Mediathekdiamant “Il sorpasso”

So schön habe ich Rom noch nie gesehen. Diese Stadt ist quasi schon totfotografiert. In Il Sorpasso (Mediathek bis 17.3.) von 1962, dem Jahr, in dem ich in den Kindergarten kam, fährt Vittorio Gassmann mit Jean-Louis Trintignant im Cabrio durch eine menschenleere und autofreie Stadt. Ob sie für die Dreharbeiten evakuiert wurde, bleibt in dem ansonsten superinformativen Wikipedia-Eintrag offen. Das Auto, dessen Elend dieser prophetische Film voraussah, schafft es, eine Stadt schwarz-weiss schöner aussehen zu lassen, als in Farbe.
Ich kannte dieses Meisterwerk bisher nicht. “Fahrraddiebe / Ladri di biciclette” (1948) ist mir in Kindheitserinnerung geblieben. Als Il sorpasso im Kino erschien, liefen die italienischen Diebe im deutschen TV-Programm. Sie bestätigten zusammen mit den Catenaccio-Fussballern, was der Deutsche seit dem verlorenen Zweiten Weltkrieg wusste: auf die Italiener ist einfach kein Verlass. Vor denen muss mann sich vorsehen. Als Gastarbeiter nahmen sie “uns” die Frauen weg, die in der Eisdiele vor ihrem Charme nicht sicher waren.

Vordergründig bedient auch Il sorpasso dieses Klischee, allerdings besonders trickreich materialistisch und dialektisch geschult.

Denn während Vittorio Gassmann hier den virilen allen Genüssen dieser Welt zugeneigten italienischen Macho gibt, spielt Trintignant einen jungen Mann, der auch als deutscher Austauschstudent durchgehen könnte. Der o.g. Wikipedia-Eintrag erklärt, wie gewitzt und vorausschauend der Film von Dino Risi den seinerzeit real existierenden Kapitalismus analysiert und abbildet. Mit der tragischen Schlusspointe ist sein Fazit, anders als von der damaligen deutschen Filmkritik halluziniert: Überleben im Kapitalismus ist nur möglich mit der Entfaltung aller Kräfte von Lebenslust und -freude. Also das, worum der Deutsche den Italiener lebenslang beneidet.

Natürlich ist das auch nur ein Klischee. Und dem Filmemacher Risi ging es nicht im geringsten um die Ausleuchtung deutsch-italienischer Kulturschranken. Risi und seinem Zeitgenossen Pasolini (von dem empfehle ich besonders Comizi d’amore, 1964, also die gleiche Zeit) ging es um eine realitätsharte Auseinandersetzung mit ihrer italienischen Gegenwart. Diese Kunst war gross und politisch, vielleicht auch dadurch, dass sie noch nicht bunt war. Heute vermisse ich sowas oft schmerzlich.

Brücke zum heute

Vor einigen Jahrzehnten war hierzulande von einer Toskana-Fraktion die Rede. Das war eine selbstbespiegelnde Überhöhung deutschen Grossbürgertums, das den zweifellos besonderen italienischen Wein für sich entdeckt hatte, und daraus deutschtypisch ein ganzes Distinktionsgebäude baute. Die Herren Joseph Fischer und Otto Schily, auch Gerhard Schröder, gehörten zu den bekanntesten Repräsentanten. Ist es gut für sie ausgegangen? Das hängt ganz vom Auge des Betrachters ab.

Als Alternative empfehle ich Birgit Schönau, eine Römerin gewordene Westfälin. Stellen Sie sich einfach vor, wie Friedrich Merz oder Franz Müntefering zu Vittorio Gassmann werden. Vor vielen Jahren bin ich ihr bei einer Litcologne begegnet. Mir ist völlig unverständlich, warum die Texte der Guten seit 2019 nicht mehr in der SZ erscheinen; ist aber auch egal, weil sie ja sicher digital eingemauert würden. Aber Schönaus Blog ist offen, lesens- und gelegentlich wg. der schönen Bilder auch sehenswert. Die Bilder von den Mahlzeiten sollten Sie vermeiden, wenn Sie hungrig sind.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net