Das deutsche Bürgertum ist rechtsoffen. Das ist keine neue Nachricht aus der Coronakrise, sondern seit über 200 Jahren bekannt. Als in Frankreich eine blutige Revolution tobte, um bürgerliche Freiheitsrechte zu erobern, herrschte rechts des Rheins, also hier in Beuel, Untertanengeist. Neben Rheinländer*inne*n, die sich an den von Bonaparte mitgebrachten Rechten erfreuten, liessen sich allzu viele Andere von den Fürsten nationalistisch aufwiegeln, um gegen den Franzmann in den Krieg zu ziehen. 1848 noch mal sowas Ähnliches, 1871 und 1914 noch furchtbarer, mit dem verbrecherisch-mörderischen Gipfel 1933/39/45. Danach nahm sich das westdeutsche Bürgertum die FDP. Dort traf es dann die Nazis, die auf die gleiche Idee gekommen waren. Nicht wenige aus Bürgertum und Nazis waren nah miteinander verwandt, manche gar befreundet. So weit die alte Zeit.
Und heute? In der Pandemie lassen sich die Deutschen, ähnlich wie in den USA, nur mit klareren Mehrheitsverhältnissen, nicht mehr in links oder rechts, arm oder reich, Kapital oder Arbeit teilen, sondern in Impflicht oder nicht. Der Blick reicht nicht mehr über die eigene Armlänge hinaus. Das ist deutsch.
Um Krieg und Frieden verhandeln die USA und Russland, als seien es wieder die 50er Jahre. Die Deutschen dürfen zugucken. Und ehrlich; Atommächte wissen über die Gefahren ihrer Atomwaffen einfach besser Bescheid, als die Waisenkinder in der deutschen Regierung.
Dann gibts da Arm und Reich. Hats das nicht immer gegeben? Ja, das stimmt. Dass es immer schlimmer wird, war auch schon immer so, seit es den Kapitalismus gibt. Dass es in der Pandemie in seiner Obszönität für alle sichtbar wird, das war nicht immer so. Sondern hat was mit dem Medienwandel zu tun. Der ist historisch betrachtet relativ neu. Die Medien der Herrschenden behelfen sich in dieser Gefahr mit dem Verbreiten von Nebel. Es funktioniert noch, aber nicht mehr lange.
Klassisch in Deutschland ist, dass die gesellschaftliche Linke, nicht zu verwechseln mit der Partei gleichen Namens, die nur ein kleiner Teil von ihr ist, noch keine Analyse der Konstellation schafft, von Strategien ganz zu schweigen. So entsteht ein weites offenes Feld, in dem sich alle Sorten von Faschist*inn*en austoben, wie Fische im Wasser, mit der glasklaren Analyse: da im Bürgertum gibt es sehr viel zu fischen.
Ich weiss nicht, ob Andreas von Westphalen verarmter oder reichgebliebener Adel ist. Für Letzteres ist er publizistisch zu fleissig. Offensichtlich ist er verbürgerlichter Adel. Denn er träumt von der Kraft des Arguments, und sucht es überall. So entsteht aus seiner Arbeit eine Art Pflichtenheft für die real existierende bürgerliche Ampelkoalition, die jetzt in Deutschland die Pandemie managen muss. Die vor ihr regierende nicht minder bürgerliche Koalition hat so viel kommunikativen Mist gebaut, dass die Jetzige bislang noch gar nicht richtig weiss, wo sie anfangen soll. Und das so offen zeigt, dass es wiederum jede*r mitbekommt.
Diese intellektuelle Überforderung und Führungslosigkeit kann dramatische Ausmasse bekommen. Ich beklage ähnliche Symptome schon lange in der Aussenpolitik. Westphalen tut es in Bezug auf die Pandemie. Langsam entsteht ein anschwellender Klagechor aus der Wissenschaft – das Schlagwort, um das es geht, heisst “evidenzbasiert”, als Gegensatz zu “Blindflug”. Das Virus ist neu und unerforscht. Es müsste also erforscht werden. Damit es sich nicht ständig verändern/mutieren kann, muss es global statt national bekämpft werden. Es sollte keinen Anlass geben, auf Kosten fast aller Anderen einige wenige zu Milliardär*inn*en zu machen. Das Überleben muss sich für alle lohnen, damit sie darum kämpfen.
Andreas von Westphalen ist meines Wissens kein Regierungśberater. Obwohl: ich hätte nichts dagegen. Wenigstens sollte ihn jemand in der Regierung lesen (lassen). So viel Zeit muss sein.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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