Beueler-Extradienst

Meldungen und Meinungen aus Beuel und der Welt

Autor: Roland Appel (Seite 47 von 50)

Die Erde ist keine Scheibe!

Vor der Sommerpause hat der Bundestag die seit Jahren von Menschenrechtlern geforderte und längst überfällige Resolution zu den Massakern der Türkei in Armenien beschlossen. Die Bundesregierung hat sich heute mehr oder weniger von dieser Resolution distanziert. Natürlich gewährt das Grundgesetz den Verfassungsorgane in einer Art Spielraum oder Arbeitsteilung. Das hat die Regierung Brandt/Scheel zum Beispiel bei den “Ostverträgen” 1972 genutzt und es trifft zu, dass Resolutionen des Bundestages die Bundesregierung rechtlich nicht binden. Aber das heißt nicht, dass die Regierung “hü” sagen kann, wenn das Parlament “hott” beschlossen hat. Denn diese Regierung kann zwar Parlamentsbeschüsse in ihrer Lesart vermitteln und interpretieren – gerade gegenüber problematischen Staaten.

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Finanzindustrie spielt wieder Monopoly

Im “Handelsblatt” konnte man lesen, dass es beim derzeitigen Kongress der sogenannten “Finanzindustrie” im Bankenviertel von Frankfurt unter anderem Gedankenspiele über eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank gegeben habe, die aber derzeit nicht weiter verfolgt würden. Wie kommt es zu solchen Gerüchten und wo könnte ihr wahrer Kern liegen? Weiterlesen

Die Erde ist keine Scheibe!

Vor der Sommerpause hat der Bundestag die seit Jahren von Menschenrechtlern geforderte und längst überfällige Resolution zu den Massakern der Türkei in Armenien beschlossen. Die Bundesregierung hat sich heute mehr oder weniger von dieser Resolution distanziert. Natürlich gewährt das Grundgesetz den Verfassungsorgane in einer Art Spielraum oder Arbeitsteilung. Das hat die Regierung Brandt/Scheel zum Beispiel bei den “Ostverträgen” 1972 genutzt und es trifft zu, dass Resolutionen des Bundestages die Bundesregierung rechtlich nicht binden. Aber das heißt nicht, dass die Regierung “hü” sagen kann, wenn das Parlament “hott” beschlossen hat. Denn diese Regierung kann zwar Parlamentsbeschüsse in ihrer Lesart vermitteln und interpretieren – gerade gegenüber problematischen Staaten. Was aber undenkbar ist, ist die Distanzierung von einem einstimmigen Bundestagsbeschluss durch eine Bundesregierung, die sich auf dieses Parlament und seine Mehrheit stützt.

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Gesetze gegen Vollverscheierung?

Das fragwürdige Vorgehen der Französischen Polizei gegen Trägerinnen des “Burkini” hat die Diskussion um Verbote und Reglementierung bestimmter Kleidungsstücke erneut angefacht. Die Debatte um ein Burka-Verbot ist die falsche Debatte. Sie ist typisch für ein Klima der Einschränkung von Freiheit und Grundrechten im Zuge der allgemeinen Terrorhysterie, die seltsamsten Blüten treibt. Die Betreiber des Sicherheitsstaates und der Überwachungtechnologie meinen, sie hätten Oberwasser. Eine Strafverschärfung jagt seit 2001 die nächste. Immer neue Verbote, Datenspeicherungen und Aufrüstungen des Sicherheitsapparats gehen an der Kernfrage vorbei: Wieviel uns Aufklärung und Freiheit wert sind und wann wir endlich die Diskussion über Ursachen des Terrorismus und über gelebte Integration, Gleichheit und Gleichberechtigung der Geschlechter beginnen, offensiv zu führen – Religionen übergreifend.

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Spekulatius Islamistikus

Recep Tayyip Erdogan – nennen wir ihn der Einfachheit halber “RecTa” ist ein armer Mann. Nicht nur, dass er im Schweiße seines Angesichts so viel arbeitet, wie niemand sonst, wie das deutsch-türkische Soap-TV-Sternchen Wilma Elles behauptet, die die vielen Verhaftungen in der Türkei für human hält, weil die Gefangenen in der Türkei halt so die Gesellschaft lieben. RecTa muss sich nun auch noch gefallen lassen, dass die Bundeskanzlerin auf die kleine Anfrage einer linken Kurdin im Deutschen Bundestag ihm einmal zeigt, welche Folterwerkzeuge für ihn bereit liegen, wenn er politisch so weiter macht.

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20 Jahre Smartphone: Vom Telefon zur Datenfalle

Als das neue “Communicator” Telefon eines finnischen Herstellers in Europa 1996 auf den Markt kam, vereinte es Telefonieren mit den Funktionen eines PC. Diese Erfindung hat in viel kürzerer Zeit als etwa das Automobil unsere Lebenswirklichkeit verändert. Vergingen von der Erfindung der Benzinkutsche bis zum Bau der ersten Autobahn zwischen Köln und Bonn1926 vierzig Jahre, dauerte es noch einmal so lange, bis die Bundesrepublik von einem System von Autobahnen durchzogen wurde. Auf Datenautobahnen fand in den letzten 20 Jahren weltweit eine digitale Revolution statt, die die Wirklichkeit und die Ökonomie drastisch verändert hat und täglich weiter verändert. Gesetze und das Bildungssystem hinken dieser Entwicklung um Jahre hinterher. Die Politik hat es versäumt, durch klare Gesetze und Vorgaben die informationelle Selbstbestimmung gegen internationale Datenkartelle zu schützen.  

Anlass genug, einmal zu überlegen, ob wir wirklich wissen, was sich seither für alle, die ein solches Gerät nutzen und auch die, die es nicht nutzen, verändert hat. Wir wollten besser telefonieren und erreichbar sein. Wir wollten von unterwegs schneller Nachrichten empfangen und unsere Geschäfte erledigen, unsere Lieben erreichen oder auch studieren oder shoppen können. Wir können dies alles heute und vieles andere mehr. Aber wir bezahlen wir dafür nicht nur an unsere Kommunikationsanbieter wie Telekom und Vodafone, an Hardwarehersteller wie Apple, Sony oder Huawei. Wir bezahlen oft unbemerkt an sogenannte “Diensteanbieter” in Gestalt von Datenkraken wie Google, Facebook, Whatsapp oder Twitter. Wir sind gläsern, überwacht und viele von uns sind jederzeit zu orten. Über uns existieren Bewegungsprofile, Konsumentenprofile, Gewohnheitsbilder. Facebook, Google und Co kennen unsere Vorlieben, Hobbies, politischen Einstellungen, können unser Bildungsniveau einordnen und kennen unsere Kaufkraft sehr genau.

Suchmaschinen und Apps können an der IP-Adresse erkennen, ob wir ein hochwertiges Apple-Smartphone, ein billiges Huawei- Gerät oder einen einfachen PC benutzen. Entsprechend bekommen wir von Portalen wie “Billiger.de” oder auch von einzelnen Internet-Geschäften für die selben Waren unterschiedliche Preise angeboten. Da kann derselbe Laserdrucker beim gleichen Anbieter vom PC aus gefunden schon mal 100 € günstiger sein, als vom iPhone 6 aus, dessen Besitzer als solvent und jedem neuen Trend gegenüber aufgeschlossen gelten. Was unsere Geräte sonst noch so über uns verraten, wenn wir im Internet sind, wissen die wenigsten Konsumenten. So ist es inzwischen üblich, dass während des Besuchs auf einer Homepage, die etwa Unterhaltungselektronik verkauft, bereits von dem Moment an, in dem wir einen Artikel in den Warenkorb legen und mit dem Eintippen des Namens beginnen, im Hintergrund ein elektronisches “Scoring” in Gang gesetzt wird, das mit entsprechenden Datenquellen vernetzt ist, die Aussagen über Bonität und Zahlverhalten des Kunden enthalten. So kann es sein, dass diesem bestimmte Zahlarten wie Rechnungskauf oder Nachnahme eingeschränkt oder gar nicht angeboten werden.

Unbemerkten Datensammlungen ist es auch zu verdanken, dass zwei Personen, die gleichzeitig den gleichen Begriff in die Suchmaschine Google von unterschiedlichen Geräten aus eingeben, nicht die gleichen Ergebnisse erhalten. Das Geschäftsmodell von Google ist die Sammlung und Auswertung der Nutzerdaten der Suchmaschine, aber auch das Scannen der Inhalte von Google Mail auf Schlüsselwörter, die Aussagen über Vorlieben und Interessen der ausgespähten Kunden erlauben. “Wir wissen wo Sie sind, wir wissen wo Sie waren – wir können mehr oder weniger wissen, was Sie denken…” so Eric Schmidt, CEO von Google im Oktober 2010. Google-Nutzer, die sich nicht schützen, sind gläserne Konsumenten. Und dies, obwohl das deutsche Datenschutzrecht und die neue Europäische Datenschutz-Grundverordnung derartige Datensammlungen verbieten oder zumindest zustimmungspflichtig machen. Nur ein winziger Bruchteil der Nutzer macht sich darüber Gedanken, dass Google alle ihre Verhaltensdaten inklusive des örtlichen Aufenthalts speichert und auswertet. Nach Kriterien, die intransparent sind und in USA keiner öffentlichen Kontrolle durch Datenschutzbehörden unterliegen. Seit den Enthüllungen Edward Snowdens ist auch die Kooperation mit dem Geheimdienst NSA bekannt, ohne dass dies zu merkbar mehr Sensibilität der Nutzer geführt hätte. Dabei gibt es dafür einfache Möglichkeiten, die Installation des kostenlosen Browsers “Startpage” von Ixquick, etwa, der die IP-Adresse nicht weitergibt oder die Suchmaschine Duck Duck Go.

Ähnliche Erfahrungen werden mit “Whatsapp” berichtet. Diese Anwendung erlaubt angeblich kostenlosen Nachrichtenversand über Systeme und Netze hinweg und zwischen Apple-IOS Mobiles und solchen mit Android -Betriebssystem – also nicht viel anderes als normale SMS. Allerdings werden je nachdem, wie offenherzig und naiv Nutzer mit ihren Datenschutzeinstellungen umgehen, auch weitere Informationen über andere Whatsapp – Nutzer angezeigt. Für die Einrichtung von Whatsapp müssen Nutzerinnen und Nutzer mit ihren gesamten Adressdaten und -telefonnummern bezahlen. Diese werden auf US- Servern gespeichert. Wie lange, ist unbekannt. Rechte der Betroffenen auf Korrektur, Löschung, Widerspruch laufen ins Leere. Die Adressbücher aller Nutzer werden miteinander abgeglichen, um jedem eine “Favoritenliste” mit allen Kontakten zu übermitteln, die ebenfalls Whatsapp ihre Daten geschenkt haben, um damit immer mehr Menschen auf den Server zu locken.

WhatsApp lässt sich von seinen Nutzern bei der Installation weitreichende Befugnisse einräumen. So den Zugriff auf Mikrofon, die Fotos und Standortdaten des Smartphones und überträgt auch diese Informationen auf ihre Server, wie niederländische Behörden nachgewiesen haben. Dadurch trägt der Nutzer jedes WhatsApp-Handy automatisch eine potentielle Wanze mit sich herum, ohne zu wissen, wann genau welche Daten zu welchen Zwecken erhoben, übermittelt und wie lange sie gespeichert werden. Die Datenübertragung erfolgte jahrelang unverschlüsselt, seit April 2016 soll es angeblich eine wirkungsvolle Verschlüsselung geben, allerdings nur, wenn alle am Chat beteiligten über die aktuelle Softwareversion verfügen. Da es sich bei WhatsApp um einen amerikanischen Dienstleister handelt, muss dieser gemäß dem US Patriot Act Hintertüren für die US-Geheimdienste bereithalten. Außerdem haben Forscher nachgewiesen, dass Whatsapp sogenannte Metadaten d.h. Informationen über Gesprächsdauer, Standort, Zeitpunkt, IP-Adressen, Gerätetyp und Verbindungsdaten sammelt, aus denen Nutzerprofile erstellt werden können.

Diese Informationen sind nicht etwa geheim, sie sind öffentlich zugänglich und können zum Beispiel auf den Homepages der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder nachgelesen werden. Wie naiv jedoch manche Nutzer solchen Techniken gegenüber stehen, musste kürzlich eine Familie in Nordrhein-Westfalen schmerzlich vor Gericht erfahren: Sie hatten einen Mann angezeigt, der ihre 12-jährige Tochter über Whatsapp mit Nachrichten belästigt hat. Anstatt mit einer schnellen Verurteilung des Beschuldigten mussten sich die Eltern zunächst mit der Feststellung des Richters auseinandersetzen, dass ihre Kinder Whatsapp vertragswidrig nutzten, da der Dienst ausdrücklich darauf hinweist, dass er nur von Personen mit Mindestalter 16 benutzt werden darf und dass sie mit ihrer Erlaubnis, Whatsapp zu nutzen, gegen die elterlichen Sorgfaltspflichten verstoßen hatten. So skurril der Fall anmutet, macht er doch deutlich, dass viele Eltern vom Handy-Zeitalter überrollt wurden und trotz Aufklärungsspots, wie sie etwa “Clicksafe” seit Jahren schaltet, nicht über die mindeste Medienkompetenz verfügen – worin sie allerdings den meisten Lehrern in nichts nachstehen.

So glaubt die Mehrzahl der Lehrerinnen und Lehrer, dass ihre Schüler übers Internet und IT mehr wüssten, weil ihnen die IT-Industrie das Märchen von den “digital Natives” – den ins Internetzeitalter geborenen – aufgeschwatzt hat. Wissenschaftliche Untersuchungen wie die ICILS- Studie oder PISA beweisen das Gegenteil: Die Mehrzahl der Jugendlichen kann zwar im Internet surfen, Spiele daddeln oder auch Filme hochladen und Gleichaltrige ärgern: Wenn es jedoch darum geht, in der Textverarbeitung Fußnoten zu setzen oder einen Serienbrief zu schreiben, die Parameter von Tabellenkalkulationen einzustellen oder gar einfache Datenbanken zu bedienen, droht ein Desaster. Kenntnisse über Datenschutz oder Datensicherheit sind das klassische Spielfeld weniger “Freaks”.

Probleme mit dem Verhalten und dem Alter seiner Nutzer hat auch “Facebook”, denn im “Social Engineering” ist die Datenkrake Facebook meisterhaft. Als „Social Engineering“ wird der Versuch bezeichnet, Menschen mittels Vertraulichkeiten und Bruchstücken persönlicher Informationen über sie und ihr Umfeld – man ist ja von „Freunden“ umgeben – in eine Stimmung zu versetzen, aufgrund derer es gelingt, unter Ausnutzung von Arglosigkeit Informationen zu erschleichen. Facebook hat damit den systematischen, psychologisch ausgefeilten Datendiebstahl zum Geschäftsmodell erkoren und ist damit weltweit erfolgreich. So wird verständlich, wie es dazu kommt, dass so viele, der eigentlich sonst ganz vernünftigen Facebook- Nutzer allein in Deutschland ihre persönlichen Daten auf Facebook preisgeben. Denn gerade Facebook hat es zur Perfektion getrieben, nicht nur Daten über seine Kunden zu sammeln, sondern erhöht den Reiz und Spielwert dadurch, dass neben den „Freundschaften“, die gesammelt werden, auf der Pinnwand jede Menge Kommunikation stattfindet, die Auskunft über Interessen, Weltanschauungen, politische Meinungen und Vorlieben des Nutzers gibt. Solche Informationen sind praktisch nicht rückholbar.

Darüber hinaus wird sein oder ihr Verhalten in Foren, Spielen und Tests aufgezeichnet und kann danach ausgewertet werden, wie leicht oder schwer er oder sie zu manipulieren ist und auf welche digitalen Schlüsselreize entsprechende Reaktionen erfolgen. Pikant, dass Facebook-Milliardär Marc Zuckerberg vor einiger Zeit forderte, soziale Netzwerke in USA künftig auch für Kinder unter13 zu öffnen, was der Children‘s Online Privacy Protection Act (COPPA) US-amerikanischen Unternehmen bisher verbietet. Allerdings sind nach einer Untersuchung des „Consumer Reports Magazine“ 2011 bereits 5 Millionen Kinder unter 10 Jahren in USA Mitglied bei Facebook, zumeist ohne Wissen der Eltern. Interessant auch, dass es bei uns keine entsprechenden Gesetze gibt, die etwa die Verarbeitung von personenbezogenen Daten von Kindern und Jugendlichen grundsätzlich verbieten. Vielleicht hat das damit zu tun, dass Facebook allein über 50 Lobbyisten und Agenturen beschäftigt hat, um die Beratungen des Europäischen Parlaments und der EU-Kommission über die EU-Datenschutz-Grundverordnung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Der Spielfilm “Democracy” zeigt beispielhaft und dokumentiert, wie Datenkonzerne versuchen, Politik und Bürgerrechte in den Griff zu bekommen. Denn Daten sind das Kapital der Gegenwart und Zukunft. Lebte Marx heute, würde er nicht über “das Kapital”, sondern “die Information” und die Profitmaximierung der Oligopole durch massenweise Aneignung, Akkumulation und Analyse von Daten schreiben.

Ja, der mobile Computer Smartphone hat unser soziales Leben tiefgreifend verändert. Auf Abo-Fallen hereinzufallen oder durch die Berührung von Apps Käufe zu tätigen, die man nicht wollte, ist inzwischen durch den Gesetzgeber teilweise unterbunden worden. Aber wirkungsvolle Gesetze, die illegale Geschäftspraktiken unterbinden können, gibt es bisher nicht. Nicht alles, was Menschen, die in Bussen und Bahnen, an Haltestellen, auf dem Weg von oder zur Schule und Ausbildung, immer häufiger aber auch am Steuer von Autos mit Smartphones machen, ist sinnvoll und notwendig – muss es auch nicht. Vorteile, wie die Verfügbarkeit von Nachrichten rund um die Uhr oder der Zugriff auf Nachschlagewerke und Datenbanken sind ein Fortschritt, der mindestens so sinnhaltig ist, wie der erste Schritt von Neil Armstrong auf dem Mond.

Aber da gibt es die “dunkle Seite”: Mobbing, Cyberstalking und andere Übergriffe, denen vor allem Jugendliche durch Handys und Smartphones ausgesetzt sind. Wenn eifersüchtige Partner ihr Gegenüber über die “Freunde” Funktion des Smartphone bei jeder Bewegung beobachten und überwachen können, wenn Kinder nicht mehr lernen, Karten zu lesen, weil es Navigationscomputer gibt, wenn “Google Earth” Gegenstände von 5 cm Größe in Nachbars Garten zeigt und wenn niemand im Zug, im Wartezimmer oder an der Haltestelle mehr wagt, Gespräche anzufangen und Menschen kennen zu lernen, weil alle auf ihr Smartphone starren, ist das vielleicht nur skurril. Wenn hunderttausende Flüchtlinge praktisch in Echtzeit Informationen über Fluchtrouten, Möglichkeiten der Aufnahme und Ablehnung über Smartphones austauschen, ist das legitim, zeigt aber auch, was Mobilität im wahrsten Sinne des Wortes auch bedeuten kann. Dass staatliche Instrumente zur Personaldatenaufnahme von Flüchtlingen dagegen noch nicht im Informationszeitalter angekommen sind, beruhigt dagegen gar nicht. Und wenn ein bayerischer Innenminister sich darüber mokiert, dass manche Flüchtlinge zwar ihre Pässe und Papiere verlieren, nicht aber ihr Smartphone, dann kann auch mancher humanitär denkende Bürger voll Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge sich dieser Logik nicht ganz entziehen.

Wenn Regimes wie das der Ajatollas im Iran 2009 über “Facebook”, wie während des “arabischen Frühling” passiert, über Scheinidentitäten ihre Oppositionellen identifizieren und deren Aufenthalt orten, wenn der Putschist nach dem Putsch, Präsident Erdogan alle Bürgerinnen und Bürger der Türkei mit SMS-Nachrichten manipuliert und die Massen aufpeitscht, dann können wir vielleicht ahnen, was Hitler oder Mussolini, Stalin oder Idi Amin erst hätten anrichten können, hätte ihnen diese Technik zur Verfügung gestanden. Man stelle sich vor, welche Datenspuren ein jüdischer Kaufmann in Berlin mit Smartphone im Jahre 1938 hinterlassen hätte: Emails, Fotos, Bewegungsbilder, Kommunikationsdaten aus der Vorratsdatenspeicherung für 6 Monate bis hin zur Standortortung in Echtzeit zur Perfektionierung der Deportation – welch eine Möglichkeit für die Mörder des Holocaust!

Auch die Schlächter des “Islamischen Staats” haben es verstanden, sich die moderne Smartphone- Kultur für ihre Propagandavideos und Mordaufrufe zu Nutze zu machen. Und auch für einen seriösen Journalismus sind Smartphone-Filme, schnell und ohne Kommentar oder in bewusst manipulativer Absicht auf Plattformen wie Facebook oder Youtube eingestellt, inzwischen ein Problem: Weil seriöser, auf Recherchen bauender und deshalb nicht “umsonst” funktionierender Journalismus teuer ist, betätigen sich “kostenlose” Angebote von Google oder “Huffington Post” als seine Totengräber. Dass öffentlich-rechtlichen Medien wie ARD und ZDF daran beteiligen, durch Zuschauerkommentare über Facebook oder Twitter ihre natürlichen Feinde noch bekannt zu machen, ist kaum zu verstehen. Da ist sie wieder, die Gutgläubigkeit gegenüber der Technik. Was bewegt Menschen, für die App “Taschenlampe” ihr gesamtes Adressbuch mit Email-Adressen an ein unbekanntes amerikanisches Unternehmen zu übermitteln?

Brutalität und Banalität liegen in der mobilen Welt, die uns die Smartphones bieten, so nahe beieinander, wie nie zuvor in der Geschichte der Kommunikation. So nahe, dass die Grenzen für manche Menschen zerfließen, sie nicht mehr zwischen virtueller Welt und Realität unterscheiden können. Ein Beispiel geistiger Verwirrung mancher Smartphone-Besitzer heißt “Pokemon Go”. Fast einhundert Millionen Menschen laufen gegenwärtig mit gesenktem Kopf weltweit über rote Ampeln, ignorieren den Verkehr, gefährden sich und andere. Um in die Scheinrealität einzutauchen, wird erst die App kostenlos heruntergeladen, dann kaufen sich die Spieler Hilfsmittel, um Pokemons oder Quaputzis zu fangen. Die Gewinne werden jetzt schon auf über hundert Millionen Dollar geschätzt. Das “Spiel” ist aber mehr, als ein riesiges Geschäftsmodell.

Je größer und detaillierter die erfasste Datenmenge, desto genauer die Persönlichkeitsprofile, die die neue Datenindustrie gewinnen kann, desto höher die Gewinne, die durch Werbung und Verhaltenskontrolle generiert werden können. Hinzu kommen die Möglichkeiten der Manipulation durch ungewolltes virales Marketing, und die Möglichkeiten, durch Spiele, Animationen oder „Reality Mining“ Verhaltensmuster detailliert zu analysieren und zu manipulieren. Gemeint ist damit die systematische Auswertung der Statusmeldungen, die viele Nutzer von Facebook durch die Rubrik „Was machst Du gerade?“ kennen und bei “Pokeman Go” durch ihr Jagd- und Fangverhalten preisgeben. Banalitäten wie Kaffeetrinken, Konzertbesuche oder Gang zum Friseur – aus solchen Spielen abgefischt – finden Marketingfirmen höchst interessant. Anbieter wie “Daytum” kleiden derartiges in Apps, die permanente Selbstbespiegelungen fürs iPhone verarbeiten und für Marketingzwecke aufbereiten. Zum mittels iPhone oder Android Mobile gespeicherten Bewegungsbild kommt dann auch noch die freiwillige Beschreibung der Tätigkeiten und Leidenschaften. Dergleichen muss jede Observationsgruppe des Verfassungsschutzes vor Neid erblassen lassen.

Wer genauer hinschaut, was uns soziale Medien per mobiler Kommunikation andienen, kann spüren, wie zwischen virtueller und realer Welt die Grenzen zu fließen beginnen. Das gilt insbesondere für die sogenannten “Follower” auf Twitter, Facebook, aber inzwischen auch auf Ebay und anderen Netzwerken. Schon hat die Wendung “ich folge xx” anstelle von “ich speichere oder ich merke mir xx” Eingang in viele Bereiche außerhalb des Netzes gefunden. Diese scheinbare sprachliche Spitzfindigkeit ist sehr politisch: Menschen folgen Führern, nicht Partnern, die speichert man. Die hier in der Sprache angelegte Hierarchie ist verräterisch: Es geht nicht um eine Begegnung auf Augenhöhe, sondern um “Gefolgschaft” – und damit um Unterordnung. Die Begrifflichkeit zeigt, welche Machtverhältnisse subtil vermittelt und manifestiert werden sollen. Internetkonzerne insbesondere die aus dem vielgepriesenen Kalifornien, haben keineswegs eine demokratische Welt im Sinn, sondern eine, die nach ihren Gesetzen und Mechanismen von Über- und Unterordnung, von Gewinnern und Verlierern funktioniert. Und die im übrigen käuflich ist: Bei “Fanslave” – der Name ist Programm – kosten 10.000 “Follower” auf Facebook $ 699,00. Soviel zu Wahrheit und Klarheit in sozialen Netzwerken!

Welche Welt das ist, in der solche Geschäftsmodelle blühen? Darüber gibt Peter Thiel Auskunft, neben Marc Zuckerberg, dem Welpenschutz-Gesicht von Facebook der wahrscheinlich ehrlichere Vertreter der Datenkrake. Der Milliardär, Paypal-Gründer und erste Facebook-Investor Thiel hängt am deutlichsten einer Ideologie an und tritt auch schon mal als Festredner vor deutschen Verlegern und Medienmachern auf, wo er für seine krude Weltsicht höflichen Beifall erhält. Er bezeichnet sich als “libertär”, lehnt die Rolle des Staates als Hindernis für die Wirtschaft ab und ist gegen jede Steuerzahlung. Zugleich ist er ein “Futurologe”: Er spendet Geld für ein Institut zur Erforschung der Künstlichen Intelligenz und für eines zur Überwindung des Alterns (Methusalah-Stiftung) sowie den Transfer des menschlichen Bewusstsein in Computer. Probleme wie soziale Ungerechtigkeit oder die Klimaerwärmung gibt es für ihn nicht. Er ist als Anhänger der “Transhumanisten”, bekannt, die in Dan Browns Bestseller “Inferno” als Gruppe, die mit fragwürdigen Mitteln die Welt verbessern will, bekannt wurde. Transhumanisten halten die “Singularität”, die Schaffung einer übermenschlichen technischen Intelligenz als Diktator der Welt im transnationalen Maßstab für die einzige Antwort auf unsere aktuellen Probleme. Ihr ideologischer Kristallisationspunkt ist die “Singularity University” auf einem NASA-Gelände in Berkeley und ihr “Guru” Ray Kurzweil.

Dass im 1968 eher links angehauchten “Silicon Valley” antisoziale Geschäftsmodelle wie die Pilze im warmen Regen aus dem Boden sprießen, verwundert nicht. Wie etwa der “Uber” Dienst, der darauf ausgerichtet ist, Privatpersonen zu schlecht bezahlten Hilfschauffeuren zu machen und damit nicht nur die berufliche Existenz von Taxifahrern und – Unternehmern weltweit zu untergraben, sondern alle sinnvollen Vorschriften, die der Sicherheit und Versicherung der Fahrgäste und Fahrer im Transportgewerbe dienen, rechtswidrig zu unterlaufen. Dieser auf Smartphone- Technologie basierende “Dienst” hat weltweit inzwischen Tausende von Taxifahrern ruiniert und in Armut und Existenznot getrieben, aber seinen rücksichtslosen Eigentümern Millionengewinne beschert. Die Dreistigkeit, mit der sie öffentlich auch in Deutschland erklärten, sich nicht an Gesetze halten zu wollen, weil sie diese für “überholt” hielten, kommt der Frechheit eines Serienkillers gleich, der für sich beansprucht, doch nur das Grundrecht auf freie Berufswahl auszuüben.

Der Erfolg der Smartphones ist vor allem der kommerzielle Erfolg eines Oligopols von wenigen, die digitale Welt beherrschenden Unternehmen, zu denen unter anderem Google, Microsoft, Amazon, Apple und Facebook gehören. Die Erfindung des Smartphones hat die Welt verändert und wird sie weiter verändern. Über 1.000 Apps für Smartphones bieten inzwischen vielfältige Ansätze für Information und Wissenschaft, Aufklärung und wissenschaftliche Analyse. Sie bündeln Informationen, vereinfachen das Leben und können den Alltag besser und angenehmer machen. Niemand will deshalb auf sie verzichten. Aber sie können auch für Manipulation, Ausbeutung, Verwirrung über Ereignisse, Erpressung, Verfälschung, Wirklichkeitsverzerrung mißbraucht werden. Deshalb müssen wir mehr über unsere Smartphones, vor allem aber über die Geschäftsmodelle, die über sie und mit ihnen möglich sind, wissen.

Zwanzig Jahre Smartphone zeigen vor allem eines: Unser Denken und unsere Gesetzgebung haben mit der Realität der Digitalisierung nicht Schritt gehalten. Weder lernen Kinder und Jugendliche genügend in der Schule, um ihre informationelle Selbstbestimmung im Digitalzeitalter wirklich wirkungsvoll auszuüben, noch wissen Politiker, Lehrer und Eltern genügend, um die geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen. Viel hat die Politik seit Jahren durch Passivität und Nichthandeln versäumt: Den internationalen Datenkraken durch wirkungsvolle Gesetze in Ausübung des staatlichen Gewaltmonopols Grenzen zu setzen. Sie zu zwingen, dort, wo sie Geschäfte machen, auch Steuern zu bezahlen und Gesetze zu beachten.

Wie jämmerlich ist die Haltung eines Justizministers, der Facebook bittet, doch netterweise die rassistischen und menschenverachtenden Chatrooms von Neonazis und Islamisten ein bisschen stärker zur Einhaltung der Nettiquette anzuhalten? Wie verständnisvoll, wenn die Kanzlerin Marc Zuckerberg oder Eric Schmidt bittet, doch bitte verständlichere Nutzungsbedingungen zu formulieren, anstatt ihnen anzudrohen, wenn sie weiter gegen Datenschutz- und andere Gesetze verstoßen, ihnen schlichtweg die Tätigkeit zu untersagen – mit allen rechtlichen Konsequenzen? Ein Arzt, der gegen die Approbationsordnung verstößt, bekommt Berufsverbot. Ein Datenunternehmer, der sich widerrechtlich millionenfach Informationen aneignet, um sie zu vermarkten, darf einfach weitermachen?

Es ist noch nicht lange her, dass ein Bundeswirtschaftsminister aus Bayern bekannte, nicht einmal zu wissen, wie man einen Computer einschaltet. Inzwischen haben die Interessenvertreter der Datenindustrie begonnen, den Mittelstand, das Rückgrat unserer Wirtschaft zu überreden, ihr gesamtes Know-how der Glasfaser anzuvertrauen. Die nächste Stufe des digitalen Zeitalters, die “Wirtschaft 4.0” steht angeblich vor der Tür. Wir alle brauchen mehr IT-Bildung und Datenschutzwissen und bessere Gesetze, wollen wir sie erfolgreich und selbstbestimmt gestalten. Sonst könnte auch sein, dass hier der größte Informationsraub der Geschichte in aller Öffentlichkeit vorbereitet wird und wir merken nichts davon, denn wir glauben, wir hätten “ja nichts zu verbergen”.

Politikerlügen rechtfertigen keine Nötigung

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz hat jahrelang ihren Lebenslauf gefälscht und sich als “Juristin” ausgegeben, obwohl sie weder Abitur hatte, noch jemals Rechtswissenschaften studiert hat. Nicht nur die Abgeordnete Hinz schadet mit ihrem Verhalten dem Bundestag. Viele, die derzeit öffentlich Konsequenzen fordern, tun es ihr gleich. Auch NRW-Justizminister Kutschaty, der als Essener SPD-Vorsitzender einen Beschluß des Kreisvorstandes herbeigeführt hat, der Hinz auffordert, “binnen 48 Stunden” ihr Mandat niederzulegen.

Als Justizminister könnte ein solcher Vorstoß am Rande der Verfassung möglicherweise auf ihn zurück fallen.

Natürlich ist es politisch verständlich, dass die SPD verurteilt, dass Hinz der Partei Schaden zufügt. Der Vorstand kann oder muss auch, wie von Kutschaty angekündigt, ein Parteiordnungsverfahren anstrengen. Sie selbst könnte der Partei einen großen Dienst erweisen, wenn sie freiwillig aus der Fraktion austräte. Aber Parteimaßnahmen sind das eine, nötigender Druck auf die Abgeordnete als Mitglied des Verfassungsorgan Bundestag, ihr Mandat niederzulegen, eine ganz andere Sache. Die SPD-Fraktion im Bundestag kann sie jederzeit mehrheitlich von ihren Funktionen in Ausschüssen entbinden, sich von ihr trennen, sie aus der Fraktion ausschließen. Es kann aber nicht angehen, wie derzeit Druck auf sie ausgeübt wird, ihr Mandat niederzulegen. Das richtet sich nicht nur an die SPD. Wer sich wie die “Welt” oder der “Focus”, darüber empört, dass Hinz “noch für September fast 14.000 Euro Diäten und Pauschalen kassiert” oder “beim Warten auf ihn (den Bundestagspräsidenten) ganz nebenbei noch mehrer Tausend Euro verdient”, betreibt Parlamentarismuskritik auf dem Niveau von Populisten und Rechtsextremisten. So undifferenziert labern selbsternannte “politisch Korrekte” in Wirklichkeit die Demokratie kaputt.

Bei der Frage der Mandatsniederlegung geht es nicht um die tragische, zweifelhafte Person Hinz, die sich längst politisch disqualifiziert hat. Es geht um das Mandat an sich, um die Freiheit des Bundestagsmandats nach Artikel 38 Grundgesetz, das sie aufgrund der Wahl errungen hat und aus guten historischen Gründen nur freiwillig aufgeben kann. Gerade nach der Erfahrung der Weimarer Republik und ihrem Ende, als vor allem aus den Reihen der Kommunisten und Nationalsozialisten sowie der Hugenberg-Presse Reichstagsabgeordnete diffamiert, unter Druck gesetzt und genötigt wurden, verbietet es sich, – und sei der Fall noch so abstrus, – dass Dritte ein Mandat im Namen einer Partei oder einer wie auch immer sich berechtigt fühlenden Öffentlichkeit vereinnahmen.

2005 und 2009 gewann Hinz ihren Wahlkreis direkt, 2013 war sie über die SPD-Landesliste abgesichert. Kaum glaubhaft, dass ihre Biografie dabei eine nennenswerte Rolle spielte, geben doch bei Kandidatenaufstellungen traditionell innerparteiliche Flügelzugehörigkeiten eher den Ausschlag, als irgendwelche beruflichen Qualifikationen. Zum Erwerb eines Bundestagsmandats sind keinerlei berufliche oder schulische Abschlüsse Voraussetzung. Manch öffentliche Empörung entbehrt daher nicht einer gesunden Portion Heuchelei. Als 1972 mit der Unterzeichnung der Ostverträge im Zuge der Entspannungspolitik reihenweise Abgeordnete der Regierungsparteien SPD und F.D:P. austraten und ihr Bundestagsmandat nicht niederlegten, sondern zur CDU mitnahmen, spielte die verfassungspolitische Frage, ob Angeordnete einer Partei oder einer bestimmten Politik verpflichtet seien, eine wichtige Rolle. Damals wurde die Bedeutung des Artikel 38 und die Gewissensfreiheit des Mandats gestärkt. Das ist geltendes Verfassungsrecht und kann sich auch nicht ändern, nur weil eine einzelne Mandatsträgerin möglicherweise kein erkennbares Gewissen hat – da gab es schon viel schlimmere Fälle, von Wienand bis Wiesheu. Auch menschliche Unzulänglichkeit muss eine Demokratie aushalten. Das sollte auch der Justizminister wissen, der ohne Zweifel ein erstes und zweites juristisches Staatsexamen abgelegt hat.

Die Informationelle Selbstenthauptung

Seit einigen Tagen rauscht ein Medienhype durch “Tagesschau”, “Heute” und alle anderen Nachrichtensendungen. Zwischen dem Putsch nach dem Putschversuch und den “Säuberungen” des türkischen Diktators Erdogan, zwischen den Anschlägen von Würzburg und München stolpern wie von Sinnen außer Kontrolle geratene Menschen durch unsere Metropolen hin und her. Sie laufen über rote Ampeln, ignorieren Autoverkehr, legen Brücken lahm und gefährden sich und andere. Alles, um mit dem albernen Spiel “Pocemon Go” US-amerikanischer Konzerne, diesen möglichst viele private Daten kostenlos und freiwillig zu schenken und sich selbst zum gläsernen Affen zu machen.

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Stalins Säuberungen brauchten länger

Die Türkei ist auf dem Weg in einen Willkürstaat. Die Entlassungen und Verhaftungen von Staatsangestellten folgen derzeit so schnell aufeinander, dass man kaum beim Notieren mitkommt. 21.000 Lehrern privater Schulen soll die Lizenz entzogen worden sein, 15.000 Lehrer der staatlichen Schulen entlassen, 13.000 Beamte ebenso, Provinzgouverneure und deren Mitarbeiter abgesetzt und festgenommen. Polizisten und Mitarbeiter des Geheimdienstes durchsuchten Lehrstühle von Universitätsprofessoren. Nach der gestrigen Entlassung von angeblich 6.000 Polizisten erklärte Ministerpräsident Yildirim, eine Sicherheitslücke entstehe dadurch nicht, die Bürger könnten sich bewaffnen und das Recht selbst in die Hand nehmen. Erdogan und er erklärten wiederholt, man werde jetzt einen “wichtigen Schlag” im Parlament vorbereiten. Was er meint, liegt auf der Hand: Zwar hat seine AKP keine Zweidrittelmehrheit, um auf dem Wege einer Verfassungsänderung die Todesstrafe beschließen zu lassen, aber er könnte die nötigen 330 Stimmen zusammen bekommen, um zu diesem Thema ein Referendum zu veranstalten.

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Vom Putsch zur Machtergreifung ?

Der Putschversuch in der Türkei ist innerhalb weniger Stunden gescheitert. Sah es am Freitagabend spät noch so aus, als ob sich wiederholen könnte, was die Armee 1960, 1971, 1980 und 1997 mehrfach unternahm, stellte sich schon nach wenigen Stunden heraus, dass alles ein kurzer schrecklicher aber blutiger Alptraum war. Ein gewaltsamer Angriff auf das demokratisch gewähltes Parlament und den Präsidenten – das darf nicht geduldet werden. Ein gutes Zeichen, dass sich sofort alle Parteien in der Türkei dagegen solidarisiert haben.

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Den IS nicht unnötig aufwerten

Der Massenmord mit Lastwagen von Nizza ist noch nicht wirklich aufgeklärt. Für die Öffentlichkeit und uns alle sollte vor allem das Mitgefühl für die Opfer im Vordergrund stehen. Sorgfalt der Ermittlungen ist auch bei einer solchen unmenschlichen Tat angebracht – in alle Richtungen. Die Behörden und vor allem die Medien rätseln derzeit noch über die Motive des Täters, der natürlich auch ein völlig unpolitischer Amokläufer sein kann. Er hatte drei Kinder, war kürzlich von seiner Frau getrennt und offensichtlich in einer schwierigen Situation. Seine Familie sagt, er hätte psychische Probleme gehabt, sei nicht religiös, trank Alkohol und aß Schweinefleisch. Natürlich können das Schutzbehauptungen oder überholte Fakten sein. Trotzdem sollten Besonnenheit und Augenmaß die öffentliche Diskussion bestimmen und nicht Hysterie und Terrorangst.

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Fatale Allianz von Armut und Polizeigewalt

Die eskalierende Polizeigewalt und die Gegenreaktionen in den USA machen deutlich, dass sich seit den 60er Jahren, als Martin Luther King und Malcolm X für die Rechte der Schwarzen stritten, wenig geändert hat. Noch immer leben junge schwarze in den USA gefährlich und laufen Gefahr, mit den allgegenwärtigen Waffen getötet zu werden. Aber nicht nur die Waffen sind ein Problem, sondern die Polizeiausbildung und die wachsenden sozialen Abgründe. Gibt es eine Chance, die Gewaltspirale zu stoppen?

US-Gesellschaft versinkt in Gewalt

Der Angriff eines Heckenschützen auf die Polizei in Dallas ist der aktuelle Höhepunkt einer Eskalation der Gewalt und gleichzeitig der Offenbarungseid der öffentllichen Sicherheit in den USA. Die Gewaltspirale wurde seitens des Staates immer höher getrieben, ohne sich ein deut um die sozialen Ursachen zu scheren. Denn hausgemacht sind natürlich die krassen sozialen Brennpunkte eines Landes, das sich für die größte Militär- und Wirtschaftsmacht und die Führungsmacht des Westens hält. Obwohl die Vereinigten Staaten seit nun fast acht Jahren von einem Afroamerikaner regiert werden, sind die Opfer von Polizeigewalt vor allem Schwarze. Obwohl nur 13% der amerikanischen Bevölkerung Afroamerikaner sind, stellen sie fast 40% der Inhaftierten in den Strafanstalten und 60% der Kandidaten für die Todesstrafe. Wer jung, männlich und schwarz ist, läuft in den USA siebenmal häufiger Gefahr, von einer Polizeikugel getötet zu werden, als im Straßenverkehr.

Schwarze weiter diskriminiert

Zwar gibt es heute Barack Obama als Präsdenten und mit Oprah Winfrey steht auch die bekannteste Journalistin und Multimillionärin an der Spitze ihrer Zunft. Aber selbst im linksliberal geltenden Hollywood sitzen keine Schwarzen in der Oscar-Jury und nicht zum ersten mal gab es 2016 Proteste prominenter Schauspieler, dass auch in diesem Jahr keine Afroamerikaner für den höchsten Filmpreis der anglo-amerikanischen Welt nominiert wurden. Der vor wenigen Wochen gestorbene Muhammad Ali verkörperte den Traum einer anderen, einer gerechten und vielfältigen, multiethnischen und multireligiösen amerikanischen Gesellschaft, egal ob Christen, Juden oder Moslems. Gleichwohl beschränken sich die Fortschritte auf einige wenige Beispiele für erfolgreiche afroamerikanische Karrieren. Die Gesellschaft, in der staatliche Gewalt vor allem gegenüber den sozial Benachteiligten ausgeübt wird, hat sich nicht grundlegend verändert.

Keine Aufarbeitung

Eine wirkliche Aufarbeitung von Polizeigewalt findet nicht statt. Immer wieder sind seit den 60er Jahren Gewaltexzesse der Polizei und gewalttätige gesellschaftliche Reaktionen der schwarzen Communty aufeinander gefolgt. In den siebziger Jahren führte die Nationalgarde Krieg gegen linke Demonstranten, die den Vietnamkrieg kritisierten, anfang der achtziger Jahren gab es in Los Angeles brennende Stadtbezirke, nachdem die Polizei einen jungen Schwarzen brutal geschlagen und getötet hatte. In Birmingham, Alabama, Pittsburgh, New York, fanden in den letzten Jahren immer wieder Jungendliche den Tod, die schwarz und verdächtig, aber wie sich zu spät heraus stellte, zumeist unbewaffnet oft harmlos waren. Aktuell ist es nicht wirklich anders. Rassismus herrscht trotz scharfer Antidiskriminierungsgesetze.

Die wichtigste Ursache ist, dass in den Vereinigten Staaten mit 370 Millionen Kleinwaffen mehr Schießprügel im Umlauf sind, als es Einwohner gibt – knapp 320 Mio. Politologen lernen seit den 70er Jahren, dass die National Rifle Association die bestorganisierte Lobbyorganisation der Welt ist. Auch wenn Michael Moore mit “Bowling for Colombine” der NRA und ihrem Vorsitzenden Charlton Heston die gutbürgerliche Maske vom Gesicht gerissen hat – das intellektuelle Amerika kommt nicht gegen das geile Machtgefühl und Adrenalin an, das die Waffennarren empfinden, wenn sie den Rückstoß von Schnellfeuerwaffen gegen ihre Schulter hämmern spüren.

Schlechte Polizeiausbildung

Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Eine weitere ganz wesentliche Ursache liegt in der schlechten Polizeiausbildung und der Rolle, wie US-Gesetzeshüter ihre Aufgabe verstehen. Zudem in der Gesetzeslage, die zumeist schon eine Anklage, in viel zu vielen Fällen aber auch eine Verurteilung von Polizisten, die Übergriffe begehen, erschwert oder verunmöglicht. Denn Polizeigewalt wird bereits gerechtfertigt, wenn sich der Polizist bedroht fühlt, gar nicht objektiv bedroht sein muss. US-Polizisten glauben sich in einem permanenten Zustand putativer Notwehr und handeln danach. Deeskalation ist für sie ein Fremdwort.

In Deutschland werden junge Polizisten sorgfältig ausgewählt, sie studieren neben der praktischen Ausbildung an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, belegen Kurse in Recht, Psychologie, Sozialkunde, erlernen Stressbewältigung, Selbstbehauptung, Eigensicherung, lernen Körpersprache zu lesen und anzuwenden, zu deeskalieren und erfolgreich zu kommunizieren. Vor allem aber lernen sie, sich jederzeit der Situation angemessen zu verhalten, um die Kontrolle nicht zu verlieren, kennen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und setzen Schußwaffen nur als letztes Mittel ein. Polizistinnen und Polizisten sind Beamte auf Lebenszeit, sozial abgesichert und nach der Einführung der zweigeteilten Laufbahn auch angemessen bezahlt. Sie handeln im Auftrag des Staates für das demokratische Gewaltmonopol und im Rahmen unseres Grundgesetzes.

Schlechte Bildung

Polizisten in USA stehen in der Tradition, des gewählten Sherriffs. Die kommunale Selbstverwaltung ist ihr Ursprung. Polizisten in den USA werden nach sechs Monaten Kurzunterweisung auf die Menschheit losgelassen. Sie werden in Kursen auf ihre Aufgabe vorbereitet, die eher einem Ninja-Trainigscamp, als einer soliden Ausbildung gleichen. Die Aufgabe bewältigen keine staatlichen Ausbilder, sondern private Betreiber von Kampfsportclubs und Selbstverteidigungskursen, in denen auch die potenziellen Täter trainieren. Ihre Gesetzeskunde ist rudimentär, sie lernen zwar, Beschuldigte über ihre Rechte aufzuklären und wie man Verkehrskontrollen möglichst effizient durchführt, aber die Waffe sitzt dabei immer locker. Die praktische Ausbildung zielt auf ein aggresives und gewaltbestimmtes Auftreten, militärische und paramilitärische Elemente stehen im Mittelpunkt. Schreien, Auftrumpfen, in komplizierten Situationen möglichst auf den Richtigen schießen, aber in Zweifel immer zuerst zu schießen und immer bereit zu sein, das Schlimmste zu unterstellen und Gewalt anzuwenden, ist das Ziel der Ausbildung zum Cop. “Ich schieße natürlich lieber zuerst, bevor ein Verdächtiger mich erschießt” – so ein US-Polizist im Interview des ZDF. Wer einmal in den USA Urlaub macht, lernt schnell, dass es nicht nur wichtig ist, die Verkehrsregeln einzuhalten und immer alle Auswese bei sich zu führen, sonder vor allem, während Polizeikontrollen immer die Hände auf dem Lenkrad zu behalten und keine unbedachten Bewegungen zu machen.

Namen nicht verdient

Die Polizeiausbildung in den USA ist keine, die diesen Namen verdient, sondern eine militärische Ausbildung. In dieser Bewaffnung und im Vorgehen der Polizei kommt zum Ausdruck, dass die Polizei im Zweifelsfall bereit ist, Verdächtige oder Demonstranten als Feinde zu behandeln, dass die Polizei Krieg führt gegen die Bürger, indem sie der ruhestörenden desorientierten Oma Handschellen anlegt oder schon mal siebenjährige Kinder abführt und in Haft nimmt. Die Medien zelebrieren das. Viele Polizisten sind Angehörige der weißen Unterschicht, die selbst am Rande des Existenzminimums ums Überleben kämpft. Sie werden auf die vermeintlich noch schwächeren losgelassen.

Schwarze Opfer

Ein schwarzes Opfer polizeilicher Gewalt sitzt heute gelähmt im Rollstuhl, weil kontollierende Polizisten ihm, dem schwarzen Neffen eines Autohausbesitzers nicht glaubten, dass er legal einen PKW der gehobenen Klasse fahren durfte. Sie gaben schlampig in den Fahndungscomputer nur die Initialen seines Vornahmens ein, woraufhin der irrtümlich einen Drogendealer ausspuckte. Das Opfer wurde lebensgefährlich angeschossen und musste hinnehmen, dass seine Angreifer freigesprochen wurden. Damit nicht genug, tun dieselben Polizisten weiter in seinem Wohnbezirk ihren Dienst.

Gewalt nimmt zu

Die Gewalt in USA nimmt zu, obwohl sich die Vereinigten Staaten in einer vergleichsweise ökonomisch entspannten Situation befinden müssten. Die Primitivität der Konzeption öffentlicher Sicherheit einer Weltmacht, die sich am Beispiel der Polizei zeigt, korrespondiert mit einem maroden Sozialsystem. Während seit den 80er Jahren die Einkommen der Oberschicht von 1% um über 130% anstiegen, haben die unteren sozialen Schichten, frühere einfache Arbeiter, bis zu 60% ihrer Kaufkraft eingebüßt. Rund 20% der US-Amerikaner leben unter der Armutsgrenze, etwa die Hälfte davon, obwohl sie einen Arbeitsplatz oder mehrere haben, von denen sie nicht leben können. Der US-Kapitalismus kommt an Grenzen, die ihn von innen zerstören können.

Sozialpolitik beste Kriminalpolitik

In Europa ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt, dass die beste Kriminalitätspolitik eine gute Sozialpolitik ist – das liegt dem US-amerikanischen Denken sehr fern. Aber es gibt kleine Hoffnungschimmer. Unter Leitung der Universität von Boston entstand Ende der neunziger Jahre ein Präventionsprojekt gegen jugendliche Intensivtäter, das nicht auf Gefängnis, sondern soziale Kontrolle durch “runde Tische” setzt, an denen Eltern, Lehrer, Ausbilder, Nachbarn, Geschäftsleute, öffentliche Einrichtungen im Bezirk sowie Polizei und Justiz teilnehmen – mit Erfolg. Vielleicht ein erster Schritt, der zeigt, dass es auch in den USA Alternativen zur Gewalt gibt. Selbst der ansonsten eher glücklose Innenminister Ralf Jäger könnte noch Verdienste um die Bürgerrechte erwerben, indem er den von Polizeigewalt belasteten Kommunen in den USA jetzt Ausbildungspartnerschaften anbietet. Was im ehemaligen Jugoslawien leidlich funktioniert hat, kann in den Vereinigten Staaten eigentlich nicht scheitern. Ein Fortschritt in Richtung auf Deeskalation wäre eine Sensation. Wenn NRW schon wirtschaftliches Nullwachstum hat – warum nicht die Stärken nutzen, die das Land zu bieten hat?

 

 

 

Fahnenflüchtige Populisten

Und EU-Politiker in alten Verstrickungen

Die Brexit-Initiatoren haben Rassismus befördert, sozial Schwache betrogen und stehlen sich nun aus der Verantwortung. Tories und Labour arbeiten derzeit innerparteiliche Intrigen ab, statt die Zukunft Großbritanniens zu gestalten. Johnson und Farage kneifen, die Labour-Rechte hat gegen den populären Vorsitzenden Corbyn zu revoltiert. Die junge Generation demonstriert gegen die unverantwortlichen Alten, während Juncker und Co. ebenfalls nicht verstanden haben, dass TTIP und Ceta und mangelhafte Demokratie den Tod der EU verursachen. Die Parteien Europas dürfen nicht so weiter machen, sondern müssen zehn wichtigen Fragen stellen und beantworten, bevor es die Populisten tun. Weiterlesen

Der Brexit kennt nur Verlierer

Der Brexit ist ein Desaster, für das vor allem David Cameron, die rechten Tories und die Populisten der Ukip verantwortlich sind. Der Schaden für Großbritannien und für Europa ist unabsehbar. Die Separatisten haben den Anfang vom Ende des “Vereinigten Königreich” erstritten. Europa muss sich jetzt neu begründen und enger zusammen rücken. Opfer sind mehrheitlich diejenigen, die den Populisten auf den Leim gegangen sind – aber es gibt die Chance, daraus zu lernen.

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Wie viel Gewalt wollen wir Europäer zulassen?

Der dreiste Mord in aller Öffentlichkeit an der britischen Labour- Politikerin Jo Cox ist der Vorläufige Höhepunkt einer Serie von öffentlich zelebrierter Brutalität, von ungezügelter Wut und immer mehr verrohenden Gesellschaften weltweit, aber vor allem in den bisher von weitgehender Sicherheit und Offenheit geprägten Demokratien. Der Mörder von Cox wird, nach allen, was wir wissen, ein Rechtsextremist und Nationalist sein. 49 Menschen ermordete ein Massenmörder im US-amerikanischen Orlando – er bekannte sich zum “Islamischen Staat” soll aber selbst in dem Schwulen- Lesben- und Transsexuellenclub gewesen sein, in dem er irgendwann das Massaker anrichtete.

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De Maizière ein Sicherheitsrisiko?

Der Bundesinnenminister hat vorgeschlagen, Hilfspolizisten zur Bekämpfung von Einbruchskriminalität und zum Objektschutz einzusetzen. Darüber hinaus möchte er die Videoüberwachung ausdehnen. Der Bundesinnenminister gibt den sicherheitspolitischen Laien – darf er sich das leisten? Er hat eigentlich keine wirkliche Polizeimacht. Polizei ist Ländersache. Seine einzigen “Truppen” sind die Bundespolizei, früher Bundesgrenzschutz, die schlechter ausgebildet und bezahlt sind, als die Landespolizeien. Ihre Aufgaben sind Objektschutz, Flugsicherheit und Grenzsicherung – die Sicherung der Bahnhöfe und Flughäfen und ausländerrechtliche Kontrollen sind hinzu gekommen. Ein interner Witz der Gewerkschaft der Polizei in den 90er Jahren lautete: “Was tun, wenn Dir ein Grenzschutzbeamter mit gezogener Waffe gegenübersteht?” – “Nicht bewegen, nichts falsches machen, beruhigend einwirken, 110 anrufen und warten, bis richtige Polizei kommt!”

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Mit der NATO in den Kalten Krieg?

Man rieb sich die Augen und wunderte sich: Letzte Woche fand unter dem Namen „Anakonda“ ein Manöver von NATO-Staaten und in Polen statt. Anakondas sind, so das Lexikon, in Südamerika beheimatete Würgeschlangen, die in tropisch feuchten Gefilden am Rande von Gewässern hausen. Sie lauern unbeweglich auf ihr Opfer, beißen zu, erwürgen und verschlingen es, um sich anschließend der Muße des Verdauens hinzugeben. Schöne Beschreibung für ein Manöver, dessen Anlass, Sinn und politische Stoßrichtung ich doch gerne erklärt bekommen hätte.

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Ist TTIP schon tot?

Die TTIP- Leaks von Greenpeace mögen Dokumente an die Öffentlichkeit gespült haben, die nicht mehr zu 100% den aktuellen Stand der Verhandlungen zwischen EU und den USA wiedergeben: Das ist im Prinzip egal. Es geht um das, was Pro- TTIP- Parteien und die EU-Kommission nicht verstanden haben: Die US- und EU-Bürger sind demokratischer, als gedacht und sind nicht mehr gewillt, sich Verschlechterungen des Verbraucherschutzes, Eingriffen in Bürgerrechte und die politische Souveränität, Abbau von Rechtsschutz und vor allem Geheimnistuerei gefallen zu lassen. Es ist den EU-Verantwortlichen nicht klar, aber durch die Geheimverhandlungen bringen sie genau das Misstrauen voran, das nicht nur die Linke, sondern vor allem die frustrierten, populistischen EU- und Euro- Gegner antreibt. Die populistischen Regierungen in Polen, Tschechien und Ungarn sowie die ÖDP in Österreich, Le Pen in Frankreich, UKIP in Großbritannien und die AfD in Deutschland profitierten davon.

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Neulich in der zufälligen, verdachtsunabhängigen Polizeikontrolle…

Der Kabarettist Marc-Uwe Kling lebt in seinen Sketchen als Kleinkünstler mit einem sprechenden Känguruh zusammen. Weil das Känguruh nicht nur spricht, sondern auch noch Kommunist ist – “Ach, Mein, Dein, das sind doch alles bürgerliche Kategorien!” – ist sein Lieblingsspruch – gerät es immer wieder in völlig zufällige, verdachtsunabhängige Routine-Polizeikontrollen. Beispielsweise im Flughafen Schönefeld, wo es gebeten wird, nicht nur die Taschen zu leeren, sondern auch seinen Beutel aufs Band zu legen, der doch angewachsen ist: “Der Beutel muss aufs Band” sagt ihm der bildungsferne, lohngedumpte Sicherheitsdienstleister am Gate und “The Beutel must on the Band!” pflichtet ihm seine Kollegin mit Realschulabschuss bei – niemand zweifelt, dass es mit dem verdachtsunabhängigen Zufall so seine Bewandnis hat.

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Justizversagen nach Love Parade?

Die Ablehnung der Eröffnung der Hauptverhndlung durch das Duisburger Landgericht ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Fast sechs Jahre sind vergangen, dass in Duisburg einundzwanzig Menschen bei der sogenannten “Loveparade” ihr leben verloren, fünfhunderteinundsiebzig verletzt wurden. Viele sind bis heute traumatisiert. Bis heute war das Verfahren gegen sechzehn Personen der Stadtverwaltung Duisburg, des Veranstalters und der Polizei, von denen letzlich sechs übrig blieben nicht eröffnet worden. 2015 hatte das Gericht, so hieß es in entsprechenden Meldungen, erneut eine große Menge Fragen an den Gutachter Keith Still gerichtet, der beurteilen sollte, ob die Beteiligten fahrlässig gehandelt haben und dessen Gutachten seit Mai 2013 vorliegt.

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