In zwei Wochen ist NRW-Landtagswahl. Meine Stimme ist schon weg. Ich bin immer unter den ersten Wähler*inne*n im Beueler Wahlbüro. Ich könnte ja noch unters Auto kommen. Oder – noch schlimmer – es mir anders überlegen. Ist mir bei dieser Wahl erstmals passiert. Zu spät. Helmut Lorscheids Text “Wen wählen?” also ebenfalls – für mich zu spät. Andererseits: immer mehr Menschen überlegen es sich erst im letzten Moment. Wegen Helmuts Text sind sogar schon nervöse persönliche Kommentare bei mir angekommen. Meiner Meinung nach unbegründet nervös.

Helmut legt offen, was seine persönliche Meinung ist, und wie er zu ihr kam. Die Leser*innen sind klug genug, ihre eigene Meinung zu bilden. Extradienst-Leser*innen allemal.

Belastet sind die nervösen Wahlkämpfer*innen objektiv tatsächlich durch die immer unterirdischeren Umgangs- und Diskussionsformen, vorzugsweise (aber nicht nur) in den asozialen Netzwerken. Sie tragen sich sogar in leibhaftigen Parlamenten zu , in denen viele Männer die Sitzungsleitung durch eine Frau schlicht nicht aushalten.  “Schlingen” sollen “sich zuziehen”, und in der Rheinaue sollen Politiker*innen aufgehängt werden. Das ist kein Spass. Dennoch aber eine wählerabschreckende Schwäche jener, die weder Haltung noch Fassung beieinander halten können. Sie sollten lieber Toiletten als öffentliche Diskussionsorte aufsuchen. Zufall, dass es zu 90% Männer sind? Nein, leider überhaupt nicht. Es ist hart, und es macht hart, am Ende die Frauen stärker und solche Männer zu Schlappschwänzen.

“Gefährlicher” für die Kandidat*inn*en sind meiner Meinung nach die Texte des Jungdemokraten-Realos der 70er Jahre, Hanspeter Knirsch. Heute: “Verhandlungsfrieden oder Siegfrieden?”. Er wirft exakt die Lehrbuchfragen einer Aussen- und Friedenspolitik auf, die sich heutige Akteur*inn*en in der Berlin-Mittigen-Hauptstadtblase gar nicht mehr stellen, die Mehrheit der Bürger*innen aber sehr wohl. Das ist die eigentliche “Gefahr” für aktuelle Wahlkämpfer*innen, der viele von ihnen zu entgehen versuchen, indem die Angehörigen dieser Mehrheiten zu vernachlässigbaren Individuen mit Ansichten abseits des Medienstroms isoliert und deprimiert werden.

Möge es nicht gelingen. Dafür schreibe ich gern. Heute “Welt aufessen”. Das wollen die jungen Fussballerinnen des FC-Barcelona, die nach ihrem 5:1 im Hinspiel heute Abend durch ein 0:2 auf der Betriebssportanlage des VW-Konzerns das Champions-League-Finale erreicht haben. Sie finden in dem Text jedoch mehr als Fussball: weitere diskutable Texte zur Strategie der russischen Regierung, sowie ein informatives Interview der Jungen Welt mit Sabine Rollberg (ehem. WDR und Arte).

Und in der Stunde nach Mitternacht folgt die nächste Kolumne von Günter Bannas.

Ihnen einen behaglichen Sonntag.

Martin Böttger

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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