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Statt Geisterfussball gucken

Jupps 75. gebührend feiern
Zwar habe ich ihn nicht, wie Hans Schäfer, persönlich kennen gelernt. Wir haben aber gemeinsame Freunde. Von denen weiss ich, also nicht nur über Medien, was für ein feiner Pfundskerl er ist: Josef Heynckes wird heute 75. Er gehörte zur ersten Generation der “Fohlen” genannten Supertalente bei Borussia Mönchengladbach in den 60er und 70er Jahren. Die erste Meisterschaft 1970 verpasste er, weil er zu Hannover 96 abgewandert war. Klugerweise kehrte er danach schleunigst zurück.
Als Trainer und Lattek-Nachfolger schaffte er es 1979-1987 unter wirtschaftlich erschwerten Bedingungen die Borussia in der nationalen Spitze zu halten. Ich war 1984 in dichtem Schneetreiben am Bökelberg dabei, als der spätere Meister VFB Stuttgart mit 2:0 niedergekontert wurde – Frank Mill lief gefühlt ein halbes Dutzend mal auf den fantastischen Helmut Roleder zu, und erst beim letzten Versuch passte es zur Spielentscheidung; am Ende der Saison wurde die Borussia punktgleich mit dem Meister Dritte (selbstverständlich habe ich eine Aufzeichnung davon). Viel Unglück erlebte Heynckes dagegen bei Eintracht Frankfurt 1994/95, wo eine hochveranlagte Mannschaft (Bein, Yeboah, Gaudino, Okocha) unter seiner Leitung zerbrach, sowie bei seiner Rückkehr nach Mönchengladbach 2006/07, bei der ihm übel mitgespielt wurde.
Meine küchenpsychologische Ferndiagnose ist, dass der Fußballlehrer Heynckes mit dem unter Fußballprofis nicht seltenen Typus des grossmäuligen Neureichen nie warm wurde (Wolfram Wuttke!). Anders hingegen die Ehrgeizigen, Lernbegierigen, also solche wie er selbst; sie konnten es unter seiner Anleitung in die Weltklasse schaffen.
Der Mensch und der Profi Heynckes ist unter seinen üblen Erlebnissen nicht zerbrochen, sondern gewachsen. 1998 gewann er mit Real Madrid die Champions League – das junge Sturmduo Raul und Morientes spielte unter seiner Anleitung auf, wie es nach seinem schmählichen Rausschmiss danach nicht mehr oft zu sehen war. Zeitlebens musste Heynckes auf diese Weise erlernen und erleiden, dass das Profitstreben jede sportliche und menschliche Entwicklungsgeduld im Profifussball vernichtet.
In seinem Kicker-Interview zu seinem Geburtstag (dort nur hinter Paywall, zusammenfassende Meldung hier, FAZ-Zusammenfassung hier) macht er deutlich, dass ihm das alles nicht das Rückgrat gebrochen hat, sondern er als politischer Mensch seinen Lebensabend zu geniessen weiss. Vorbildlich!
Darum werde ich heute was Gutes vom l’Olivo essen und mein Glas guten Weines auf diesen Klassetyp erheben – und dazu schöne Bilder aus meinem DVD-Archiv geniessen.

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

2 Kommentare

  1. Roland Appel

    Ich hab gedacht, Du hättest Die Rubik “Fußball” gestrichen?

    • Martin Böttger

      Lies’ in den Links, was Don Jupp gesagt hat. Das ist Politik.

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