. Durch ein wissenschaftlich fundiertes ‘Google Translate’ für Schweinegrunzen erfahren wir, wie Schweine sich in der modernen Landwirtschaft fühlen. Eine spannende Entdeckungsreise in die Welt dieser klugen Nutztiere in verschiedenen Haltungsformen – Freiland, Bio und konventionelle Mast. Und wir lernen ein besonderes Schwein kennen: ‘Rosalie’, die als Ferkel aus der Mast floh, fast dabei umkam und nun Instagram-Star ist. Ein Film über Tierwohl, Nachhaltigkeit und über unsere Verantwortung als Verbraucher.” 74 min. Verfügbar 1 Jahr.
Das war noch tiefer nachts versenkt im SWR-Dritten, als die vorgenannten Tipps. Der grössere Teil des Films behandelt die entsprechende Software-Entwicklung. Seiner Dramaturgie tut das nicht gut, sondern verlängert ihn über normale menschliche Aufmerksamkeitsspannen unserer gesellschaftlichen Gegenwart hinaus. Wer sich nur schweineorientiert für die Ergebnisse interessiert, wird in der letzten Viertelstunde bedient. Spoiler: entscheidender für das Wohlbefinden von Schweinen als die Haltungsform (konventionell vs. Bio) ist die soziale Bindung zu Mitschweinen und Mitmenschen. Das Schwein als solches ist in dieser Hinsicht intelligenter und sensibler als Hund oder Katze.
Ich gestehe offen: wenn mich die Bäuerin so liebevoll aufnähme, die “Rosalie” aufgezogen hat, da würde ich auch gerne einziehen 😉 . Freilich: “Rosalie” wird mutmasslich nie gegessen. Das wäre mir auch lieber. Wer wäre schon gerne “Howard” aus Monty Python’s “The Meaning Of Life”?

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