Beueler-Extradienst

Meldungen und Meinungen aus Beuel und der Welt

Schlagwort: Jungle World (Seite 16 von 17)

Von Schwarzen lernen

Die Londoner Schriftstellerin Zadie Smith gibt heute im FAS-Interview eine nachdenkliche Antwort und Ahnung auf eine Frage, die mich gedanklich stark umtreibt: warum sind die mittelalten gesellschaftlichen Linkskräfte politisch und strategisch so schwach gebildet und ratlos? Eine Erklärung für das langlebige Merkel.

Der südafrikanische Schriftsteller Niq Mhlongo behandelt im Prinzip die gleiche Frage, aber für einen geografisch und historisch ganz anderen Raum. Er war in seiner Jugend am PAC orientiert, der damals recht unreflektiert linksradikal agierte und sicher nie in die Lage hätte kommen können, das Apartheidsystem zu stürzen, wie es dem ANC gelang. Aber das ist Geschichte. Heute stellen sich neue Fragen, die uns hier wie dort der Kapitalismus aufgibt.

Zurück zum Kern der herrschenden Politik

“And now s.th. completely different” – ein paar Hinweise zu den politischen Inhalten rund um das G20-Treffen. Roland Appel hatte hier bereits eine Warnung vor chinesischen Wirtschaftspolitik- und Unternehmenspraktiken formuliert. Diese sicher berechtigte Warnung hat mglw. auch eine Kehrseite.
Es könnte nämlich sein, dass die ökonomische Strategie der chinesischen Führung zwar unzweifelhaft weniger demokratisch legitimiert ist, als bspw. die deutsche, dass sie aber dennoch auf einer weit klügeren Analyse kapitalistischer Praxis beruht und – scheinbar und bisher – zu einer wirkungsvolleren Bändigung wilder spekulativer Tendenzen der “Märkte” geführt hat. Das belegen zwei ganz unterschiedliche Autoren, nämlich Spiegel-online-Kolumnist Thomas Fricke, zuvor langjährig bei der Financial Times Deutschland deren Ableben sich im heutigen Geschehen immer mehr als tragisch erweist, und der einer bestimmten marxistischen Schule (hab’ vergessen welche, ist auch nicht wo wichtig) anhängende Tomasz Konicz/Telepolis.
Schliesslich gibts Linksradikale, die auch inhaltlich argumentieren können und tatsächlich diskursfähig sind. Felix Klopotek, der sich für langjährige Redaktionsarbeit bei der Kölner Stadtrevue eine Tapferkeitsehrung verdient hat, hat das hier bei der Jungle World abgeliefert.

Afrikapolitik

An der aktuellen Hetze italienischer Politiker*innen gegen Flüchtlinge und ihre Retter*innen ist nur eins richtig: die Schändlichkeit der EU, mit der die ihr Mitgliedsland Italien hängen lässt. Eine beredte Auskunft, wie es um “europäische Werte” bestellt ist, und wie tief ein “christliches Abendland” sinken kann. Thomas Pany (telepolis) verdanke ich den Hinweis, dass die Drohung Häfen für lebensrettende NGOs zu blockieren, bisher nicht Bestandteil offizieller Stellungnahmen war, sondern “nur” über Medien-Bande gespielt wurde.

Niemand sollte davon träumen, dass das nur ein saisonales Problem ist. Im Gegenteil: wenn unsere Afrikapolitik so fortgesetzt wird, wie es sich auf dem G20-Gipfel abzeichnet, und wie es Juliane Schumacher hier in der Jungle World analysiert, dann wird das, vor dem sich viele bei uns so fürchten, erst noch kommen. Das ist die Quittung dafür, dass deutsche Politik bis heute glaubt, dass ein Politiker, der schwarz ist, nicht nur bestechlich (wie wir alle) ist, sondern ausserdem viel dööfer als wir. Ist er nicht. Und wer das nicht einsieht, muss dafür bezahlen.
Update 5.7.: eine weitere lesenswerte Analyse von Wolfgang Pomrehn in der Jungen Welt.

Jungle World: Mexiko – Brasilien – Iran – Kamerun

Die Wochenzeitung dieses Namens ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Mit ihrem radikalen Zionismus kann ich wenig anfangen, wenngleich es für ihn im publizistischen Spektrum natürlich einen Platz geben muss. Unabhängig davon (oder dadurch?) ist die Jungle World aus meiner Sicht die interessanteste, weil diskussionsfreudigste deutschsprachige Wochenzeitung. Auch ihre Onlinestrategie ist vernünftig: am Erscheinungstag der Printausgabe werden nur wenige Häppchen online gestellt, und dann Tag für Tag ein bisschen mehr. Daraus spricht berechtigtes Selbstbewusstsein: die meisten Texte sind auch nach einer Woche noch nicht “von gestern”, sondern haben lange Haltbarkeit.
Die aktuellen Beispiele:
– eine Reportage aus dem Zentrum der Region, durch die Trump eine Mauer errichten will, Ciudad Juarez und El Paso;
– ein Bericht über die Millionen-Demos gegen die kriminelle neoliberale Regierung Brasiliens (haben Sie irgendwoanders was darüber gelesen oder gehört?);
– ein Porträt des grenzwertigen brasilianischen Fußballprofis/Torwarts Bruno Fernandes de Souza;
– ein Vorbericht zur iranischen Präsidentschaftswahl, kritisch aber ohne islamophobem Schaum vorm Mund;
– ein Bericht aus Kamerun über Boko Haram und die dortige despotische Regierung.
Kompliment, jeder einzelne Artikel ein Alleinstellungsmerkmal.

Macron / Ungarn / Schwarze Frauen / Shit auf correct!v

Zur deutschen Macron-Diskussion Beiträge von Detlef zum Winkel (Jungle World) zur Strategie der Linken und Bernhard Schmid (Telepolis) zum TV-Duell.

Zur ungarischen Auseinandersetzung um die CEU/Soros-Universität eine differenzierte Einschätzung der ungarischen Zeitschrift Eszmelet in der Jungen Welt.

Frauen haben bei der Emanzipation der Schwarzen in Deutschland eine führende Rolle gespielt (taz-Interview).

David Schraven/correct!v scheint von seinem publizistischen Instinkt in der Hitze des Gefechts etwas verlassen worden sein, beklagt, neben vielen anderen, Stefan Niggemeier/uebermedien. Immerhin: was geklappt hat, ist, dass die Sache – eine AfD-Kandidatin in NRW soll als Prostituierte gearbeitet haben – maximal auffällt.

Lokomotive China / Wer ist Macron?

Wolfgang Pomrehn versorgt uns schon viele Jahre über seine sparsames Zeilengeld zahlenden Arbeitgeber*innen telepolis und Junge Welt über volkswirtschaftliche Fundamentaldaten Chinas. Allerdings konnte weder er noch sonst jemand bisher erklären, wie ein nicht demokratisches und insbesondere in seiner Spitze extrem korruptes System in einem riesigen kaum lenkbaren Land ökonomisch doch so effizient gesteuert werden kann, und nebenbei jetzt sogar zum Weltmeister im Klimaschutz avancieren könnte.

So sehr deutsche Medien das Präsidialsystem der Türkei und den dortigen Machthaber dämonisieren, so sehr lieben sie das Gleiche in Frankreich, jedenfalls wenn es Emmanuel Macron wählen sollte. Hier ist es Bernhard Schmid, der uns seit Jahren über telepolis und Jungle World in einer angenehm differenzierten Tonlage auf dem Laufenden hält: hier über Macron.
Meine von mir sehr geschätzte Ex-Bloggerinnenkollegin Annika Joeres porträtiert in der Zeit den linken Macron-Konkurrenten Jean-Luc Melenchon.
Update 19.4.: Eine “böse Überraschung” bei Frankreichs Präsidentenwahl befürchtet carta-Autor und hauptberuflicher Campaigner Mario Münster.

Für und Wider zu “Pulse Of Europe”

Vor einigen Wochen berichtete mir eine gute Freundin von einem Zusammenstoss am Fusse des Kölner Doms mit ein paar Europa-Verrückten. Sie, Betriebsrätin in der Kulturwirtschaft, ehrenamtlich in der Flüchtlingssolidarität aktiv, habe sie u.a. gefragt, ob sie noch nie was von der Verarmung in Griechenland oder ersaufenden Flüchtlingen im Mittelmeer gehört hätten. Ich recherchierte nach ihrem Bericht ein wenig im Internet, welche Sekte das gewesen sein könnte, und stiess so zum ersten Mal auf “Pulse Of Europe”.

Meine Freundin beruhigte ich danach: keine Evangelisten, auch keine rechten Spinner, vermutlich nur etwas verwirrte Bürger*innen, die sich nicht genug in die komplexe widersprüchliche Materie vertieft haben, aber auch nichts Böses im Schilde führen.

Seitdem sind die Aktionen dieses Vereins von Woche zu Woche größer geworden und viele haben sich bereits kritisch an ihnen abgearbeitet. Weiterlesen

Mark Terkessidis / Rudolf Walther / Deniz Yücel

Wenn uns alle etwas eint, dann ist es die Überzeugung “Ich bin kein Rassist”. Nicht wenige neigen zu einer Fortsetzung dieses Satzes mit “, aber…..” Es gibt Stellen in Köpfen und Diskursen, über die wollen wir nicht so viel wissen. Keine Zeit. Viel zu tun. Wichtigeres vor allem. Mark Terkessidis können wir so nichts vormachen, einer der klügsten Migrationsforscher und Publizisten, und übrigens auch ein kämpferischer mit Körpereinsatz arbeitender Redner.
Rudolf Walther versucht Didier Eribon vor der Vereinnahmung durch deutsche Feuilletons und auch ein bisschen vor sich selbst zu retten. Im Kern geht es darum, Roman und Analyse nicht zu verwechseln. Ein guter Roman ist dramaturgisch zugespitzt und vereinfacht das Politische zugunsten einer stimmigen Erzählung. Genau das sollten politische Analysen aber vermeiden, sonst werden sie falsch.
Kein Ahnung was Deniz Yücel von taz und Jungle World zur “Welt” getrieben hat, in den Knast gehört er jedenfalls dafür nicht, in einen türkischen schon gar nicht. Die FAZ stellte nun einen Kursbuch-Text von ihm online, der eine gute Zusammenfassung des politischen Geschehens der Ära Erdogan darstellt.

Frankreich / Nazi-V-Mann / Wagenknecht / Jantschke

Es ist unser Nachbar, Frankreich, unser bester Freund, wenn Deutschland überhaupt noch Freunde hat, aber unsere Medien sind seltsam desinteressiert. Weil es “nur” um Rassismus geht? Um Rassismus bei und in der Polizei; die nimmt einen angenommenen Wahlsieg von Frau Le Pen schon vorweg, wie Bernhard Schmid in der Jungle World berichtet.
Der NSU-Untersuchungsausschuss vernimmt einen ehemaligen V-Mann in der Nazi-Szene, in nichtöffentlicher Sitzung und zwei Präsidenten (einer Ex-) des sog. “Verfassungsschutzes”. Bei solchen Zeugen ist die Wahrheitsfindung besonders schwer, wie Andreas Förster im Freitag erläutert.
Warum redet Sahra Wagenknecht nur noch so kariert daher, wenn es um Merkel, Flüchtlinge und internationale Solidarität geht? Weil sie vor allem von letzterem keine Ahnung hat, und damit als vorgeblich gelernte “Kommunistin” auch keine von einer politischen Rolle, die die Arbeiterklasse gespielt hat und spielen könnte, wenn sie über kluge Parteien und Gewerkschaften verfügen würde, meint Michael Jäger im Freitag. Wagenknecht repräsentiert so “perfekt” das Versagen deutscher linker Organisationen.
Tony Jantschke personifiziert die neue Abwehrstärke von Borussia Mönchengladbach in einem lesenswerten Sp-on-Interview. Es gibt also auch gute Nachrichten.

Portugals Drogenpolitik / Graham Nash

Das werktägliche DLF-Magazin “Europa heute”, Sendetermin 9.10 h, ist immer das Zuhören wert. Wir erfahren Dinge aus EU-Mitgliedsländern, über die in der Regel in anderen Medien überhaupt nicht berichtet wird. Unsere Sender und Zeitungsredaktionen sparen das Geld für teure Korrespondet*inn*en lieber ein. Wussten Sie, dass Portugal schon seit über 10 Jahren, also über mehrere Regierungswechsel hinweg, eine Politik der Entkriminalisierung von Drogengebrauch verfolgt? Dem DLF-Bericht zufolge liegt das an einem hartnäckigen fachkundigen Regierungsbeamten.
Um das gleiche Thema Drogengebrauch und seine Illegalisierung kreist das Jungle-World-Interview mit dem 70-jährigen angloamerikanischen Musiker Graham Nash. Er hat mit Crosby, Stills, Nash & Young (hier ein Wikipedia-Link auf deutsch ohne “Young”) sowie den Hollies ein zum Teil unvergessliches Werk hinterlassen, musikalisch und politisch. Beim “No-Nukes”-Konzert 1979, einem der ersten großen Musikereignisse der Anti-Atom-Bewegung spielte er eine wichtige Rolle.

Somalia / China

Gestern wies ich bereits auf Texte zur Präsidentenwahl in Somalia hin. Was diese Berichte von FR und FAZ nicht enthielten, war ein Hinweis auf die nächste drohende Hungerkatastrophe in diesem gescheiterten Staat – Knut Mellenthin gibt ihn in der Jungen Welt, und ordnet den gewählten Präsidenten als US-Republikaner ein. Das führt bei uns zu Naserümpfen, für die Somalier ist es egal. Sie müssen ihres Lebens irgendwie sicher werden.

Die Jungle World bezeichne ich seit einiger Zeit gerne als interessanteste deutsche Wochenzeitung. In der jüngsten Ausgabe wird über revolutionäre Umwälzungen in der chinesischen Innenpolitik berichtet. Das Stadt-Land-Verhältnis, dort immer auch ausschlaggebend, welche demokratischen und sozialen Bürgerrechte für wen gelten, und für wen nicht, wird neu geordnet. Natürlich wie immer von oben für unten bestimmt. Das heisst aber nicht immer, dass es auch dumm ist.

Brasilien – China – Iran

In Brasilien gibt es einen monopolistischen Baukonzern namens Odebrecht (deutsche Vorfahren). Der muss irgendwas furchtbar falsch gemacht haben, was ja eigentlich alle machen, bei der Korruption. Der gesamte Kontinent ist aufgebracht. Siemens ist, wie überall auf der Welt, auch dabei, und muss auf seine Deckung achten. Was das alles für ein Geld kostet …..(Jungle World).
Die Krautreporter haben einen intelligenten Text zur Weltmachtentwicklung Chinas veröffentlicht. Der Text läuft irgendwann hinter eine Paywall. Offen ist die spannende historische Vorgeschichte, nicht kostenlos lesbar die Zukunftsspekulation (das kann man dann ja auch selbst).
Die von mir hochverehrte Charlotte Wiedemann berichtet aus dem turbulenten politischen Geschehen im Iran, wovon wir aus deutschsprachigen Quellen zur Zeit ansonsten nullinformiert werden. (taz)

Seesslen über Trump / Lachen über “Schwarze Null” / wie wärs mit Journalismus?

Georg Seesslen, in meinen Augen bester Essayist unter deutscher Sonne, hat ein Buch über Trump geschrieben. Und siehe da, neben seinen regelmässigen Arbeitgebern taz, Jungle World und DLF gibt jetzt sogar das FAZ-Feuilleton Texte bei ihm in Auftrag. Im Telepolis-Interview gibt es Auskunft über seine Trump-Sicht. Seine Berlusconi-Bezüge sind interessant und zutreffend – Trump ist zwar sehr US-amerikanisch, aber nicht nur. Das Problem, das er darstellt und repräsentiert, lässt sich in Europa nicht aussitzen. Ein Teil der herrschenden neoliberalen Klasse ist zum Bündnis mit Rassismus, Machismus und dem, was früher mal “Lumpenproletariat” genannt wurde, entschlossen.
Ein Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung beschrieb im Deutschlandradio, wie der kluge Karl Marx die heutige strategische Lage – vielleicht – erfasst hätte.
Eine “Schwarze Null” ist aus US-amerikanischer Sicht allenfalls Wolfgang Schäuble, und Ausweis für seinen lächerlichen Provinzialismus. Für die Politik einer Großmacht ist die Höhe der Schulden irrelevant – entscheidend ist Vertrauen in ihre Macht.

Die ganze Woche habe ich überlegt, was ich kluges zum allgemeinen “Fake-News”-Gequatsche schreiben könnte. Ausgeruhte kritische Einschätzungen gab es Weiterlesen

Frankfurter Schule, alte

Micha Brumlik versucht mit den Instrumenten der klugen, epochemachenden Gesellschafstheoretiker, die uns in der Tat noch einiges mitzuteilen haben, wenn wir nur die Zeit hätten, sie noch zu lesen, in den Blättern die komplizierte, gefährliche Lage für demokratische Politik zu erfassen.
Bemerkenswert, dass sie einem Jungle-World-Interview mit Stefan Gandler zufolge, im lateinamerikanischen Wissenschaftsbetrieb gegenwärtig eine Renaissance erfahren. Mexiko könnte zu einem Brennglas avancieren, weil schon vor Trumps Amtsantritt, der die Lage noch verschlimmern dürfte, die gesellschaftlichen Konflikte dort weiter eskalieren.
Die Zapatist*inne*en wollen erstmals eine eigene Präsidentschaftskandidatin nominieren.
Und die Frauen werden ihren Widerstand gegen die Gewaltkultur verstärken müssen; jetzt hat es eine Senatorin und ehemalige Leichtathletikweltmeisterin erwischt. Mexiko ist, verstärkt durch seinen Drogenkrieg und katholisch konnotierten Machismo eine globale Hochburg des Femizids.

Und hier noch die gute Nachricht: seit Jahren ist Peru der Hotspot der globalen Gourmets. Sein gutes und aus seltenen originär peruanische Zutaten entwickeltes Kochen ist zum Branding des ganzen Landes geworden. Das hat nun sogar das deutschnationale Spiegel-online schon bemerkt, für das es natürlich eine Deutsche gewesen sein muss ….wer sonst?

Frankreich

Es gibt eine Welt da draussen, in der in diesem Jahr auch wichtige politische Entscheidungen fallen. Noch vor der NRW-Landtagswahl werden wir wissen, wer neuer französischer Präsident – eine Frau hoffentlich nicht – wird. Der linke Kandidat Jean-Luc Melenchon kommt heute im FR-Interview selbst zu Wort; Rudolf Walther kommentiert beim oxiblog seine strategische Ausgangslage.
Der seit einigen Jahren beste deutsche Frankreich-Korrespondent Bernhard Schmid veröffentlichte in der jüngsten Jungle World eine zeitgeschichtliche Beschreibung des ideologisch-intellektuellen Hintergrunddiskurses hinter den französischen Politikdebatten. Zu Melenchon hat er eine deutlich-kritische Einschätzung (Jungle World eine Woche zuvor).

Noch eine Bemerkung zu weiblichen Kandidatinnen: es “gibt” genug gute Frauen. Meistens sind sie leider selbst ihre schärfsten Kritikerinnen und kandidieren erst gar nicht bei wichtigen Wahlgängen und Personalentscheidungen. Es ist eine Schwäche der Grünen, dass keine linke Frau die Traute hatte, sich gegen KGE um die Spitzenkandidatur zu bewerben. Es ist eine ebensolche Schwäche, wenn die Linken meinen, eine Populistin mit kaputtem Kompass einer Frau mit einer klaren emanzipatorischen Linie vorziehen zu müssen. Wahlen, zu denen frau nicht kandidiert, sind schon verloren. Ich hoffe inständig, dass das wenigstens in Bezug auf Frankreich widerlegt wird.

Addis Abeba / Italien / Klimaflucht / NSU

Die heutigen empfehlenswerte Texte finden sich in nur zwei Medien: Jungle World und Telepolis.
Erstere bietet eine informative Reportage über der politischen Lage in Äthiopien und speziell im boomenden Addis Abeba. Geradezu avantgardistisch mutet dabei der Mangel an Demokratie an.
Telepolis bietet u.a.: Bankenkrise in Italien eskaliert; Klimaflucht vor allem aus Afrika wird stark zunehmen, danke auch an uns Verursacher*innen; die preiswürdige NSU-Serie widmet sich heute dem Zschäpe-Prozess in München.

So versauen Sie sich das Fest + Bingewatching-Tipp

Nichts kann die Weihnachtsstimmung besser versauen, als das Eindringen der Wirklichkeit.
Der Stoff dafür wird knapp. Nicht nur TV- und Zeitungsredaktionen flüchten sich in teilweise monatelange “Weihnachtspausen”, selbst viele Onlinemagazine machen zu. Wenn Sie die Feiertagsseiten mancher journalistischer Schichtarbeiter*innen verfolgen, werden Sie damit Ihre Zeit auch nicht rumkriegen und doch mit Ihren Familienmitgliedern sprechen müssen.
Hier noch ein paar erste Hinweise zum Zeitvertreiben:
Verschwörungstheorien, ganz offiziell von Regierungen in der Türkei (FAZ) und den USA (nachdenkseiten) verbreitet – Sie wissen ja, nicht alles glauben, was in der Zeitung steht, im Fernsehen kommt, irgendwo im Internet war.
Natur und Ökologie sind nicht das Gleiche, denken Sie da mal dran beim Spaziergang in Ihrer menschengemachten Umgebung. (Cord Riechelmann, Jungle World).
Da unsere Journalist*inn*en und Auslandskorrespondent*inn*en über die christlichen Feiertage alle keine Zeit zum Arbeiten haben, kann der wahabitische Feudalstaat Saudi-Arabien, unsere besten Freunde im Islam, wieder eine Menge erledigen, ohne dass wir was mitbekommen. Wenn überhaupt über seine Politik in der heutigen multipolaren Welt berichtet wird. Dort werden Terroristen z.B., wie jüngst auch der Mörder des russischen Botschafters in der Türkei, in der Regel direkt vom SEK erschossen, ohne kostspielige Verhaftungen und Gerichtsprozesse; Vorteil: dann können umständliche Verhöre auch nichts mehr zur Aufklärung des Tathintergrunds beitragen. Wie wird das wohl mit dem tunesischen Tatverdächtigen aus Berlin ausgehen?
Und dann noch was über Männer: es bleibt wirklich fast gar nichts mehr vor diesen Feministinnen verborgen – jetzt dürfen sie sogar schon in der FAZ schreiben, ein Beweis, dass der Weltuntergang jetzt ganz nah ist.

Und hier der Bingewatching-Tipp für die Feiertage: Weiterlesen

Marx heute / Faschistenpsychologie / The Winner Is China

Marx, da denkt man an Klassenkampf. Der listige Robert Misik (DLF) erklärt uns mit Marx’ Analyseinstrumenten, das wir möglicherweise in ein neues Zeitalter weltweiter Kooperation eintreten, und dass es die spinnerten Gutmenschen sein könnten, die dabei die Avantgarde sind.
Götz Eisenberg (JW) beschreibt uns mit Adornoschen Analyseinstrumenten, wie sich ein faschictischer Charakter bilden kann.
Axel Berger (Jungle World) erklärt, wie der Sieger aus Trumps Außenwirtschaftspolitik China sein wird.

Leitkultur, britische / Sicherheit, gefühlte / Verdichtung&Begrünung / Postfaktische Diskursstrategie / Sex&Geschlechterkampf

Die Jungle World beschreibt die Strukturen, in denen im englischen Fußball sexueller Missbrauch gedeihen konnte. Die in dem Text genannten Zahlen sind seit Erscheinen des Textes in dieser Wochenzeitung in die Höhe geschnellt.
Es gibt ihn noch den Geschlechterkampf, und selbstverständlich wird er über Sex ausgetragen. Im öffentlichen Raum verlangt er immer noch nach möglichst viel Nebel, der durch neblige Umfragen noch weiter vernebelt wird. Gefühle und Politik. Manches bleibt.
Die Sicherheit für Menschen in Deutschland wächst, seit Jahren beständig. Gefühlt ist es umgekehrt. Woran das bloss liegt?
Bernhard Wiens (Telepolis), ein immer wieder lesenswerter Schreiber über Architektur, berichtet über die kontroverse Debatte zu Stadtverdichtung und Begrünung.
Der Sprech vom “Postfaktischen” ist eine Diskursstrategie; kann man drauf reinfallen, muss man aber nicht.

Body-Positivity: “Fat is a feminist issue”

Neue Welle? Neue Bewegung? Auf jeden Fall gut. Niemand ist hässlich. Das Leben kann schön sein, und zwar vor allem durch das Sündigen. Wenn wir uns gegenseitig stärken, das Positive an uns selbst und unseren FreundInnen sehen, darüber sprechen, darüber schreiben, und soziale und asoziale Netzwerke damit bespielen.
Und nein, Heidi Klum und das Privatfernsehen sind nicht alles schuld. Es ist ein System, in dem Ausbeutung und Selbstoptimierung ineinander greifen. Das funktioniert auch ganz ohne Fernsehen. Aber Widerstand ist möglich, individuell und kollektiv. Und der Jungle World ist zu danken, dass sie in ihrer neuen Ausgabe darauf aufmerksam macht.

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