Beueler-Extradienst

Meldungen und Meinungen aus Beuel und der Welt

Kategorie: Digital (Seite 96 von 96)

Der Russe wars und macht alles mit uns

Wolfgang Michal würde gerne Unrecht bekommen. Schon vor knapp einem Vierteljahr beschrieb er die Sau, die heute mal wieder weitgehend recherchefrei von deutschen Leitmedien durchs Hauptstadtdorf getrieben wurde. Der Russe versucht uns zu beeinflussen! Ja, ist es denn die Möglichkeit?
Wer hat Trump gewählt? Wer verbreitet Lügen auf Facebook? Woher kommen Wut und Hass? Nein, das können doch nicht “wir” gewesen sein. Wir müssen es abspalten, irgendwo abladen. Wen kennen die Leute nicht, fürchten ihn aber? …. Jetzt mal ernsthaft: für wie bescheuert wollen die uns eigentlich noch halten?

Versuchen wir es sachlich.
Joseph Fischer und Rolf Mützenich (SPD) verbreiteten heute ihre geopolitische Sicht der Dinge. Ich teile nicht in allem ihre Perspektive, Weiterlesen

Big-Data-Kriminalität hinter Facebook (Lehren aus Trump XI)

Statt eines Kommentars lesen Sie diese Reportage der Schweizer Zeitschrift “Das Magazin”.

Update (8.12.): Zu dem hier empfohlenen Beitrag sind seit dem Wochenende unzählige belanglose Kommentare erschienen, die sich unendlich selbstreferentiell mit seiner potenziellen oder tatsächlichen Rezeption befassten, jedoch kaum mit seinem Inhalt. Das beschriebene Geschehen wurde von keiner Stelle ernsthaft bestritten.
Einer der Autoren kommentierte die Rezeption in einem Interview mit der für Verhältnisse des Bayrischen Rundfunks revolutionären Radiosendung “Zündfunk”.
Netzpolitik.org fragte die deutschen Parteien zu ihrer Praxis, mit sparsamen Antworten.

Update 17.12.: kurz vor Weihnachten interviewte die taz Michal Kosinski, Psychologe und Forscher an der Stanford University, auf den in der schweizerischen “Magazin”-Reportage u.a. Bezug genommen worden war; Ergebnis: Entmystifizierung, aber nicht Verharmlosung.

Syrien / Ägypten / Facebook / SPD / Zigarren

Andreas Zumach, mit dem ich in den 80er-Jahren in der Friedensbewegung ausgezeichnet zusammengearbeitet habe, berichtet die Machtverschiebungen in Syrien – Opfer sind wie immer die Zivilist*inn*en. (taz)
Einen strategischen Zusammenhang dürfte es mit einem gemeldeten Seitenwechsel der Militärdiktatur Ägyptens geben, die einen eskalierenden Konflikt mit Saudi-Arabien haben. Saudi-Arabien ist Lebens- und Arbeitsort zahlreicher ägyptischer Arbeitsmigrant*inn*en. Und hat seinerseits Probleme mit dem niedrigen Ölpreis und seinen missglückten Versuchen, ihn zu kontrollieren. (JW)
Facebook stösst in China an die Grenzen seiner Macht. Ob man sich darüber freuen kann, ist fraglich, lieber begrenzte als grenzenlose Macht. (taz)
Darin kennt die SPD sich aus, in stark begrenzter Macht. Und scheint Gefallen daran zu finden. Gestern verteidigte ich sie noch, aber zu den Redensarten von Frau Kraft zur “Kanzlerkandidatur” und dem Geschehen in Berlin fällt mir auch nichts Verteidigendes mehr ein. (RP & FAZ)
Neid für Wiglaf Droste: wenn ich 60 werde, will er zum Zigarrenfestival nach Havanna reisen; es könnte das letzte sein. (JW)

Kanzlerin besoffen mit den Datenkraken

Der jährliche IT-Gipfel der Bundesregierung 2016 legte einen Wettlauf der Politik und Wirtschaftsinteressen um den vermeintlichen “Datenschatz” offen, der sich gegen die Bürgerrechte und den Datenschutz richtet. Die Kanzlerin polemisierte unsensibel und mit ungewohnt wenig Sachkenntnis gegen die verfassungsrechtlichen Prinzipien der Zweckbindung und Datensparsamkeit, Eckpfeiler des modernen Datenschutzes. Industrielle Partner der Regierung verrieten, wie die Große Koalition ein zentrales Bürgerportal mit Personenregister für alle Bürger errichten will, in dem die Steuernummer zum zentralen Personenkennzeichen würde. Das ist nicht nur unter dem Aspekt der liberalen Freiheitsrechte problematisch. Der eigentliche Irrtum der GroKo liegt darin, dass sie die Gefahren für die Gesellschaftsordnung und die soziale Marktwirtschaft völlig unterschätzen, die von der Digitalisierung ausgehen. Politik muss die Gefahren der Digitalisierung für Demokratie und soziale Gerechtigkeit erkennen und handeln, auch um dem Populismus nicht noch weiter Vorschub zu leisten.

Goldgräberstimmung der Datenindustrie

“Wir sind ja hier unter uns” meinte Karl-Heinz Streiblich, Vorstandsvorsitzender der Software AG Weiterlesen

Demokratiewachsamkeit

von Mely Kiyak / Otto-Brenner-Stiftung
Festrede zur Verleihung des Otto-Brenner-Preises am 15.11.2016 in Berlin
– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrte Preisträger, sehr geehrte Gastgeber der Otto-Brenner Stiftung, geschätzte anwesende Kollegen, sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde
Als ich die Einladung erhielt, die heutige Festrede halten zu dürfen, schaute ich zunächst einmal nach, um wen es sich bei Otto Brenner eigentlich handelt. Er war in Hannover geboren, was – das sage ich aus biographischer Erfahrung – glauben Sie mir das bitte, immer ein tragischer Start für ein Leben ist.

Mit nur 13 Jahren wurde er Gewerkschaftsmitglied, machte Karriere und brachte es bis zum Vorsitzenden der IG Metall. Vom einfachen Zeitungszusteller und Nietenpresser zum Gewerkschaftsboss, ist in Deutschland – damals wie heute – wo die Herkunft eines Menschen seinen gesellschaftlichen und beruflichen Werdegang beeinflusst, eine der wenigen und seltenen Möglichkeiten als Arbeiterkind, und das war Brenner, aufsteigen zu können.

Brenners Parallelen zu meinem Leben sind verblüffend. Auch ich bin ein Arbeiterkind. Auch ich kämpfe seit meinem 13. Lebensjahr in der Gewerkschaft. Weil ich nämlich die Tochter eines Kupferdrahtlackierers bin. Weiterlesen

Der alte Mann auf dem Schulhof

Altersstarrsinn ist keine Frage des Alters. Oskar Lafontaine und Albrecht Müller haben historische Verdienste um unsere Republik. Aber gemeinsam mit jüngeren Freund*inn*en könnten sie es schaffen, die Restbestände gesellschaftlicher und politischer Linker an ihrem Lebensabend um Jahrzehnte zurückzuwerfen. In ihrem Glauben an das rechthabende Argument blenden sie jegliche materialistische Analyse aus und verzichten zugunsten primitivster mechanistischer Analyse vollständig auf strategisches Prozessdenken. Stattdessen ziehen sie eine Furche der Zerstörung durch den öffentlichen politischen Diskurs, unter jauchzendem Jubel jener Medien, die sie verbal eigentlich zu bekämpfen vorgeben.

Wenn es Angestellte waren, die Sahra Wagenknecht geraten haben, an einem FAS-Gespräch mit Frau Petry teilzunehmen, gehören sie entlassen. Weiterlesen

Morozov & Schröder / Trumps Geheimnis

Im gleichen Blatt (FAS) ein Systemkritiker, Evgeny Morozov, der im digitalen Kapitalismus des Silicon Valley den Feudalismus zurückkehren sieht, und Gerhard Schröder, einst und heute ein Gesicht dieses Kapitalismus, der aber immer noch Bedenkenswertes zu einer vernünftig durchdachten Außenpolitik zu sagen weiss.
Bernd Greiner deutet in den Blättern für deutsche und internationale Politik Donald Traumps Erfolgsgeheimnis als “Angstunternehmer”.

“Jäger90”: Minister für Panik und Unsicherheit?

Das Innenministerium eines Landes ist mehr als die Verteilstelle für kommunale Gelder. In Nordrhein-Westfalen ist der Innenminister der Minister, der über die Einhaltung der Verfassung wacht – anders als im Bund, wo diese Aufgabe der Justizminister wahrnimmt – das Innenministerium prüft nicht nur Gesetze der anderen Ressorts auf Verfassungskonformität, es ist auch Schlüsselressort für die Bürgerrechte. Datenschutz zum Beispiel und alle damit in Verbindung stehenden Zukunftsfragen wie die Sicherheit der Daten vor privaten Konzerninteressen, seien es Google, Facebook oder nationale Datenkraken. Hier ist Innovation und Sensibilität gefragt. Weiterlesen

Der neoliberale Charakter im linken Radikalismus (Politisches Prekariat IV)

Mit 16 oder 17 war es, als ich ein einziges Werk Lenins wirklich im vollen Umfang gelesen habe: “Der linke Radikalismus – die Kinderkrankheit des Kommunismus”. Ich vermute es hat mich immun gemacht, aber auch sehr reizbar, wenn ich den Eindruck gewinne, dass Linke zu dumm sind. Lenin kannte sich im Deutschland seiner Zeit ja gut aus, es wurde damals lange für ein revolutionäres Zentrum gehalten, wegen seiner fortgeschrittenen Industrialisierung und seiner starken Arbeiterbewegung. Es kam alles anders, und so schlimm, wie es bis dahin niemand für möglich gehalten hatte. Heute ist Deutschland wieder eine ökonomische Großmacht, es bestimmt die Richtung in der EU und hat das Potenzial, kleinere Länder und ihre Wahlbevölkerung zu erpressen.
Das stellt Fragen an die deutsche Linke. Welche Fehler wurden gemacht, dass es so weit kommen konnte? Wie lange wollt Ihr noch so weitermachen? Weiterlesen

Wer sich in die Macht von Facebook begibt … / Eritrea / Somalia

… dem kann es so ergehen, wie den Kollegen von den Nachdenkseiten.

Ein Beispiel für abenteuerlich-interessanten Journalismus haben die KollegInnen der Krautreporter mit dieser Eritrea-Reportage abgeliefert. Ergänzend dazu kann man optische Eindrücke gewinnen in einer SWR-Produktion von 2009, die in Kürze, am Sa. 17.9. um 16 h in der Reihe “Eisenbahn-Romantik” wiederholt wird. Der Titel der Reihe sollte nicht in die Irre führen; die Pufferküsser verstehen auch was von Politik.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Somalia denken? Das hier sicher nicht.

 

20 Jahre Smartphone: Vom Telefon zur Datenfalle

Als das neue “Communicator” Telefon eines finnischen Herstellers in Europa 1996 auf den Markt kam, vereinte es Telefonieren mit den Funktionen eines PC. Diese Erfindung hat in viel kürzerer Zeit als etwa das Automobil unsere Lebenswirklichkeit verändert. Vergingen von der Erfindung der Benzinkutsche bis zum Bau der ersten Autobahn zwischen Köln und Bonn1926 vierzig Jahre, dauerte es noch einmal so lange, bis die Bundesrepublik von einem System von Autobahnen durchzogen wurde. Auf Datenautobahnen fand in den letzten 20 Jahren weltweit eine digitale Revolution statt, die die Wirklichkeit und die Ökonomie drastisch verändert hat und täglich weiter verändert. Gesetze und das Bildungssystem hinken dieser Entwicklung um Jahre hinterher. Die Politik hat es versäumt, durch klare Gesetze und Vorgaben die informationelle Selbstbestimmung gegen internationale Datenkartelle zu schützen.  

Anlass genug, einmal zu überlegen, ob wir wirklich wissen, was sich seither für alle, die ein solches Gerät nutzen und auch die, die es nicht nutzen, verändert hat. Wir wollten besser telefonieren und erreichbar sein. Wir wollten von unterwegs schneller Nachrichten empfangen und unsere Geschäfte erledigen, unsere Lieben erreichen oder auch studieren oder shoppen können. Wir können dies alles heute und vieles andere mehr. Aber wir bezahlen wir dafür nicht nur an unsere Kommunikationsanbieter wie Telekom und Vodafone, an Hardwarehersteller wie Apple, Sony oder Huawei. Wir bezahlen oft unbemerkt an sogenannte “Diensteanbieter” in Gestalt von Datenkraken wie Google, Facebook, Whatsapp oder Twitter. Wir sind gläsern, überwacht und viele von uns sind jederzeit zu orten. Über uns existieren Bewegungsprofile, Konsumentenprofile, Gewohnheitsbilder. Facebook, Google und Co kennen unsere Vorlieben, Hobbies, politischen Einstellungen, können unser Bildungsniveau einordnen und kennen unsere Kaufkraft sehr genau.

Suchmaschinen und Apps können an der IP-Adresse erkennen, ob wir ein hochwertiges Apple-Smartphone, ein billiges Huawei- Gerät oder einen einfachen PC benutzen. Entsprechend bekommen wir von Portalen wie “Billiger.de” oder auch von einzelnen Internet-Geschäften für die selben Waren unterschiedliche Preise angeboten. Da kann derselbe Laserdrucker beim gleichen Anbieter vom PC aus gefunden schon mal 100 € günstiger sein, als vom iPhone 6 aus, dessen Besitzer als solvent und jedem neuen Trend gegenüber aufgeschlossen gelten. Was unsere Geräte sonst noch so über uns verraten, wenn wir im Internet sind, wissen die wenigsten Konsumenten. So ist es inzwischen üblich, dass während des Besuchs auf einer Homepage, die etwa Unterhaltungselektronik verkauft, bereits von dem Moment an, in dem wir einen Artikel in den Warenkorb legen und mit dem Eintippen des Namens beginnen, im Hintergrund ein elektronisches “Scoring” in Gang gesetzt wird, das mit entsprechenden Datenquellen vernetzt ist, die Aussagen über Bonität und Zahlverhalten des Kunden enthalten. So kann es sein, dass diesem bestimmte Zahlarten wie Rechnungskauf oder Nachnahme eingeschränkt oder gar nicht angeboten werden.

Unbemerkten Datensammlungen ist es auch zu verdanken, dass zwei Personen, die gleichzeitig den gleichen Begriff in die Suchmaschine Google von unterschiedlichen Geräten aus eingeben, nicht die gleichen Ergebnisse erhalten. Das Geschäftsmodell von Google ist die Sammlung und Auswertung der Nutzerdaten der Suchmaschine, aber auch das Scannen der Inhalte von Google Mail auf Schlüsselwörter, die Aussagen über Vorlieben und Interessen der ausgespähten Kunden erlauben. “Wir wissen wo Sie sind, wir wissen wo Sie waren – wir können mehr oder weniger wissen, was Sie denken…” so Eric Schmidt, CEO von Google im Oktober 2010. Google-Nutzer, die sich nicht schützen, sind gläserne Konsumenten. Und dies, obwohl das deutsche Datenschutzrecht und die neue Europäische Datenschutz-Grundverordnung derartige Datensammlungen verbieten oder zumindest zustimmungspflichtig machen. Nur ein winziger Bruchteil der Nutzer macht sich darüber Gedanken, dass Google alle ihre Verhaltensdaten inklusive des örtlichen Aufenthalts speichert und auswertet. Nach Kriterien, die intransparent sind und in USA keiner öffentlichen Kontrolle durch Datenschutzbehörden unterliegen. Seit den Enthüllungen Edward Snowdens ist auch die Kooperation mit dem Geheimdienst NSA bekannt, ohne dass dies zu merkbar mehr Sensibilität der Nutzer geführt hätte. Dabei gibt es dafür einfache Möglichkeiten, die Installation des kostenlosen Browsers “Startpage” von Ixquick, etwa, der die IP-Adresse nicht weitergibt oder die Suchmaschine Duck Duck Go.

Ähnliche Erfahrungen werden mit “Whatsapp” berichtet. Diese Anwendung erlaubt angeblich kostenlosen Nachrichtenversand über Systeme und Netze hinweg und zwischen Apple-IOS Mobiles und solchen mit Android -Betriebssystem – also nicht viel anderes als normale SMS. Allerdings werden je nachdem, wie offenherzig und naiv Nutzer mit ihren Datenschutzeinstellungen umgehen, auch weitere Informationen über andere Whatsapp – Nutzer angezeigt. Für die Einrichtung von Whatsapp müssen Nutzerinnen und Nutzer mit ihren gesamten Adressdaten und -telefonnummern bezahlen. Diese werden auf US- Servern gespeichert. Wie lange, ist unbekannt. Rechte der Betroffenen auf Korrektur, Löschung, Widerspruch laufen ins Leere. Die Adressbücher aller Nutzer werden miteinander abgeglichen, um jedem eine “Favoritenliste” mit allen Kontakten zu übermitteln, die ebenfalls Whatsapp ihre Daten geschenkt haben, um damit immer mehr Menschen auf den Server zu locken.

WhatsApp lässt sich von seinen Nutzern bei der Installation weitreichende Befugnisse einräumen. So den Zugriff auf Mikrofon, die Fotos und Standortdaten des Smartphones und überträgt auch diese Informationen auf ihre Server, wie niederländische Behörden nachgewiesen haben. Dadurch trägt der Nutzer jedes WhatsApp-Handy automatisch eine potentielle Wanze mit sich herum, ohne zu wissen, wann genau welche Daten zu welchen Zwecken erhoben, übermittelt und wie lange sie gespeichert werden. Die Datenübertragung erfolgte jahrelang unverschlüsselt, seit April 2016 soll es angeblich eine wirkungsvolle Verschlüsselung geben, allerdings nur, wenn alle am Chat beteiligten über die aktuelle Softwareversion verfügen. Da es sich bei WhatsApp um einen amerikanischen Dienstleister handelt, muss dieser gemäß dem US Patriot Act Hintertüren für die US-Geheimdienste bereithalten. Außerdem haben Forscher nachgewiesen, dass Whatsapp sogenannte Metadaten d.h. Informationen über Gesprächsdauer, Standort, Zeitpunkt, IP-Adressen, Gerätetyp und Verbindungsdaten sammelt, aus denen Nutzerprofile erstellt werden können.

Diese Informationen sind nicht etwa geheim, sie sind öffentlich zugänglich und können zum Beispiel auf den Homepages der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder nachgelesen werden. Wie naiv jedoch manche Nutzer solchen Techniken gegenüber stehen, musste kürzlich eine Familie in Nordrhein-Westfalen schmerzlich vor Gericht erfahren: Sie hatten einen Mann angezeigt, der ihre 12-jährige Tochter über Whatsapp mit Nachrichten belästigt hat. Anstatt mit einer schnellen Verurteilung des Beschuldigten mussten sich die Eltern zunächst mit der Feststellung des Richters auseinandersetzen, dass ihre Kinder Whatsapp vertragswidrig nutzten, da der Dienst ausdrücklich darauf hinweist, dass er nur von Personen mit Mindestalter 16 benutzt werden darf und dass sie mit ihrer Erlaubnis, Whatsapp zu nutzen, gegen die elterlichen Sorgfaltspflichten verstoßen hatten. So skurril der Fall anmutet, macht er doch deutlich, dass viele Eltern vom Handy-Zeitalter überrollt wurden und trotz Aufklärungsspots, wie sie etwa “Clicksafe” seit Jahren schaltet, nicht über die mindeste Medienkompetenz verfügen – worin sie allerdings den meisten Lehrern in nichts nachstehen.

So glaubt die Mehrzahl der Lehrerinnen und Lehrer, dass ihre Schüler übers Internet und IT mehr wüssten, weil ihnen die IT-Industrie das Märchen von den “digital Natives” – den ins Internetzeitalter geborenen – aufgeschwatzt hat. Wissenschaftliche Untersuchungen wie die ICILS- Studie oder PISA beweisen das Gegenteil: Die Mehrzahl der Jugendlichen kann zwar im Internet surfen, Spiele daddeln oder auch Filme hochladen und Gleichaltrige ärgern: Wenn es jedoch darum geht, in der Textverarbeitung Fußnoten zu setzen oder einen Serienbrief zu schreiben, die Parameter von Tabellenkalkulationen einzustellen oder gar einfache Datenbanken zu bedienen, droht ein Desaster. Kenntnisse über Datenschutz oder Datensicherheit sind das klassische Spielfeld weniger “Freaks”.

Probleme mit dem Verhalten und dem Alter seiner Nutzer hat auch “Facebook”, denn im “Social Engineering” ist die Datenkrake Facebook meisterhaft. Als „Social Engineering“ wird der Versuch bezeichnet, Menschen mittels Vertraulichkeiten und Bruchstücken persönlicher Informationen über sie und ihr Umfeld – man ist ja von „Freunden“ umgeben – in eine Stimmung zu versetzen, aufgrund derer es gelingt, unter Ausnutzung von Arglosigkeit Informationen zu erschleichen. Facebook hat damit den systematischen, psychologisch ausgefeilten Datendiebstahl zum Geschäftsmodell erkoren und ist damit weltweit erfolgreich. So wird verständlich, wie es dazu kommt, dass so viele, der eigentlich sonst ganz vernünftigen Facebook- Nutzer allein in Deutschland ihre persönlichen Daten auf Facebook preisgeben. Denn gerade Facebook hat es zur Perfektion getrieben, nicht nur Daten über seine Kunden zu sammeln, sondern erhöht den Reiz und Spielwert dadurch, dass neben den „Freundschaften“, die gesammelt werden, auf der Pinnwand jede Menge Kommunikation stattfindet, die Auskunft über Interessen, Weltanschauungen, politische Meinungen und Vorlieben des Nutzers gibt. Solche Informationen sind praktisch nicht rückholbar.

Darüber hinaus wird sein oder ihr Verhalten in Foren, Spielen und Tests aufgezeichnet und kann danach ausgewertet werden, wie leicht oder schwer er oder sie zu manipulieren ist und auf welche digitalen Schlüsselreize entsprechende Reaktionen erfolgen. Pikant, dass Facebook-Milliardär Marc Zuckerberg vor einiger Zeit forderte, soziale Netzwerke in USA künftig auch für Kinder unter13 zu öffnen, was der Children‘s Online Privacy Protection Act (COPPA) US-amerikanischen Unternehmen bisher verbietet. Allerdings sind nach einer Untersuchung des „Consumer Reports Magazine“ 2011 bereits 5 Millionen Kinder unter 10 Jahren in USA Mitglied bei Facebook, zumeist ohne Wissen der Eltern. Interessant auch, dass es bei uns keine entsprechenden Gesetze gibt, die etwa die Verarbeitung von personenbezogenen Daten von Kindern und Jugendlichen grundsätzlich verbieten. Vielleicht hat das damit zu tun, dass Facebook allein über 50 Lobbyisten und Agenturen beschäftigt hat, um die Beratungen des Europäischen Parlaments und der EU-Kommission über die EU-Datenschutz-Grundverordnung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Der Spielfilm “Democracy” zeigt beispielhaft und dokumentiert, wie Datenkonzerne versuchen, Politik und Bürgerrechte in den Griff zu bekommen. Denn Daten sind das Kapital der Gegenwart und Zukunft. Lebte Marx heute, würde er nicht über “das Kapital”, sondern “die Information” und die Profitmaximierung der Oligopole durch massenweise Aneignung, Akkumulation und Analyse von Daten schreiben.

Ja, der mobile Computer Smartphone hat unser soziales Leben tiefgreifend verändert. Auf Abo-Fallen hereinzufallen oder durch die Berührung von Apps Käufe zu tätigen, die man nicht wollte, ist inzwischen durch den Gesetzgeber teilweise unterbunden worden. Aber wirkungsvolle Gesetze, die illegale Geschäftspraktiken unterbinden können, gibt es bisher nicht. Nicht alles, was Menschen, die in Bussen und Bahnen, an Haltestellen, auf dem Weg von oder zur Schule und Ausbildung, immer häufiger aber auch am Steuer von Autos mit Smartphones machen, ist sinnvoll und notwendig – muss es auch nicht. Vorteile, wie die Verfügbarkeit von Nachrichten rund um die Uhr oder der Zugriff auf Nachschlagewerke und Datenbanken sind ein Fortschritt, der mindestens so sinnhaltig ist, wie der erste Schritt von Neil Armstrong auf dem Mond.

Aber da gibt es die “dunkle Seite”: Mobbing, Cyberstalking und andere Übergriffe, denen vor allem Jugendliche durch Handys und Smartphones ausgesetzt sind. Wenn eifersüchtige Partner ihr Gegenüber über die “Freunde” Funktion des Smartphone bei jeder Bewegung beobachten und überwachen können, wenn Kinder nicht mehr lernen, Karten zu lesen, weil es Navigationscomputer gibt, wenn “Google Earth” Gegenstände von 5 cm Größe in Nachbars Garten zeigt und wenn niemand im Zug, im Wartezimmer oder an der Haltestelle mehr wagt, Gespräche anzufangen und Menschen kennen zu lernen, weil alle auf ihr Smartphone starren, ist das vielleicht nur skurril. Wenn hunderttausende Flüchtlinge praktisch in Echtzeit Informationen über Fluchtrouten, Möglichkeiten der Aufnahme und Ablehnung über Smartphones austauschen, ist das legitim, zeigt aber auch, was Mobilität im wahrsten Sinne des Wortes auch bedeuten kann. Dass staatliche Instrumente zur Personaldatenaufnahme von Flüchtlingen dagegen noch nicht im Informationszeitalter angekommen sind, beruhigt dagegen gar nicht. Und wenn ein bayerischer Innenminister sich darüber mokiert, dass manche Flüchtlinge zwar ihre Pässe und Papiere verlieren, nicht aber ihr Smartphone, dann kann auch mancher humanitär denkende Bürger voll Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge sich dieser Logik nicht ganz entziehen.

Wenn Regimes wie das der Ajatollas im Iran 2009 über “Facebook”, wie während des “arabischen Frühling” passiert, über Scheinidentitäten ihre Oppositionellen identifizieren und deren Aufenthalt orten, wenn der Putschist nach dem Putsch, Präsident Erdogan alle Bürgerinnen und Bürger der Türkei mit SMS-Nachrichten manipuliert und die Massen aufpeitscht, dann können wir vielleicht ahnen, was Hitler oder Mussolini, Stalin oder Idi Amin erst hätten anrichten können, hätte ihnen diese Technik zur Verfügung gestanden. Man stelle sich vor, welche Datenspuren ein jüdischer Kaufmann in Berlin mit Smartphone im Jahre 1938 hinterlassen hätte: Emails, Fotos, Bewegungsbilder, Kommunikationsdaten aus der Vorratsdatenspeicherung für 6 Monate bis hin zur Standortortung in Echtzeit zur Perfektionierung der Deportation – welch eine Möglichkeit für die Mörder des Holocaust!

Auch die Schlächter des “Islamischen Staats” haben es verstanden, sich die moderne Smartphone- Kultur für ihre Propagandavideos und Mordaufrufe zu Nutze zu machen. Und auch für einen seriösen Journalismus sind Smartphone-Filme, schnell und ohne Kommentar oder in bewusst manipulativer Absicht auf Plattformen wie Facebook oder Youtube eingestellt, inzwischen ein Problem: Weil seriöser, auf Recherchen bauender und deshalb nicht “umsonst” funktionierender Journalismus teuer ist, betätigen sich “kostenlose” Angebote von Google oder “Huffington Post” als seine Totengräber. Dass öffentlich-rechtlichen Medien wie ARD und ZDF daran beteiligen, durch Zuschauerkommentare über Facebook oder Twitter ihre natürlichen Feinde noch bekannt zu machen, ist kaum zu verstehen. Da ist sie wieder, die Gutgläubigkeit gegenüber der Technik. Was bewegt Menschen, für die App “Taschenlampe” ihr gesamtes Adressbuch mit Email-Adressen an ein unbekanntes amerikanisches Unternehmen zu übermitteln?

Brutalität und Banalität liegen in der mobilen Welt, die uns die Smartphones bieten, so nahe beieinander, wie nie zuvor in der Geschichte der Kommunikation. So nahe, dass die Grenzen für manche Menschen zerfließen, sie nicht mehr zwischen virtueller Welt und Realität unterscheiden können. Ein Beispiel geistiger Verwirrung mancher Smartphone-Besitzer heißt “Pokemon Go”. Fast einhundert Millionen Menschen laufen gegenwärtig mit gesenktem Kopf weltweit über rote Ampeln, ignorieren den Verkehr, gefährden sich und andere. Um in die Scheinrealität einzutauchen, wird erst die App kostenlos heruntergeladen, dann kaufen sich die Spieler Hilfsmittel, um Pokemons oder Quaputzis zu fangen. Die Gewinne werden jetzt schon auf über hundert Millionen Dollar geschätzt. Das “Spiel” ist aber mehr, als ein riesiges Geschäftsmodell.

Je größer und detaillierter die erfasste Datenmenge, desto genauer die Persönlichkeitsprofile, die die neue Datenindustrie gewinnen kann, desto höher die Gewinne, die durch Werbung und Verhaltenskontrolle generiert werden können. Hinzu kommen die Möglichkeiten der Manipulation durch ungewolltes virales Marketing, und die Möglichkeiten, durch Spiele, Animationen oder „Reality Mining“ Verhaltensmuster detailliert zu analysieren und zu manipulieren. Gemeint ist damit die systematische Auswertung der Statusmeldungen, die viele Nutzer von Facebook durch die Rubrik „Was machst Du gerade?“ kennen und bei “Pokeman Go” durch ihr Jagd- und Fangverhalten preisgeben. Banalitäten wie Kaffeetrinken, Konzertbesuche oder Gang zum Friseur – aus solchen Spielen abgefischt – finden Marketingfirmen höchst interessant. Anbieter wie “Daytum” kleiden derartiges in Apps, die permanente Selbstbespiegelungen fürs iPhone verarbeiten und für Marketingzwecke aufbereiten. Zum mittels iPhone oder Android Mobile gespeicherten Bewegungsbild kommt dann auch noch die freiwillige Beschreibung der Tätigkeiten und Leidenschaften. Dergleichen muss jede Observationsgruppe des Verfassungsschutzes vor Neid erblassen lassen.

Wer genauer hinschaut, was uns soziale Medien per mobiler Kommunikation andienen, kann spüren, wie zwischen virtueller und realer Welt die Grenzen zu fließen beginnen. Das gilt insbesondere für die sogenannten “Follower” auf Twitter, Facebook, aber inzwischen auch auf Ebay und anderen Netzwerken. Schon hat die Wendung “ich folge xx” anstelle von “ich speichere oder ich merke mir xx” Eingang in viele Bereiche außerhalb des Netzes gefunden. Diese scheinbare sprachliche Spitzfindigkeit ist sehr politisch: Menschen folgen Führern, nicht Partnern, die speichert man. Die hier in der Sprache angelegte Hierarchie ist verräterisch: Es geht nicht um eine Begegnung auf Augenhöhe, sondern um “Gefolgschaft” – und damit um Unterordnung. Die Begrifflichkeit zeigt, welche Machtverhältnisse subtil vermittelt und manifestiert werden sollen. Internetkonzerne insbesondere die aus dem vielgepriesenen Kalifornien, haben keineswegs eine demokratische Welt im Sinn, sondern eine, die nach ihren Gesetzen und Mechanismen von Über- und Unterordnung, von Gewinnern und Verlierern funktioniert. Und die im übrigen käuflich ist: Bei “Fanslave” – der Name ist Programm – kosten 10.000 “Follower” auf Facebook $ 699,00. Soviel zu Wahrheit und Klarheit in sozialen Netzwerken!

Welche Welt das ist, in der solche Geschäftsmodelle blühen? Darüber gibt Peter Thiel Auskunft, neben Marc Zuckerberg, dem Welpenschutz-Gesicht von Facebook der wahrscheinlich ehrlichere Vertreter der Datenkrake. Der Milliardär, Paypal-Gründer und erste Facebook-Investor Thiel hängt am deutlichsten einer Ideologie an und tritt auch schon mal als Festredner vor deutschen Verlegern und Medienmachern auf, wo er für seine krude Weltsicht höflichen Beifall erhält. Er bezeichnet sich als “libertär”, lehnt die Rolle des Staates als Hindernis für die Wirtschaft ab und ist gegen jede Steuerzahlung. Zugleich ist er ein “Futurologe”: Er spendet Geld für ein Institut zur Erforschung der Künstlichen Intelligenz und für eines zur Überwindung des Alterns (Methusalah-Stiftung) sowie den Transfer des menschlichen Bewusstsein in Computer. Probleme wie soziale Ungerechtigkeit oder die Klimaerwärmung gibt es für ihn nicht. Er ist als Anhänger der “Transhumanisten”, bekannt, die in Dan Browns Bestseller “Inferno” als Gruppe, die mit fragwürdigen Mitteln die Welt verbessern will, bekannt wurde. Transhumanisten halten die “Singularität”, die Schaffung einer übermenschlichen technischen Intelligenz als Diktator der Welt im transnationalen Maßstab für die einzige Antwort auf unsere aktuellen Probleme. Ihr ideologischer Kristallisationspunkt ist die “Singularity University” auf einem NASA-Gelände in Berkeley und ihr “Guru” Ray Kurzweil.

Dass im 1968 eher links angehauchten “Silicon Valley” antisoziale Geschäftsmodelle wie die Pilze im warmen Regen aus dem Boden sprießen, verwundert nicht. Wie etwa der “Uber” Dienst, der darauf ausgerichtet ist, Privatpersonen zu schlecht bezahlten Hilfschauffeuren zu machen und damit nicht nur die berufliche Existenz von Taxifahrern und – Unternehmern weltweit zu untergraben, sondern alle sinnvollen Vorschriften, die der Sicherheit und Versicherung der Fahrgäste und Fahrer im Transportgewerbe dienen, rechtswidrig zu unterlaufen. Dieser auf Smartphone- Technologie basierende “Dienst” hat weltweit inzwischen Tausende von Taxifahrern ruiniert und in Armut und Existenznot getrieben, aber seinen rücksichtslosen Eigentümern Millionengewinne beschert. Die Dreistigkeit, mit der sie öffentlich auch in Deutschland erklärten, sich nicht an Gesetze halten zu wollen, weil sie diese für “überholt” hielten, kommt der Frechheit eines Serienkillers gleich, der für sich beansprucht, doch nur das Grundrecht auf freie Berufswahl auszuüben.

Der Erfolg der Smartphones ist vor allem der kommerzielle Erfolg eines Oligopols von wenigen, die digitale Welt beherrschenden Unternehmen, zu denen unter anderem Google, Microsoft, Amazon, Apple und Facebook gehören. Die Erfindung des Smartphones hat die Welt verändert und wird sie weiter verändern. Über 1.000 Apps für Smartphones bieten inzwischen vielfältige Ansätze für Information und Wissenschaft, Aufklärung und wissenschaftliche Analyse. Sie bündeln Informationen, vereinfachen das Leben und können den Alltag besser und angenehmer machen. Niemand will deshalb auf sie verzichten. Aber sie können auch für Manipulation, Ausbeutung, Verwirrung über Ereignisse, Erpressung, Verfälschung, Wirklichkeitsverzerrung mißbraucht werden. Deshalb müssen wir mehr über unsere Smartphones, vor allem aber über die Geschäftsmodelle, die über sie und mit ihnen möglich sind, wissen.

Zwanzig Jahre Smartphone zeigen vor allem eines: Unser Denken und unsere Gesetzgebung haben mit der Realität der Digitalisierung nicht Schritt gehalten. Weder lernen Kinder und Jugendliche genügend in der Schule, um ihre informationelle Selbstbestimmung im Digitalzeitalter wirklich wirkungsvoll auszuüben, noch wissen Politiker, Lehrer und Eltern genügend, um die geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen. Viel hat die Politik seit Jahren durch Passivität und Nichthandeln versäumt: Den internationalen Datenkraken durch wirkungsvolle Gesetze in Ausübung des staatlichen Gewaltmonopols Grenzen zu setzen. Sie zu zwingen, dort, wo sie Geschäfte machen, auch Steuern zu bezahlen und Gesetze zu beachten.

Wie jämmerlich ist die Haltung eines Justizministers, der Facebook bittet, doch netterweise die rassistischen und menschenverachtenden Chatrooms von Neonazis und Islamisten ein bisschen stärker zur Einhaltung der Nettiquette anzuhalten? Wie verständnisvoll, wenn die Kanzlerin Marc Zuckerberg oder Eric Schmidt bittet, doch bitte verständlichere Nutzungsbedingungen zu formulieren, anstatt ihnen anzudrohen, wenn sie weiter gegen Datenschutz- und andere Gesetze verstoßen, ihnen schlichtweg die Tätigkeit zu untersagen – mit allen rechtlichen Konsequenzen? Ein Arzt, der gegen die Approbationsordnung verstößt, bekommt Berufsverbot. Ein Datenunternehmer, der sich widerrechtlich millionenfach Informationen aneignet, um sie zu vermarkten, darf einfach weitermachen?

Es ist noch nicht lange her, dass ein Bundeswirtschaftsminister aus Bayern bekannte, nicht einmal zu wissen, wie man einen Computer einschaltet. Inzwischen haben die Interessenvertreter der Datenindustrie begonnen, den Mittelstand, das Rückgrat unserer Wirtschaft zu überreden, ihr gesamtes Know-how der Glasfaser anzuvertrauen. Die nächste Stufe des digitalen Zeitalters, die “Wirtschaft 4.0” steht angeblich vor der Tür. Wir alle brauchen mehr IT-Bildung und Datenschutzwissen und bessere Gesetze, wollen wir sie erfolgreich und selbstbestimmt gestalten. Sonst könnte auch sein, dass hier der größte Informationsraub der Geschichte in aller Öffentlichkeit vorbereitet wird und wir merken nichts davon, denn wir glauben, wir hätten “ja nichts zu verbergen”.

Schlechte Woche für Bürgerrechte

Die Bundesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, Andrea Vosshoff, ist unverdächtig, Grundsatzbedenken gegen die Vorratsdatenspeicherung zu hegen, hat sie doch als CDU-Parlamentarierin schon einmal zugestimmt. Wir wissen genug über Fraktionszwang und Koalitonsdisziplin, um ihr früheres Handeln heute nicht mehr als Belastung zu werten. Um so mehr muss es alarmieren, mit welcher Vehemenz sie sich in der letzten Woche zum zweiten mal kurz hintereinander gegen den ihrer Meinung nach völlig überzogenen und nicht verhältnismäßigen Gesetzentwurf der großen Koalition gewendet hat.

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Ein Abgrund von Landesverrat

“Wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande” tönte Bundeskanzler Adenauer am 7.November 1962 im Deutschen Bundestag und meinte den Artikel “Bedingt abwehrbereit”, der im “Spiegel” über die mangelhafte Bewaffnung der damaligen Bundeswehr berichtet hatte. Verteidigungsminister Franz-Josef Strauss hatte aufgrund seiner hervorragenden Kontakte zum faschistischen Diktator Franco und mit Unterstützung der deutschen Botschaft den Mitherausgeber des Blatts, Conrad Ahlers in Spanien verhaften lassen. Redaktionsräume des “Spiegel” wurden widerrechtlich unter Leitung des späteren Generalbundesanwalts Buback durchsucht, Rudolf Augstein ebenfalls in Haft genommen. Der dreiste Angriff auf die Pressefreiheit wurde durch den solidarischen Einsatz der Medien und die Zivilcourage von Juristen wie Ulrich Klug abgewehrt.

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Vom Ende der korporatistischen Demokratie (Politisches Prekariat III)

Turbulente Zeiten, mehr noch woanders als hierzulande. Stuttgart 21 war ein lindes Lüftchen gegen die Demokratiebewegungen in zahlreichen islamischen, aber auch christlich-südeuropäischen Ländern, wie derzeit Spanien und Griechenland. Näheres dazu z.B. hier in der seit einiger Zeit intessantesten deutschen Wochenzeitung Jungle World

Viel wurde in diese Protestbewegungen schon hineinfantasiert. Dass das Internet- und Facebook-Revolutionen gewesen seien, können nur Altmedien halluzinieren, denen ihre kenntnisarme Angst davor schon das Gehirn vernebelt hat. Es sagt mehr über die Halluzinierer als über die Fakten aus. Und insofern sind sie mit den Feudalherren vergleichbar, die einst den Buchdruck fürchteten.

So wie der Buchdruck einst den Impuls zum massenhaften Erlernen von Lesen und Schreiben gab, Weiterlesen

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